Jürgen Stark: Im Namen John Lennons entstehen derartige Projekte. Herr Gebhardt, warum geht die Musikwirtschaft an die Schulen?
Gerd Gebhardt: Wir wollen, dass Kinder sich mit Musik beschäftigen, und zwar so früh wie möglich. Wir haben als Phono-Akademie schon vor zehn Jahren, also kurz nach der Wende, eine Aktion gestartet, um Musik-Clubs im Osten vor der Schließung zu bewahren.
Damals hatte ich den Slogan formuliert: Lieber Gitarren schwingen – kennt man noch von den Who – als Baseballschläger. Derartiges Engagement war damals genauso wichtig wie heute. Wir müssen Kindern und Jugendlichen eine Perspektive geben. Wir müssen sie wegholen von der Straße und wir müssen ihnen Gelegenheit geben, auch ihre Aggression, auch aufgestaute Wut, woanders auszuleben.
Das kann man sehr wohl mit Musik machen. Man kann dort sehr viel Energie reinsetzen. Und der Rock an Roll, der Punk, all das, was da entstanden ist, hat das alles transportiert, hat das aufgenommen, hat es weitergegeben. Die gesamte gesellschaftliche Entwicklung nach dem Krieg ist von Musik begleitet worden.
Wir haben einen ganz eklatanten Missstand im Moment an den Schulen. Ich habe das selber gesehen bei meinem Sohn. Der hatte die ersten vier Jahre in der Grundschule nicht eine einzige Stunde Musik, und das in Hamburg, der Musikhauptstadt, wie sie sich selber nennt. Ich finde das tragisch. Es war mir daher ein Bedürfnis, diese Initiative gemeinsam mit Werner Hay zu gründen.
Jürgen Stark: Wer die Geschichte des Dieter Gorny ein bisschen kennt, der weiß, dass diese schon seit Beginn sehr viel mit Förderung zu tun hatte. Wenn man die Unterstützung von VIVA für den John Lennon Talent Award sieht, dann hat Dieter Gorny auch noch heute immer etwas für Förderung übrig. Nun ist Förderung aber umstritten, über Förderung wird sich auch bei Branchenforen richtig schön gezankt. Welchen Stellenwert hat sie nun eigentlich?
Dieter Gorny: Ich glaube, wenn man das, was gefördert werden soll – Musik – auch als einen Teil von kultureller Vielfalt betrachtet, das heißt also, als einen Teil gesellschaftlicher Gestaltungskraft, dann ist Förderung ganz wichtig und man kann dann aber auch ein anderes Vokabular wählen: Freiräume schaffen!
Insofern tauscht man letztendlich die Worte aus und geht einen Schritt weiter. Das finde ich sehr viel sympathischer. Freiräume, in denen sich Kreativität entwickeln kann, auch musikalische Kreativität. Es geht um Proberäume genauso wie Räume, in denen man sich darstellen kann. Diese Freiräume sind dann auch Förderung, sie gehen aber einen sehr wesentlichen Schritt weiter.
Wenn ich Rahmenbedingungen schaffe, in denen sich musikalische Kreativität entwickeln kann, lasse ich die künstlerische Entscheidung autonom, das, was Kreativität ausmacht. Ich zensiere nicht das Produkt, sondern ich sorge dafür, dass Vielfalt entstehen kann.
In einer Zeit – und ich sage das auch als Medienmacher, in der wir eher das Problem haben, dass immer mehr Kultur immer zentraler angeboten wird, wenn man sich die Entwicklung der Medienindustrie ansieht, ist eine solche kulturelle Vielfalt durch eben solche Freiräume, also Strukturen, die sich unabhängig entwickeln können, um so wichtiger, wenn man die These akzeptiert, dass Musik – und das tut Popmusik, weil sie zeitgenössisch ist – Gesellschaft reflektiert.
