Klaus Schulze, Musiker und Inhaber Rainhorse: „Major-Company ist wie ein Bonus‘

Klaus Schulze, Produzent, Musiker und „Pate der Techno-Musik“, hat ein neues Label für elektronische Musik gegründet: Rainhorse ist spezialisiert auf umfangreiche Box-Sets mit bis zu 50 CDs. Der 53-jährige erklärt im Interview, wie er sich auch ohne eine Major-Company gut im Geschäft hält.

MusikWoche: Mit ihren Plattenfirmen IC und Inteam haben Sie in den 80er Jahren Platin-Erfolge mit Ideal und Alphaville erzielt. Danach wollten Sie nicht mehr als Labelmacher auftreten. Dennoch gehen Sie jetzt mit Ihrer neuen Firma Rainhorse an den Start. Wieso der plötzliche Sinneswandel?

Klaus Schulze: Die Ursache dafür war, dass keine Major-Company mein neues Zehner-Set „Contemporary Works I“ als Ganzes veröffentlichen wollte. Als Einzel-CDs schon, das wollte ich aber nicht. Außerdem ist die Konstruktion einer Major-Company für meine Art von Musik nicht mehr gut – abgesehen von größeren Projekten. Da brauche ich die Masse und damit kennen sich diese Firmen auch aus. Die Musikindustrie befindet sich in einer Umbruchphase, da kann man sich nicht einfach auf drei Jahre vertraglich verpflichten lassen. Ich habe jetzt erfahren, dass man zum Teil sogar die Rechte an seiner Webpage abgeben muss. Die können dann mit deiner Seite machen, was sie wollen! Bei den meisten Majors bist du nur so lange gefragt, wie deine Musik im Trend liegt. Mich gibt es ja noch, weil ich mich nie einer Mode angeschlossen habe. Mit meinem eigenen Label Rainhorse, das seit März 2001 von vertrieben wird, habe ich alle erdenklichen Freiheiten. Das Geld spielt sich zwar eher häppchenweise ein, aber ich kann davon hervorragend leben. Wenn es mal wieder richtig brummt, kann ich immer noch entscheiden, ob ich für ein bestimmtes Produkt wieder mit der Industrie arbeiten will. Einen Deal könnte ich jederzeit bekommen, viele der großen Plattenbosse in Deutschland kenne ich persönlich. Für einen Künstler wie mich ist eine Major-Company wie ein Bonus.

MW: Welches Konzept verfolgen Sie mit Rainhorse?

Schulze: Wir sind Spezialisten für Box-Sets zwischen zehn und 50 CDs. Eine reguläre Alphaville-Platte könnten wir gar nicht machen. Die verkaufen weltweit noch immer um die 300.000 CDs. Dann schon eher ein Zehner-Set mit Alternativ-Versionen und Duo-Material von Alphaville-Sänger Marian Gold und mir. Wir veröffentlichen aber auch Einzel-CDs von Newcomern, wie zum Beispiel das neue Album des Kölner DJ- und Produzentenkollektivs Solar Moon System. Wie schon gesagt: Ich habe das Label für meine eigenen und für die Platten mit befreundeten Musikern gegründet. Ich bin kein Business-Typ, ich gebe da einfach nur meine fertigen Produktionen ab. Für alles andere habe ich meine Leute. Wir arbeiten mit Großhändlern aus Japan, USA und Frankreich. Die nehmen uns jeweils 2.000 Einheiten ab. Die Rainhorse-Künstler wissen, in welchem Rahmen wir Platten veröffentlichen. Große Auflagen könnten wir gar nicht machen. Wenn mein künstlerischer Partner, der Regisseur und Lichtdesigner Gert Hof, im Videostudio seine ganzen Shows für eine gemeinsame DVD zusammenschneidet, kostet das schnell eine halbe Million Mark. Das kannst du nur mit einem Major wieder einspielen.

MW: Welche Bedeutung hat das Internet für Rainhorse?

Schulze: In puncto Internet arbeiten wir auf gleicher Ebene wie eine Major-Company. Die großen Firmen haben auch nicht mehr Oberfläche als ein Indie. Außerdem sitzen hier viel mehr Leute mit guten Ideen, die Majors basteln doch allenfalls mal an ihrem Logo herum. Wenn irgendwann nur noch CDs via Internet verkauft werden, dann sind alle gleich berechtigt. Auf ein Fairplay werden sich die Großen sicher nicht einlassen, vielleicht setzen sie für ihre Downloads Dumpingpreise an. Die werden richtig Probleme bekommen, wenn die Leute ihre Musik nur noch online buchen und du deine Lieblingssongs zu Hause empfangen kannst – siehe Pay-TV. Der Fernseher ist spätestens in zehn Jahren ein regelrechtes Kommunikationszentrum, und mit einem speziellen Modul wird man sich dort die MP3-Dateien runterladen können.

MW: Erwarten Sie in absehbarer Zeit nennenswerte Umsätze durch kostenpflichtige Downloads?

„Ich sehe Musik im Netz als Promotion“

Schulze: Solange die Tarife in Deutschland so hoch sind, spielt das keine große Rolle. In drei bis fünf Jahren wird das MP3-Format sicherlich sehr wichtig werden. Zurzeit sehe ich Musik im Netz eher als Promotion. Bei „www.soundG.com“ kann man sich demnächst alle Rainhorse-Veröffentlichungen inklusive der kompletten Zehner-Box „Contemporary Works I“ in einem verschlüsselten Format herunterladen. Man muss die Tracks nicht sofort downloaden, man kann auch erst einmal kostenlos anfragen, wie das so klingt. Aber wer hört sich schon meine Musik über den PC an, wo der Klang die Hälfte der Komposition ausmacht. Während des Runterladens kannst du sowieso erst mal 14 Tage in Urlaub fahren.

