Machtwechsel an der BMG-Spitze: Dornemann und Zelnick raus – Gassner rein

Der Konzernumbau von Bertelsmann-Chef Dr. Thomas Middelhoff hat einschneidende Folgen: Vorstand Dr. Michael Dornemann und BMG-CEO Strauss Zelnick nehmen den Hut, BMG verliert Profitcenter und Branchenveteran Rudi Gassner kehrt als Leiter der Bertelsmann-Musiksparte zurück zum Konzern.

Nur elf Monate dauerte Gassners Intermezzo als Privatunternehmer. Seit dem 1. Februar 2000 gingen er und BMG Entertainment getrennte Wege. Und ab dem 1. Januar 2001 findet die 13-jährige Geschäftsbeziehung ihre Fortsetzung im Vorstand von Bertelsmann: Er wird Chairman, President und CEO von BMG Entertainment in Personalunion. Gassner wechselte nach seinem Ausscheiden bei BMG in den Aufsichtsrat der edel music AG und half mit seiner Firma Music Consultants unter anderem Start-Ups wie Ecapella.com auf die Beine.

Sein Weggang Anfang des Jahres sorgte für Aufsehen, sickerte doch durch, dass es im Vorfeld zu Reibereien zwischen ihm und Zelnick kam. Gassner war nicht einverstanden mit der Art und Weise, wie Arista-Chef Clive Davis aus dem Unternehmen verabschiedet wurde. Nun scheint es, als seien Dornemann und Zelnick nicht einverstanden gewesen mit den Plänen von Middelhoff. „Natürlich gibt es bei Veränderungen dieser Größenordnung Menschen, die diese Entwicklung nicht mittragen wollen oder können“, sagte Gassner bei den Münchner Medientagen. Dabei war nach Ansicht von Beobachtern das Ende von Dornemann bei Bertelsmann vorgezeichnet.

Zelnicks überraschendes Ausscheiden führen jedoch viele auf die intern umstrittene Annäherung von Bertelsmann und Napster sowie auf die Strukturreform des Konzerns zurück. Durch die Dreiteilung der Geschäfte in die Bereiche Content (BMG, RTL Group, Gruner+Jahr, BertelsmannSpringer und Random House), Media Services/Arvato (Druck, Services Group, IT und Speichermedien) sowie Direct-to-Consumer (Buch- und Musikclubs, Bertelsmann eCommerce Group, CDNow, BOL) wechselten zwei ursprünglich der BMG zugeordnete Profitcenter in andere Zuständigkeitsbereiche: Sonopress gehört nun zur Abteilung Media Services und das US-Clubgeschäft (BMG Direct) wandert zu Direct-to-Consumer.

Für Zelnick kam diese Trennung einer Beschneidung seiner Kompetenzen gleich. Doch der Spitzenmanager wird es verkraften können: Dem Vernehmen nach erhält er eine Abfindung, die sich zwischen 20 und 50 Millionen Dollar bewegt. Dass es nun Rudi Gassner sein wird, der BMG Entertainment ins Internetzeitalter führt, erstaunte jedoch einige.

Der inzwischen 58-jährige Branchenveteran, der sich bei seiner Belegschaft immer größter Beliebtheit erfreute, wird in zwei Jahren die Konzern-interne Altersgrenze für Vorstände erreicht haben. Darum sehen Beobachter in ihm nur eine Interimslösung an der BMG-Spitze. Das wies Gassner im Gespräch mit MUSIKWoche aber energisch zurück: „Ich habe einen Fünf-Jahres-Vertrag. Schließlich will ich von den Veränderungen auch noch profitieren. Und selbst wenn ich mit 60 zu alt bin als Bertelsmannvorstand: Es gibt auch außerhalb des Boards Einflußmöglichkeiten.“

Den Auslöser für den Austausch im Management, die De-Facto-Übernahme von Napster, sieht Gassner gelassen. Sollte das Geschäft demnächst tatsächlich vollzogen werden, stünde Napster unter der Kontrolle der Bertelsmann eCommerce Group. „Mir ist egal, an wen ich meinen Content lizenziere. Ob intern an Napster und CDNow, oder an Dritte. Wichtig ist jetzt nur: Wie machen wir 38 Millionen Napster-User zu Kunden?“ So hören sich auch Gassners Pläne für die Zukunft vermeintlich einfach an: „Wir werden uns ausschließlich auf Entwicklung, Vermarktung und Vertrieb von Musik konzentrieren. Thomas Middelhoff hat mir versichert, dass von diesem Ziel nicht abgewichen wird. Wenn wir diese Zielsetzung konsequent verfolgen, werden sich unsere Marktanteile von selbst regeln.“

die zukunft von bmg… … scheint geregelt zu sein. Thomas Middelhoff baut den Bertelsmannkonzern und damit auch den Musikbereich radikal um. Damit soll das Unternehmen fit werden für Anforderungen im elektronischen Mediengeschäft. Wichtigster Bestandteil der Reform: Er trennt die Inhalteerzeuger vom Bereich E-Commerce und digitale Distribution. Ein Schritt, der von Wirtschaftsexperten skeptisch beäugt wird: Andere Plattenfirmen hätten dies bereits vorher versucht und später wieder rückgängig gemacht. Nun keimen wieder die Spekulationen. Während viele erwarten, dass Middelhoff nun endlich Time Warner als potenziellen Käufer der EMI Group ausbootet, glauben manche Beobachter, dass Bertelsmann möglicherweise eine ganz andere Strategie verfolgt: Die Umorganisation im Management sei eventuell nur ein Täuschungsmanöver, das den bevorstehenden Ausstieg von Bertelsmann aus dem Musikgeschäft verschleiern soll. Middelhoff, so die Spekulation, habe erkannt, dass er sein Versprechen, die BMG zur Nummer eins im Musikgeschäft zu machen, nicht wahr machen kann. Den treffendsten Kommentar zu all diesen Mutmaßungen lieferte der designierte starke Mann bei BMG, Rudi Gassner, selbst: „Es ist äußerst spannend, nicht zu wissen, wie die Zukunft in fünf Jahren aussehen wird.‘