Wenn wir also diese kreativen Kräfte nutzen und beobachten wollen, um zu sehen – vergleichbar mit Theater und Film -, wie Gesellschaft sich darstellt, um daraus auch politische Rückschlüsse für konkretes Handeln zu ziehen, damit sich diese Bereiche besser entwickeln können, sind diese Freiräume wichtig. Und ohne das geht es nicht. Gerade im anglo-amerikanischen Raum wird bereits sehr viel in dieser Richtung getan, deshalb haben wir jede Menge nachzuholen.
Insofern spricht auch nichts dagegen, das Förderung zu nennen und immer wieder darüber zu diskutieren. Ich meine, wir machen das ja jetzt schon fast zwölf Jahre lang. Es ist erstaunlich, wie lange es dauert, bis sich daraus etwas umsetzt. Denn es ist mittlerweile tatsächlich so, fairer Weise muss man das sagen, abgesehen vom Schulunterricht, dass man, wenn man will, E-Gitarre lernen kann an Musikschulen in Deutschland oder Schlagzeug oder ähnliches.
Wir haben eine gute Infrastruktur. Wir haben aber immer noch das Problem, dass der Umgang mit dieser Kunst politisch immer noch nicht begriffen wurde. Und deshalb ist das, was heute hier gezeigt wird und zur Diskussion gestellt wird, auch so wichtig.
Jürgen Stark: Als nächstes begrüße ich eine Jurorin des kommenden John Lennon Talent Award, die Ausschussvorsitzende für Kultur und Medien im Deutschen Bundestag, Monika Griefahn. Als wir uns über das Thema John Lennon Talent Award unterhielten, kam ihre Zusage derart spontan, dass man denken könnte, es hat sich wirklich was in der Politik verändert. Haben wir es denn jetzt wirklich mit dem Generationswechsel zu tun?
Monika Griefahn: Ich hatte immer ein besonderes Verhältnis zur Musik, weil ich – anders als andere Leute – von klein auf mit Musik in Berührung kam. Meine Kinder gehen auf eine Schule, die sehr intensiv Musikunterricht bietet. Ich finde es enorm wichtig, sich überhaupt mit Musik zu beschäftigen, deswegen finde ich diesen Preis wichtig, finde ich überhaupt die Möglichkeit wichtig, dass Leute motiviert werden. Und ein Preis ist immer eine Motivation.
Jürgen Stark: Zum Thema musik und Jugendkultur die Frage an den zuständigen Staatsminister: Herr Nida-Rümelin, was hören Sie selber gerne und zweitens, wie beurteilen Sie diese Debatte?
Julian Nida-Rümelin: Es ist sicher so, dass in der Zeit in der jetzt die Jugendsünden entdeckt werden, der Bruch der Generationen größer war als heute, insofern, als dass sich die Elterngeneration ernsthaft bedroht fühlte. Diese Jugendkultur, die da entstand, warf die Konventionen über Bord, rechnete mit der persönlichen Vergangenheit der eigenen Eltern ab und stellte eine Gegenkultur dagegen.
Das hat bei der Elterngeneration ein ernsthaftes Bedrohungsgefühl ausgelöst, was bis heute nicht ganz abgeklungen ist. Auch der weise Elder Statesman Helmut Schmidt lässt noch so Töne anklingen, wenn er sich mit dieser Generation der heute 50-Jährigen auseinander setzt. Aus dieser Zeit gibt es ein interessantes Erbe, nämlich die rebellische Haltung, die speziell in der Jugend und vor allem der Jugend-Pop-Kultur zutiefst verinnerlicht wurde und die ihr eigentliches Wesen ausmacht.
Wenn ich das recht sehe – ich bin auch eher ein Beobachter von außen -, wären das die falschen Ideale, die dann die 68er Generation immer wieder überträgt auf die Nachwachsenden und sagt, seid genauso rebellisch wie wir selbst, was aber nicht dem Lebensgefühl der meisten Jugendlichen entspricht. Gut, ich lasse mich gern korrigieren, weil ich dieser Altersgruppe nicht angehöre. Aber ich glaube, es spiegelt sich auch sehr stark wider in den ästhetischen Ausdrucksformen der zeitgenössischen Popkultur, dass dies nicht mit dem großen Anspruch der ganz anderen Kultur, die sich grundsätzlich absetzt von dem, was überkommen ist, beschreiben lässt.
