MUSIKWoche: Warum war es Ihnen nicht möglich bei der Entertainment One AG weiterzuarbeiten? Wollten Sie nicht – oder war Avram gegen diesen Schritt?
Mario Mendrzycki: Aufgrund der durch Altlasten und Gesellschafteraktivitäten verursachten wirtschaftlichen Situation der MCR GmbH haben beide MCR-Geschäftsführer dem Alleingesellschafter Avram vor Bekanntgabe der neuen Liaison sogar schriftlich nahegelegt, ein klares Konzept zur Bewältigung der Verbindlichkeiten vorzulegen oder gemeinsam zu erarbeiten. Da Marcel Avram auf dieses wohl verständliche Ansinnen meiner Auffassung nach nur ungenügend reagierte, sah ich zu diesem Zeitpunkt keine Möglichkeit für eine weitere Zusammenarbeit. Konsequenterweise habe ich Marcel am Freitag, den 8. Dezember über meinen Entschluss der sofortigen Niederlegung der Geschäftsführung informiert. Er hat meine Demission akzeptiert.
MW: Warum wählten Avram und die DEAG den etwas ungewöhnlichen Weg, eine Holding in der Schweiz zu gründen, die wiederum eine andere AG kauft beziehungsweise zu 70 Prozent übernimmt?
Mendrzycki: Soweit mir Details zum eingeschlagenen Weg bekannt sind halte ich diese – wie auch wesentliche andere Bestandteile – des Deals für die Beteiligten als wirtschaftlich äußerst vielversprechend. In wieweit die beteiligten Player an einem Strang ziehend arbeiten werden, und ob die Strukturen den Künstlern, dem Publikum und dem operativen Geschäft zu Gute kommen, muss sich erst erweisen.
MW: Wann erfolgte die Gründung der Entertainment One AG? Waren Sie in diese Pläne eingeweiht? Wie kann man sich die „Übertragung“ der Verträge von Mama auf die neue AG vorstellen?
Mendrzycki: Die Möglichkeit einer Kooperation mit der DEAG wurden zwischen Marcel und mir neben anderen Optionen häufig diskutiert. Aber über die Vorgehensweise in Bezug auf Entertainment One wurde die MCR-Geschäftsführung retrospektiv betrachtet mit voller Absicht im Unklaren gelassen. Was die Beweggründe hierfür waren, kann ich nur erahnen, wobei Vorteile für den Gesellschafter Avram zumindest vordergründig nicht zu ersehen sind. Dies hat wohl mehr mit Marcels gewohnter „One-Man-Show“-Denkweise zu tun. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, gibt es im Live-Touring-Business keine langfristigen Verträge. Unabhängig davon, bin ich gespannt, wie Marcel den Spagat mit all seinen Konsequenzen bewerkstelligen wird.
MW: Marcel Avram erwähnte im Gespräch mit MUSIKWoche, dass Mama Concerts in der Vergangenheit bereits auf Sparflamme gelaufen sei… Woran lag das?
Mendrzycki: Das ist völliger Unsinn. Marcel selbst und auch das MCR-Team haben über die letzen Jahre – insbesondere seit der bekannten Krise – mit kompromisslosem Einsatz und ungebremstem Enthusiasmus zum Überleben der Firma und zur Rückkehr zum Erfolg beigetragen. Tournee-Erfolge wie Santana, AC/DC, Britney Spears, Peter Maffay, Udo Jürgens, Andre Rieu, Rod Stewart, Eros Ramazzotti, und die für die nahe Zukunft geplanten Aktivitäten wie Open-Airs mit AC/DC, Bon Jovi und Peter Maffay, Konzerte mit Eric Clapton, Status Quo und Udo Jürgens sind mit einer „Sparflamme“ weder zu akquirieren noch vorzubereiten und schon gar nicht durchzuführen.
MW: Glauben Sie, dass Avram mit diesem Schritt wieder unter die Top-Konzertveranstalter der Welt kommen kann?
Mendrzycki: Marcel und Fritz Rau gehören – unabhängig vom Geschäftsverlauf, der in diesem Business wie auch im Record-Business von traditionellen Ups and Downs gezeichnet ist – für immer und ewig zu den wegbereitenden und wirklich großen Promotern. Marcel wird durch den jetzigen Deal erneut die Möglichkeit haben, sich mit freiem Kopf und prallem Scheckbuch auf seine Stärken – die Akquisition, Vermarktung und Betreung internationaler Superstars – zu konzentrieren. Marcel strotzt vor Tatendrang, und ich glaube, er will es nochmal wirklich wissen. Ich habe mir im übrigen erlaubt, Fritz bereits letztes Jahr für einen Echo-Lifetime Achievement Award vorzuschlagen.
