Der Zettelkasten des 63-jährigen Musikologen Egon Ludwig aus Chemnitz wuchs über Jahrzehnte zu einer Datenbank mit über 50.000 lexikalischen Einheiten. 6000 Stichwörter daraus sind nun in sein Lexikon der lateinamerikanischen Volks- und Populärmusik „Música Latinoamericana“ (ISBN 3-89602-282-2; 68 Mark) eingeflossen, erschienen beim Lexikon Imprint Verlag, Berlin.
Künstler, Genres und Instrumente – auf 720 Seiten findet sich viel Detailwissen über die Musikkultur von Kuba über Mexiko bis Brasilien und Argentinien. Und selbstverständlich gibt Ludwig den Stilarten Salsa, Rumba und Bossa Nova den weiblichen Artikel wie in allen romanischen Sprachen, während der neue Duden weiterhin auf der maskulinen Form beharrt.
Dennoch: Beim Blättern in diesem längst fälligen Nachschlagewerk kommt keine rechte Lust auf Lateinamerika auf. Ludwigs Sprache bleibt allzu akademisch und steif. Wenn etwa Popstar Gloria Estefan unzeitgemäß als „Liedermacherin“ bezeichnet wird oder das Percussioninstrument Chekeré als „Schüttelidiophon“. Und die „negroide“ Bevölkerung Brasiliens gehört zu einem Jargon, den die Völkerkunde längst zu den Akten gelegt hat.
Schwerer wiegen allerdings inhaltliche Fehler. Wer Chico Buarque und Vinicius de Morais zu den Vertretern des „Tropicalismo“ zählt, zeigt sich schlichtweg schlecht informiert. Beide Musiker hatten mit der brasilianischen Avantgarde-Bewegung von 1967 nichts am Hut. Andere Künstler wie den stilprägenden dominikanischen Popstar Juan Luis Guerra sucht man gar vergebens.
Bei den Details happert es ebenfalls: Ricky Martin hat keinen Akzent auf dem „i“. Die Betonung liegt auf dem „a“. Überhaupt vermisst der Leser Hinweise zur richtigen Aussprache – eigentlich ein Muss für die anvisierte Zielgruppe. Neben Musikern, Tänzern und Wissenschaftlern werden ausdrücklich die „Fans der Musik vom Buena Vista Social Club“ genannt. Doch gerade der Eintrag zu den Fackelträgern des Kuba-Booms wird deren Bedeutung nicht annähernd gerecht: Die Jahresangabe ist falsch, das Label falsch geschrieben und zudem unterstellt Ludwig, dass der einst real existierende Herrenklub in Havanna ein Hirngespinst sei. Das aufmerksame Studium des CD-Booklets hätte genügt, um die Fakten richtig darzustellen.