Damit hängt etwas zusammen, was ich ganz interessant finde, nämlich dieses Aufbegehren gegen die Vereinnahmung im Sinne des nicht Authentischen, des Kommerzes. Immer wieder kommen neue Ideen auf, die sich erst versuchen dagegen zu sperren und die dann natürlich eingebettet werden in eine Entwicklung und aufgenommen werden als neue Stilelemente.
Aber dieses Streben nach Authentizität scheint immer wieder durch und macht dann auch die einzelnen Interpreten mehr oder weniger glaubwürdig. Und sie müssen immer darum kämpfen, ihre Glaubwürdigkeit zu erhalten. Es ist ein Element, was sicher auch mit der spezifischen biographischen Situation zusammenhängt, nämlich dass die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die die überwiegenden Rezipienten der Popkultur sind, nicht ausschließlich aber überwiegend, dass sie selber um ihre eigene Authentizität ringen und im Grunde Vorbilder suchen, an denen sie sich orientieren können.
Von daher glaube ich, dass der Staat und auch das Bildungssystem gut beraten ist, nicht selber eine Vereinnahmung zu versuchen, sondern zu sagen, das ist Teil unserer Kultur. In unseren Bildungseinrichtungen ist die ästhetische Bildung im Vergleich zur kognitiven Bildung zu schwach ausgeprägt. Im Film der Deutschen Phono-Akademie wird das wunderbar dargestellt.
Musik ist ein wesentliches Element der ästhetischen Bildung. Und der Zugang zur Musik ist aber für die meisten nicht über die klassische Musik zu erreichen, obwohl die nach wie vor eine wichtige Rolle spielt, sondern eher über Popmusik. Warum also nicht die Popmusik stärker integrieren und zwar mit Künstlern? Künstler sind authentischer als Kunsterzieher, also sollten wir stärker mit den Künstlern in den Schulen zusammenarbeiten.
Und zwar gilt das nicht nur für Musik, sondern auch für Bildende Kunst und andere künstlerische Bereiche. Ansätze in dieser Richtung gibt es ja, was ich für ganz spannend halte, auch mal aus dem Schulalltag rauszugehen, mal ganze Wochenenden zuzubringen mit Musik oder mit Bildender Kunst, mit Künstlern aus den jeweiligen Bereichen. Nun haben Sie mich noch am Ende gefragt, was ich so selber höre. Also ich höre auch mal gerne Technomusik oder andere zeitgenössische Popmusik und bin dann auch oft fasziniert.
Gerade die Videoclips haben teilweise eine beachtliche Qualität. Ich habe mal spöttisch gesagt, einzelne dieser Videoclips können mit den Videos, die bei der Venediger Kunstbiennale zu sehen sind, konkurrieren. Auch die Qualität der Popmusik ist sehr unterschiedlich und zum Teil von einer solch hohen Differenziertheit, dass sie mit den Kunstangeboten im Bereich der sogenannten E-Musik voll konkurrieren kann. Und das ernst zu nehmen, einzubeziehen und nicht auszugrenzen, also sozusagen einen Bereich, der sowieso mit der Kulturentwicklung Deutschlands wenig zu tun hat, halte ich für ganz wichtig.
Jürgen Stark: Ich begrüße als nächsten jemand, der ein Beispiel ist, dass Pop auch von der Politik integriert wird. Thomas Krüger, auch ein Künstler, hauptberuflich für die Bundeszentrale für politische Bildung tätig. Und das kennt jeder aus seiner Schulzeit sicher noch. Das war die Zeit, wenn die Super-8-Filme kamen, wenn es flimmerte und rauschte und es ganz schreckliche Dokumentarfilme gab, bei denen zumindest die hinteren Reihen alle eingeschlafen sind. Herr Krüger, hat sich da ein bisschen was geändert oder können wir Ihnen mit ein paar Filmen vielleicht helfen?
