Mailorderfirmen setzen auf Backkatalog

Für die meisten Mailorder-Anbieter ist der Backkatalog-Sektor die tragende Säule ihres Geschäfts. Sie sehen in dem Bereich noch Potenzial und beziehen zunehmend das Internet in ihre Strategie mit ein.

Eine immer wichtigere Rolle neben dem traditionellen Plattenhandel haben sich in den letzten Jahren die Mailorder-Unternehmen erarbeitet. Neben den gängigen aktuellen Produkten und Neuerscheinungen machen dabei Backkatalog-Erzeugnisse einen Großteil des Geschäfts aus. „Über den Daumen gepeilt liegt dessen Anteil bei etwa 80 Prozent“, sagt jpc-Werbeleiter Horst Schweter. „Wir sind ja nicht unbedingt eine Firma, die ein Publikum bedient, das immer die Charts haben möchte.“

Bei über 500 Lieferanten aus dem In- und Ausland beziehe jpc seine Produkte sowohl von Majorfirmen wie auch von kleineren Labels. Das Käuferinteresse gehe quer durch die Genres, besondere Schwerpunkte oder Renner gebe es Schweter zufolge dabei nicht. Wobei Ausnahmen die Regel bestätigen, wie das Beatles-Beispiel und deren letzte Veröffentlichung „1“ zeige. „Das weckt Interesse für alles, was rund um die Beatles herum geschehen ist.“

Bestellverhalten kaum berechenbar

Auf Backkatalog-Veröffentlichungen spezialisiert ist die Hamburger Firma Milestone, die als Tochterunternehmen des Wiederveröffentlichungs-Spezialisten Repertoire begonnen hat und seit dem 1. Juli 1999 selbstständig ist. „Unser Schwerpunkt ist eigentlich alles, was man nicht mehr beim so genannten Vollsortimenter findet, wobei wir nicht Genre-bezogen sind“, erläutert Geschäftsführer Oliver Schuh.

Angefangen habe Milestone mit den Spezialgebieten Rock“n“Roll, Psychedelic und Doo Wop, mittlerweile reiche das Backkatalog-Angebot von Vicky Leandros bis Avantgarde: „Das kann Faust sein, Van der Graaf Generator, aber auch Bata Illic.“

Das Bestellverhalten der Kunden sei laut Schuh schwer vorauszusehen. „Die gefragtesten Sachen sind häufig die, mit denen wir am wenigsten rechnen.“ So sei man vom Erfolg der Wiederveröffentlichungen des Labels Garden Of Delight überrascht worden. Aber auch Golden Earring-Platten, die Milestone aus Holland importiert, verkauften sich hervorragend. Nach Stückzahlen befragt gibt sich Schuh zurückhaltend. „Wir sind ja ein relativ kleines Unternehmen. Wenn wir von einer Nummer pro Kataloglaufzeit – das sind zwei Monate – 200 Stück verkaufen, ist das schon sehr gut. Wir sind auch zufrieden, wenn es 50 sind.“

Das Sortiment gehe eher in die Breite: „Wir haben in jedem Katalog 1.200 bis 1.500 Titel.“ Von Independent-Firmen bezieht Milestone seine Produkte ebenso wie von Majors, dann überwiegend im Midprice-Bereich, „denn für Händler unserer Größenordnung sind die Konditionen, die uns die großen Firmen anbieten, nicht so interessant. Wenn wir uns dem Preisvergleich mit einem großen Anbieter aussetzen, dann verlieren wir immer.“ So führe Milestone beispielsweise aus dem BMG-Katalog nicht die Highlights oder Hit-Sampler, „sondern dann nehmen wir das komplette Amiga-Programm, weil wir auch sehr viele Kunden in den neuen Bundesländern haben“. Zudem machten viele Händler solche Label nicht zugänglich, stellten allenfalls Platten der Puhdys, von Karat oder City ins Regal.

Anbieter wie Napster verändern nach Ansicht Schuhs das Geschäft nicht. Vielmehr werde immer wieder eines deutlich: „Unsere Kunden legen sehr viel Wert auf Aspekte der Covergestaltung und dicke Booklets. Sie drucken sich das nicht in Farbe aus und basteln sich ein Cover zusammen – die wollen eine Reproduktion der LP haben.“ Dennoch nutzen sowohl kleinere Unternehmen wie Milestone oder der Roots- und Americana-Spezialist Taxim als auch Großanbieter wie jpc das Internet, um sich und ihre Produkte online zu präsentieren. Ebenso wie Milestone will jpc in diesem Jahr bei der Anzeigenschaltung kürzer treten, um stattdessen ins Internet zu investieren.

Gut platzierte CDs finden ihre Käufer

Schweter erläutert: „Vergangenes Jahr haben wir Anzeigen in fast allen Fachzeitschriften geschaltet. Jetzt schränken wir uns ein, weil viel Geld in den Internet-Auftritt fließt.“

Zweierlei sei den Mailorder-Firmen gemeinsam: Sie sehen den Backkatalog-Sektor noch lange nicht als ausgereizt an, wie Schuh meint: „Es gibt zurzeit weltweit 800.000 Plattenaufnahmen. Theoretisch gibt es für jede Aufnahme 10.000 Interessenten. Es müssen nur diese 10.000 die Zugangsmöglichkeit zur CD finden, oder wir müssen die Zugangsmöglichkeit zu den Interessenten finden.“

Die zweite Gemeinsamkeit seien die aufwändigen, regelmäßig neu aufgelegten Kataloge, mit denen die Mailorder-Firmen wie jpc, Soundhouse, Taxim, Music Networkoder die Blues-Spezialisten von Crosscut ihre Kunden versorgen. „Ein gutes Beratungsgespräch im Laden kann der Katalog nicht ersetzen, aber er gibt dem Leser Orientierungshilfen“, hat Oliver Schuh beobachtet und belegt das mit einem konkreten Beispiel: „Wenn wir zum Beispiel die Platte einer unbekannten Schweizer Gruppe namens Sub in die Nähe von Led Zeppelin oder Atlantis stellen und dann davon knapp 300 Stück verkaufen, dann zeigt das, dass auch Sachen, die nicht unbedingt bekannt sind, aber vernünftig angepriesen werden, ihre Abnehmer finden.“