Die deutsche Erstauflage der neuen Hit-Zusammenstellung der Fab Four von 400.000 Exemplaren ging wie warme Semmeln über die Ladentheken. Ein erfolgreiches Jahr wird denn auch Gert Gliniorz, Product Manager Pop International/Catalogue bei der EMI in Köln, vermelden können.
Die Beatles, die umfassende Retrospektive auf das Soloschaffen von Queen-Sänger Freddie Mercury, eine „Best Of“-Ausgabe der heimischen Scorpions wie auch der britischen Synth-Popper Spandau Ballet, die 4-CD-Box von The Band, David Bowies „BBC Sessions“, aber auch vielgelobte Wiederveröffentlichungen der deutschen Bands Kraan und Fehlfarben hat Gliniorz in diesem Jahr aus seinem Bereich auf den Markt gebracht.
„Wir haben eine ziemlich breite Klientel-Palette“, erklärt der Produktmanager, will aber keine genauen Absatzzahlen dieser Erfolge nennen. „Das sind vierstellige Stückzahlen, die manchmal auch erst nach der einen oder anderen Woche errreicht werden; bei anderen sind es sechsstellige oder bei den Beatles sogar vielleicht siebenstellige Zahlen – das ist wirklich querbeet.“
Einem Spagat gleicht seine Arbeit, da er sowohl Produkte für den Massenmarkt im Katalog hat, aber auch Liebhaber-Stücke. Marktforschung betreibt der langjährige EMI-Mitarbeiter zwar nicht, aber Marktbeobachtung, die die eigene Erfahrung ebenso ergänzt wie die Zusammenarbeit inner- und außerhalb des eigenen Hauses, vor allem mit den Vertriebsmitarbeitern. Druck von den ausländischen Schwesterfirmen komme nicht, allerdings tausche man sich bei den alljährlichen Katalog-Meetings offen und intensiv über die Erfolgsaussichten der jeweiligen Projekte aus.
Auch wenn der Backkatalog bei EMI in den letzten Jahren sehr gut ausgewertet worden sei, gebe es immer noch genügend Veröffentlichungsmaterial. Überraschungen seien dabei immer wieder möglich – so habe beispielsweise im Falle von The Band niemand damit gerechnet, wie viel unveröffentlichte Aufnahmen verfügbar waren, die dann als Bonustracks verwendet werden konnten. „Man muss mit Bonustracks, guter Verpackung, interessanten Tools arbeiten, um die Leute anzulocken“, sagt Gliniorz. Schließlich seien die Absatzzahlen im Backkatalog-Bereich tendenziell geringfügig rückläufig.
Viele Platten sind inzwischen auf CD erschienen, viele Sammler haben sich eingedeckt. „Das gleichen wir für uns durch Werbekampagnen und entsprechende Aktivitäten aus – man muss aktiv werden! Wenn man es einfach nur laufen lässt, dann kann man es irgendwann nicht mehr auffangen.“ Wobei es auch ein Problem sei, „dass die jungen Leute nicht unbedingt nachwachsen, was den Katalog angeht“. Gedenktage, Todestage, Jubiläen seien häufig Anlass für Wiederveröffentlichungen. Man dürfe nie, so der Kölner, vergessen, dass der Backkatalog „letztendlich ein Faktor ist, der immer für mehr oder weniger gute Zahlen sorgen kann“.
Und beim Wirtschaftsunternehmen EMI komme es auch im Bereich des Backkatalogs darauf an, dass unter dem Strich schwarze Zahlen stünden. Ein besonderes Anliegen ist für Gliniorz die Auswertung des eigenen, einheimischen Repertoires, das seine Firma über Jahrzehnte gepflegt habe. Und so stünden in nächster Zeiten neben internationalen Vorhaben wie Re-Releases von John Lennons Soloalben oder George Harrisons „All Things Must Pass“ weitere Veröffentlichungen von Kraan, Triumvirat, Eloy, aber auch drei CDs des Kraftwerk-Ablegers Neu an. Gerade bei deutschen Acts arbeite er oft eng mit den jeweiligen Künstlern zusammen, weil ihm an „möglichst authentischen Wiederveröffentlichungen“ liege.
Einen deutlichen Unterschied speziell zum englischen Backkatalog-Markt sieht Gliniorz in der dort sehr viel ausgeprägter vorhandenen Zeitschriftenszene. Dort gebe es die „absolute Koryphäe“ Mojo, aber auch Magazine wie „Q“, „Record Collector“, „Classic Rock“ und zahlreiche andere Musiktitel. „Die Engländer sind sowieso viel Rock- und Popmusik-freudiger!“ Für den Backkatalog hierzulande seien es – neben den einschlägigen Rubriken im „Rolling Stone“ oder „Musikexpress“ – vor allem die beiden Zielgruppenmagazine „Good Times“ und „Oldie Markt“, denen wichtige Multiplikatorenaufgaben zukämen.
Um aber über dieses Publikum hinauszukommen, werbe er auch in Heften wie dem „Kultur-Spiegel“ oder „Kultur News“. „Wir versuchen damit natürlich auch, eine andere Klientel, andere Leute zu erreichen, die nicht so häufig in den Plattenladen gehen.“ Diese Zielgruppe habe er beispielsweise im Falle von Freddie Mercury im Blick gehabt, von dem jetzt eine zehn CDs umfassende Box erschienen ist, die sein gesamtes Soloschaffen neben Queen umfasst. Um die Kosten dieser teuren Edition zu refinanzieren, habe man parallel eine gestraffte Version einer 3-CD-Box veröffentlicht, „die man dann mit dem entsprechenden Preis versieht und mit der man auch das große Publikum erreicht“.