Thomas Krüger: Vielen Dank, die Bundeszentrale ist eine sleeping beauty und muss zum tatsächlich Leben erweckt werden. Ich mache den Job noch nicht lange, erst seit einem halben Jahr. Aber das ist eine Riesenressource, das darf man nicht unterschätzen, was Orientierungswissen in Deutschland betrifft.
Die Bundeszentrale für politische Bildung hatte bislang – das haben wir verändert – ihre Hauptzielgruppen so definiert: Journalisten, Pädagogen und Hochschullehrer. Das ist in etwa so, als wenn man Katholiken noch mal taufen muss. Deshalb meine ich, muss man schlicht darüber nachdenken, ob man nicht demokratisches Orientierungswissen auch an diejenigen, die es viel dringender brauchen oder die sich gerne auch damit auseinandersetzen wollen, herantragen sollte.
Ich lasse mich aber jetzt nicht auf politische Bildung festlegen, sondern wollte eigentlich zwei Sachen zum Thema Bildung insgesamt sagen. Es ist geradezu eine Paradoxie, wenn in Deutschland immer mehr von Innovation geredet wird und das Thema Kreativität an Schulen eigentlich faktisch immer weniger Spielraum hat.
Das beschreibt eine politische Aufgabe, hier an dieser Stelle etwas zu tun. Das zweite: Wenn ich mir ansehe, wie der Kulturtransfer im Schulbereich organisiert wird, muss man feststellen, man bewegt sich nach wie vor auf der Gutenberg-Galaxis. Im Deutschunterricht in den Fächern, die Kulturelles behandeln, durchschweift man sozusagen das Land der Dichter und Denker.
Aber schon das bewegte Bild, der Film, kommt schlicht nicht mehr vor, ganz zu schweigen von Pop, Entertainment und dem, was im 20. und 21. Jahrhundert ganze Generationen berührt hat. Wer nicht begreift – und die Franzosen und die Briten machen es uns vor im Schulbereich -, dass dieses sozusagen grundsätzliches kulturelles Lernen betrifft, sich diesen Medien auch anzunähern, der kann gleich abschalten, wenn es um das ganze Thema, was wir hier diskutieren, geht. Hier muss ein Paradigmenwechsel eingeleitet werden.
Der fängt im übrigen an den Hochschulen an. In Deutschland ist es bis heute nicht üblich, dass man Pädagogen einen medienpädagogischen Leistungsnachweis abverlangt. Das ist das erste, was passieren muss, dass sozusagen die Wissensvermittler auch selber kompetent sind bei dem, was sie da weiter zu transportieren haben.
Jürgen Stark: Als nächstes begrüße ich Mustapha Gündogdu aus Hannover, besser bekannt als Mousse T. und sehr bekannt durch seinen Welthit gemeinsam mit Tom Jones, „Sex Bomb“. Bei unserem ersten Zusammentreffen sagte der Mann, der als erster Deutscher in Amerika für einen Grammy im Bereich Remix nominiert war, klar, da mache ich mit bei Euch, tolle Idee. Ich bringe den Schülern mal das Remixen an den Schulen bei. Die Frage lautet: Wie ist das Verhältnis von Künstlern zu dem, was wir hier die ganze Zeit jetzt diskutieren? Sind wir hier auf dem richtigen Weg oder müsste das noch anders laufen?
Mousse T.: Alles, was sich auch in Anfangsschritten irgendwie mit Förderung beschäftigt, wird immer auf dem richtigen Weg sein. Klar, kann man viel über Musik reden. Aber ich finde, Musik muss man machen. Und ohne politische, ohne wirtschaftliche Hilfe, wäre das gar nicht möglich, eigentlich sind die Schaffenden gefragt. Ich spreche hier auch im Namen aller schaffenden Musiker und Musikproduzenten.