MW: Wird Fritz Rau mitmachen – innerhalb der Entertainment One AG?
Mendrzycki: Solange Fritz in unserem Business aktiv bleibt, ist für mich nur eines sicher: Er wird seinen ganzen Einsatz, seine ihm eigene Leidenschaft und Professionalität schwerpunktmässig seinem Künstler und Freund Peter Maffay widmen. Nach diesem Credo und auf Basis entsprechender Vereinbarungen verlief auch die Zusammenarbeit zwischen Fritz, Marcel und MCR in jüngster Zeit. In wieweit Fritz darüber hinaus bereit ist, sein Tätigkeitsfeld auf andere Künstler und die Entertainment One AG auszuweiten, sollte man ihn selbst fragen.
MW: Stichwort Prozeß Mama gegen Michael Jackson – wie ist der Stand der Dinge?
Mendrzycki: Die von Avram – und nicht von MCR – erhobene Klage wird in den USA von sehr renommierten Anwälten betreut. Die Erfolgsaussichten sind laut den Rechtsanwälten gut. Aufgrund des langjährigen und guten Drahts zwischen Michael persönlich und Marcel, aber auch insbesondere aufgrund der von Michael Jackson nicht wegzudiskutierenden Verpflichtungen halte ich einen Vergleich für nicht ausgeschlossen. Im Verlauf des Jahres 2001 sollte das Verfahren, meiner Einschätzung nach, zu einem Abschluss kommen.
MW: Welche weiteren beruflichen Pläne haben Sie?
Mendrzycki: Ich habe meiner Freundin letzte Woche versprochen, mit ihr einen sehr langen Urlaub zu machen. Auf die Reaktionen nach meiner Kündigung bei MCR hin weiß ich allerdings nicht, ob dieses Versprechen wirklich zu halten ist.
MW: Wer wird ihrer Meinung nach das Rennen in Deutschland machen – die DEAG oder CTS? Oder ist das „Rennen“ bereits entschieden?
Mendrzycki: Das CTS-Flagschiff ist Lieberberg, das der DEAG Avram. Für die jeweiligen Veranstalteraktivitäten dieser AGs ist es natürlich von gesteigerter Bedeutung, welche Künstler diese beiden Player für ihre Shareholder zu welchen Garantien und, viel wichtiger, mit welchem Profit veranstalten. Letztlich wird für das Gewinnen des Rennens nicht ausschließlich das jeweilige Veranstaltersegment entscheidend sein, sondern vielmehr die strategische mittelfristige Vernetzung aller Aktivitäten dieser AGs. Wer immer die bessere Aufstellung haben wird und dies dem Nukleus – bestehend aus Künstlern, Publikum, Medien, Analysten und Börse – schmackhaft machen kann, wird gewinnen. Man sollte ebenfalls die Rechnung nicht ganz ohne den „amerikanischen Wirt“ SFX/Clear-Channel machen. Im Gegensatz zu anderen europäischen Märkten wie UK und Skandinavien gibt es in der BRD als zweitgrößtem Markt der Welt noch keine SFX Repräsentanz. Das letzte Wort ist hier mit Sicherheit noch nicht gesprochen…
MW: Ihre Aussagen klingen nicht verbittert. Macht ihnen die doch überraschende Trennung nach fast drei Jahren so wenig aus?
Mendrzycki: Ich habe Marcel Avram aufrichtig zu dem für ihn persönlich lukrativen und notwendigen Abschluß gratuliert. Die Zeit war reif und das Timing richtig. Meine Kritik richtet sich neben seiner Kommunikationspolitik und bestehenden Bedenken in bezug auf die Abwicklung von MCR auch auf den Umgang mit dem MCR-Team. Das MCR-Team hat die letzten Jahre sowohl für die Firma als auch für Marcel wirklich gekämpt. Ich mache keinen Hehl daraus, dass es weh tut, bestätigt zu sehen, dass Marcel Avram mit Verantwortung für seine Mitstreiter und mit Sozialhygiene so viel oder wenig zu tun, hat wie Britney Spears mit AC/DCs Gitarrenbrett.




