Martin Schaefer zum Thema MP3

Im Jahresbericht des Bundesverbands der Phonographischen Wirtschaft e.V. äußert sich GeschäftsführerDr. Martin Schaefer unter anderem zu den Risiken und Chancen der MP3-Technologie. ebiz.de bringt den Beitrag in Auszügen:

“Hochwertige Internet-Musikdateien im MP3-Kompressionsformat nebst dazugehörigen Abspielgeräten (MP3-Player) stehen für eine der massivsten Bedrohungen der internationalen Musikindustrie, halten aber zugleich große Chancen bereit – wenn die rechtlichen und technischen Rahmenbedingungen stimmen. Das dem MP3-Format zugrunde liegende Datenkompressionsverfahren hat die Online-Musiklieferung in hoher Klangqualität erst möglich gemacht. Der ganz überwiegende Teil der Musikangebote in diesem Format ist jedoch ohne Erlaubnis der berechtigten Autoren, ausübenden Künstler und Tonträgerhersteller ins Netz gestellt worden und damit echte Piraterie. Entgegen der verbreiteten Ansicht ist es nicht erlaubt, sich solche Dateien auf den heimischen Computer oder andere Aufnahmemedien herunterzuladen. Insofern macht es Sorge, daß inzwischen technisch hochattraktive Geräte angeboten werden, die – längst zum Scheckkartenformat geschrumpft – völlig ohne bewegliche Teile die mobile Nutzung der MP3-Dateien ermöglichen. Solche Geräte steigern die Attraktivität der Piraterieangebote.

Die Tonträgerhersteller sind weit davon entfernt, die technischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten zu verkennen, die Datenkompressionsverfahren und neue Aufnahmetechnologien auch für sie bereithalten. Sie haben dies mit dem bahnbrechenden Pilotprojekt Music On Demand in Zusammenarbeit mit der Deutschen Telekom längst unter Beweis gestellt. Gerade dieses Projekt ist ein gutes Beispiel dafür, wo die Einsatzfelder für die neue Technologie hätten liegen können, wenn die Hardware-Industrie die Gesprächsangebote der Tonträgerhersteller aufgegriffen hätte. Auch Music On Demand bedient sich der MP3-Kompressionstechnik, verschlüsselt jedoch die gelieferten Dateien in einem auf den Kunden zugeschnittenen Code. Mittels darauf abgestimmter Aufnahmegeräte hätte sich ein geschlossenes Sicherungssystem einrichten lassen.

Die Tonträgerwirtschaft macht der Hardware-Industrie nicht den Vorwurf, innovative Technologien entwickelt, sondern dies unabgestimmt mit den Inhalteanbietern getan zu haben. Dies umso mehr, als die Rechtsentwicklung in der EU erkennen läßt, daß die Tage der grenzenlosen Privatkopie gezählt sind. In dem gerade diskutierten Entwurf einer Urheberrechtsrichtlinie steht die Reform des Rechts der privaten Vervielfältigung mit im Zentrum des Interesses. Künftig ist es möglich, seitens der Inhalteanbieter technische Schutzsysteme vorzugeben, im Rahmen derer erstmals eine individuelle und zugleich anonyme Kontrolle privater Kopiervorgänge geschaffen wird. Parallel wird eine Umgehung dieser Schutzsysteme verboten werden. Die Angebote von Heimelektronikherstellern, die im letzten Weihnachtsgeschäft einfach bedienbare Doppeldeck-CD-Recorder und unlimitiert einsetzbare MP3-Player- und Recorder auf den Markt geworfen haben, erwecken den Anschein, als habe man kurz vor Toresschluß noch vollendete Tatsachen schaffen wollen.

Anlaß zur Hoffnung gibt die Ende 1998 ins Leben gerufene Security Digital Music Initiative, bei der Hardware- und Inhalteanbieter an gemeinsamen Standards für Kopieschutztechnologien arbeiten. Dieses Projekt, obwohl in den USA angesiedelt, bezweckt einen international offenen Standard. Im Rahmen solcher kontrollierter Umfelder kann die private Kopie auf CD oder MP3-Chips eine wertvolle Ergänzung zur Online-Lieferung von Musikdateien werden.‘