Man braucht natürlich für die Kids die Kontaktpunkte, denn die werden in kein Ministerium rennen, die werden in keine Versicherung rennen, die werden in kein Amt rennen, um sich irgendwie für Musik zu begeistern, sondern die wollen die Leute, die Stars, die Musiker. Und dafür stehe ich hoffentlich. Ich werde versuchen, mit meinem Wissen den Kids so viel geben zu können, dass die sich eventuell dafür begeistern.
Wichtig ist natürlich auch, dass das Ganze zeitgemäß ist. Ich stimme durchaus dem Gesagten hier zu, Klassik und kulturelle Aspekte sind sehr, sehr wichtig, aber man muss natürlich den Kids das Zeitgenössische geben, sprich, im Notfall wirklich eine Britney Spears wirklich mal erklären.
Jürgen Stark: Das klingt ja so, als würden unruhige Zeiten auf Deutschlands Schulen zukommen.
Monika Griefahn: Hoffentlich, kann ich nur sagen.
Jürgen Stark: Frau Griefahn, ich nehme Sie beim Wort. Wenn man als Journalist begleitet von Musikern durch Schulen zieht, mit Kindern spricht, Pädagogen spricht, dann fällt immer wieder auf, dass die Schule heute weitgehend gesellschaftlich isoliert wirkt. Die Eltern geben ihre Kinder ab und sagen, so, erzieht die mal und wir gehen jetzt zum Job und machen Karriere.
Die Kinder sitzen da und haben Erwartungen, die die Pädagogen nicht erfüllen können. Die Pädagogen scheinen teilweise aber auch nicht immer an neuen Lösungen interessiert zu sein. Ein Beispiel wäre das Thema HipHop. Das Naheliegendste wäre doch, wenn der halbe Schulhof in Hiphop-Klamotten rumrennt, dass ein Lehrer’sagt, o.k., dann nehmen wir jetzt in Deutsch einfach mal Ringelnatz durch – als Urvater der Reime. Kann die Politik hier Signale hineingeben oder sind die Möglichkeiten beschränkt?
Monika Griefahn: Wir haben natürlich Wellenbewegungen. Eine Zeitlang hatten viele Leute eine Lehrerausbildung gemacht, es war ein Modeberuf. Heute ist es eher „in“, Betriebswirtschaft zu studieren oder Informatik. Was Mousse T. eben gesagt hat, dass wir die engagierten Kräfte brauchen, die die Schnittstellen sein können um zu vermitteln, die die Sachen auch an den Mann, die Frau bringen, und zwar auf eine lustige Weise und auf eine ansprechende Weise, wie es auch im Film gezeigt wurde, das ist eigentlich das, was wir in der Politik stärker anschieben müssen. Also Ausbildung der Multiplikatoren, wobei das eigentlich die Schwierigkeit ist, dass wir dafür wieder Leute brauchen, die dann auch wieder andere motivieren. Auch die Erwachsenen müssen motiviert werden, nicht nur die Kinder.
Julian Nida-Rümelin: Vielleicht noch dazu: Sie ermuntern uns beide – mich noch mehr als Frau Griefahn – die Ressortgrenzen zu überschreiten. Im Grunde müsste man auch mit einem Kultusminister oder einer Kultusministerin aus den Ländern sprechen. Weil die viel unmittelbarere Möglichkeiten haben. Es gibt ein Missverständnis in unserem Bildungswesen.
Die Vorstellung, dass wir neue Qualifikationen vermitteln müssen ist selbstverständlich richtig, z.B. Wissen über Computer und Informatik oder auch wirtschaftliches Wissen. Dass wir deswegen Bereiche, die nicht so unmittelbar von beruflicher Bedeutung für die allermeisten sind, das ist Kunsterziehung oder Musik oder – ich sage jetzt mal was ganz Verrücktes -, Altgriechisch, dass man die marginalisiert, also verschwinden lässt an den Rand drückt ist fragwürdig. Ich glaube, das ist einfach eine falsche Wahrnehmung der realen Situation.