MW: Wie hoch sind die Auflagen der Rainhorse-Alben?

Schulze: Wir beginnen mit 2.000 Stück, was für einen Newcomer schon eine ganze Menge ist. Unsere Künstler haben alle vorher mit mir gespielt und so haben sie bei Veröffentlichung eine gewisse Gültigkeit in der Szene. Die Startauflage einer neuen Schulze-CD liegt bei 10.000 Stück. Da wir die Veröffentlichungen vorab im Internet und im KS-Circle ankündigen, können wir aufgrund der Vorbestellungen ziemlich genau kalkulieren. Wir können uns ja kein Lager leisten, das Büro unseres Mailorder-Dienstes ist kaum größer als mein Studio. Bei den Majors muss ein Promoter gleichzeitig 50 neue Produkte betreuen, die können eigentlich nur die Läden mit ihrem Zeug voll knallen und abwarten, ob das jemand kauft.Für meine Platten haben die Majors noch nie PR gemacht. Klaus Schulze hat in jedem ordentlichen Laden ein eigenes Fach, das reicht denen anscheinend. Mein erstes Album, „Irrlicht“, von 1972 findest du noch immer bei Karstadt. Das läuft und läuft.

MW: Wie viele Leute arbeiten für Ihr Label?

Schulze: Insgesamt sind wir sieben. Fulltime ist im Prinzip nur der Mailorder-Mann Mario Schönwälder dabei. Eine eigene Promoterin und einen Grafiker kann ich mir nur leisten, weil ich die Leute am Gewinn beteilige. Die bekommen pro verkaufter CD einen festgelegten Anteil. Wenn es mal einen richtigen Hit gibt, sind sie völlig überbezahlt, dafür gehen sie aber auch ein Risiko ein, denn es könnte ja auch ein Flop werden. Es ist wirklich eine Super-Crew und bisher gibt uns der Erfolg auch recht.

MW: Anfang 2000 haben Sie die gigantische „The Ultimate Edition“ veröffentlicht. Eine Box mit 50 Schulze-CDs – sowas hat es bislang innerhalb der Popmusik nicht gegeben. Ein Anflug von Größenwahn?

Schulze: Das sind ja nicht alles neue Aufnahmen. Die erste Archiv-Box – „Silver Edition“- haben wir schon 1993 gemacht, weil viele Fans meine Sachen aus den 70ern am liebsten mögen. Seit jeher nehme ich alle meine Konzerte auf, und als ich eines Tages die endlosen Bänder ausmisten wollte, hatte mein Manager Klaus D. Müller die Idee für eine Box. Er ist dann mit einem VW-Bus voller Tonbänder nach Berlin gefahren und hat die besten Sachen ausgewählt. Weil es so gut lief, haben wir danach noch die „Historic Edition“ gemacht. 1997 wurde ich 50 Jahre alt und war 25 Jahre als Solokünstler tätig, ein guter Anlass für die 25-teilige “ Jubilee Edition“. Und jetzt das 50er-Set „Ultimate Edition“ als letzte Veröffentlichung mit Archivaufnahmen.

MW: Wer kauft sich auf einen Schlag 50 CDs von Klaus Schulze?

Schulze: Unser Mailorder-Dienst Manikin liefert in die ganze Welt. Die Boxen sind mörderisch erfolgreich gewesen, die 2000er-Auflagen waren allein durch die Vorbestellungen weg. Manche Läden haben die 25er-Box für unverschämte 950 Mark angeboten. Deshalb haben wir das 50er-Set nicht mehr limitiert, man kann die CDs jetzt auch in Zehner-Packungen zu je 200 Mark bekommen. Damit unterbinden wir die Horrorpreise von gewissen Leuten.

MW: Sie sind seit 1970 im Pop-Geschäft und Ihre Produktivität ist heute größer denn je. Wie kommt es zu diesem Schaffensdrang?

Schulze: Ich habe eigentlich immer Lust, Musik zu machen. Diese Leidenschaft hat seit 30 Jahren angehalten. Die neue Zehner-Box ist die Ernte aus den drei Jahren seit meiner letzten Studio-CD „Dosburg Online“. Zur Eröffnung des Labels haben wir uns einen echten Luxus geleistet: Holzbox, Vierfarb-Druck, Klebebindung. Für die Produktion der 2000er Startauflage von „Contemporary Works I“ haben wir 160.000 Mark hingelegt, die Vorbestellungen waren sogar noch höher als bei der letzten Box. Ob jemals ein zweiter Teil folgen wird, weiß ich noch nicht. Jetzt bin ich mit meinen Veröffentlichungen auf dem aktuellen Stand, und es kommen wieder Einzel-CDs heraus sowie Kooperationen mit Wahnfried, Dark Side Of The Moog oder Solar Moon System.

Kontakt: Rainhorse c/o Mario Schönwälder Musikproduktion PF 450274, D-12172 Berlin Tel.: 030/712 15 40 Fax: 030/712 15 40 E-Mail: [email protected]