Es ist für den beruflichen Werdegang ziemlich egal, was für spezifische Kenntnisse ich in dem einen oder anderen Bereich zunächst einmal in der Schule erworben habe. Da kommt es auf etwas ganz anderes an. Wir haben die paradoxe Situation, dass Menschen vermutlich in der Zukunft mehrfach in ihrem Leben ihren Beruf wechseln müssen, mehrfach in ihrem Leben den Ort wechseln müssen, wo sie arbeiten. Und ich meine jetzt auch die Nation, in der sie arbeiten. Sie werden mehr international tätig sein.
Das heißt, was wir brauchen sind Menschen mit Sensibilität, mit einer Offenheit, Persönlichkeiten, die auch eine gewisse Ich-Stärke mitbringen. Und all das wird doch nicht durch spezifische Kenntnisse in bestimmten Bereichen primär vermittelt, sondern durch – das sage ich mal jetzt ganz altmodisch – das Ideal eines heranwachsenden jungen Menschen, der offen ist, sensibel ist, der auch sich mit seinem Leben zurecht findet. Und dazu gehört die ästhetische Erfahrung neben der eigenen Praxis wesentlich dazu.
Es ist ein Denkfehler zu meinen, man tut den Kindern was Gutes, wenn man diese Bereiche vernachlässigt, weil man glaubt, andere Bereiche seien für den späteren beruflichen Weg wichtiger. Ich möchte den Punkt noch mal zurückführen auf die Kulturpolitik, da unser Bildungswesen relativ starr ist und sich nur langsam verändert, auch deshalb, weil wir kaum Nachwuchs haben. Deswegen ist die Kulturpolitik gerade der Kommunen aufgefordert, Brücken zu schlagen zwischen Kunst und Bildung – da gibt es in den Städten ganz unterschiedliche Angebote.
Die konkrete ästhetische Praxis halte ich für die zentrale Aufgabe sowohl der Kultur- wie der Bildungspolitik. Es macht überhaupt keinen Sinn, aus dieser ästhetischen Praxis gerade den Zugang auszuklammern, nämlich den der Popmusik und der Popkultur generell, der am leichtesten die Brücken schlägt zwischen den Bildungsinstitutionen und den Jugendlichen.
Thomas Krüger: Ich kann da nahtlos anknüpfen. Man könnte vielleicht auch sagen, es ist eine Frage des Menschenbildes, mit dem in deutschen Schulen Wissen transferiert wird. Ist es ein Menschenbild, einen Schüler auf dem geraden Weg zu den technokratisch gesehen notwendigen Ressourcen zu führen, oder will man kreative freie, schöpferische Geister in der Landschaft.
Ich plädiere natürlich für den zweiten Weg, weil wir alle irgendwie leidgeprüft durch unsere Schulzeit gingen. Jeder kann da seine Geschichten erzählen. Aus meiner Perspektive ist es gar nicht das Entscheidende, wie viel man an Wissen akkumuliert, die Akkumulation von Wissen führt in eine Sackgasse. Die Frage der kreativen Anwendung von Wissen ist die entscheidende Frage.
Und das hat eben mit einem Leitbild oder einem Menschenbild, sozusagen das Kreative auf den freien Menschen zu setzen, zu tun. Deshalb brauchen wir Deregulierung in den Lehrplänen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es in Deutschland unheimlich viele Energien und Potentiale gibt, die sich mit Freude in ein solches dereguliertes Feld hinein bewegen würden und genug beizutragen hätten. Ich finde, dass es sich lohnt über dieses Unwort in der Politik nachzudenken – Zuständigkeit – dieses mal stärker unter die Lupe zu nehmen.
Die spannendsten Energien und Selbstorganisationsformen bilden sich immer jenseits von Zuständigkeiten. Ich finde es sehr spannend, über die eigenen Tellerränder viel stärker hinauszudenken, Mut zu Kooperation zu haben, zu neuen Wegen, und den – antik gesprochen – gerissenen Faden der Ariadne wieder zu knüpfen. Das ist ein sehr mühevolles Unternehmen, aber ein sehr lohnendes. Vielleicht hat das auch ein Stück mit Bescheidenheit in der Politik zu tun, sich erst mal auf den Weg zu den Energien und zu den schöpferischen Potentialen zu machen und zu gucken, wo kann man kooperieren, wo kann man voneinander lernen.
Und vor allem: Wo kann man in Augenhöhe partnerschaftlich miteinander an Baustellen operieren? Stichwort Bundeszentrale für politische Bildung, auch so ein Unwort. Wir werden viel stärker als das bisher der Fall war, politische Bildung auch als kulturelle Bildung definieren, weil wir so diejenigen, die wir eigentlich erreichen müssen, wenn es um demokratisches Orientierungswissen geht, wirklich auch erreichen können. Solche Bespiele wie mit Ringelnatz und HipHop werden für uns – das ist ein Stress für politische Bildner, die aus der harten pädagogischen Ecke kommen -, in der Zukunft Handlungsfelder per excellence sein.
Da erreichen wir ein hochpolitisches Publikum. Die halten zwar nichts von Politik und Politikern, aber sie sind sehr politisch und wissen das auch. Hier anzusetzen und politische Bildung da, wo es wirklich brodelt, zu organisieren, das ist die große Herausforderung. Da werden wir uns einklinken und beteiligen, also kulturelle Bildung als Schlüsselstrategie zwecks politischer demokratischer Bildung in Deutschland. Das ist ein lohnendes Unterfangen und ich finde eines, an dem Sie uns in absehbarer Zeit auch werden messen können.
Jürgen Stark: Ich möchte noch eine letzte Frage an Mousse T. stellen. Bevor wir nun alle wieder in die nächste Sackgasse laufen: Der Musiker von heute, der braucht meistens nur noch Regler und Tasten, Remix heißt das dann. Muss man überhaupt noch ein Instrument lernen? Wenn man jetzt sagt, in der Ausbildung soll was getan werden, was wäre denn dann der richtige Ansatz? Wie kann man heute jungen Leuten am besten Musik vermitteln? Wie kann man sie an Musik heranführen?
Mousse T.: Musiker wie Will Smith, die machen so ein Ding und nennen das Man in black. Und das finden die Leute toll. Irgendwann kommen die Leute drauf, dass da ein Sample drin ist von einem Supergitarristen aus den 70ern – und schon entsteht Interesse, das vielleicht auch mal selber spielen zu können.Man muss einen anderen Weg gehen. Man darf nicht mehr sagen, wir lernen jetzt erst mal Klassik und die ganze Kulturgeschichte und gehen dann irgendwann über ins Jahr 2000 und machen dann die ganzen Computergeschichten. Man muss vorne – also heute – anfangen und sagen, ich bringe den Leuten erst mal bei, wie Musik von heute aussieht. Und man wird wahrscheinlich dann das Interesse wecken bei den Leuten, und wenn sie Interesse an Musik entwickeln, fragen sie auch, was gibt es eigentlich mehr.
Ein Instrument auf dem ersten Level bedeutet immer Arbeit für die Kids. Das heißt, man muss wahrscheinlich erst mal spielerisch an die Sache rangehen. So wie im Film mit dem Beispiel „MachtMehrMusik“, da hat man es gut gesehen, wie die Kids da einfach einen Riesenspaß gehabt haben. Und das ist das Wichtige. Schule mit Spaß zu verbinden ist eine schwierige Sache. Das wissen wir. Aber machbar ist es durchaus. Ich hatte ein Jahr Orgelunterricht. Ich habe mir den Rest autodidaktisch beigebracht, wollte Medizin studieren, habe Wirtschaftswissenschaften studiert und bin jetzt Musikproduzent. So einfach geht es.






