MUSIKWoche: Was beschäftigt Jörg Hacker zu Zeit? Jörg Hacker: Im Moment beschäftigt mich im positiven Sinne, daß der Rock wieder da ist. Und ich meine jetzt nicht unbedingt die „älteren Herren“ des Genres. Ich meine vor allem Bands wie Sevendust, Nine Inch Nails, Creed, Korn, Kid Rock, Limp Bizkit und Rage Against The Machine, die in den USA enorm erfolgreich sind und jezt auch in Deutschland die Charts aufmischen. Draußen herrscht ein unglaublicher Buzz, was diese Musik angeht, und das freut Epic natürlich ganz besonders. Die letzten Jahre konnten die Plattenfirmen neben dem von mir natürlich ebenfalls sehr geschätzten HipHop wenige Trends durchsetzen. Rock war niemals tot hierzulande, aber jetzt sieht alles so aus, als ob die Neo-Rock-Welle aus den USA auch zu uns herüberschwappt.
MW: Es nähert sich die Weihnachtszeit, die für den Jahresumsatz einer Plattenfirma eine geradezu ultimative Wichtigkeit hat. Wie ist Epic darauf vorbereitet? Hacker: Es ist in der Tat so, die Weichen müssen für diese Zeit optimal gestellt sein, damit man als Major entsprechendes Produkt aufweisen kann. Wir bauen diesmal auf unsere lokalen Superstars, die beide aus dem 3p-Stall kommen: Sabrina Setlur und Xavier Naidoo. Sabrinas aktuelles Album, „Aus der Sicht und mit den Worten von…“, erreichte bereits bei der Auslieferung die Goldmarke und steuert jetzt auf Platin zu, und Xaviers Live-Album wurde ebenfalls mit Gold ausgeliefert. Sabrina wird mindestens drei weitere Singles aus ihrem Longplayer veröffentlichen, das sollte eine dauerhafte Nachfrage garantieren. MW: Was kommt sonst noch? Hacker: Ansonsten kommen die lokalen Epic-Highlights wie Such A Surge, Weissglut, Flatz, Witt und Bad Religion im ersten Quartal 2000 mit neuen Sachen. Im internationalen Bereich haben wir Bands wie Rage Against The Machine, Korn oder Macy Gray am Start. Mir wäre es auch recht gewesen, Michael Jackson hätte sein lange angekündigtes Studioalbum endlich abgeliefert.
MW: Es fällt auf, daß Epic sich in letzter Zeit auch im Bereich Soundtracks stark engagiert. Wie kommt das? Hacker: Frank Uhle, der bei uns das lokale Marketing leitet, und ich selbst sind große Filmfans, besonders lieben wir deutsche Produktionen. Wir haben in der letzten Zeit gute persönliche Kontakte zur Filmbranche geknüpft, also lag es nahe, daß Epic sich auch auf diesem Spielplatz verstärkt tummelt. So bringen wir beispielsweise das Album zum Film „Schlaraffenland“, in dem unter anderem Heiner Lauterbach und Franka Potente die Hauptrollen spielen und unsere Band Apollo 440 zu hören ist. Außerdem erscheint bei Epic die Musik zur Komödie „‚Ne günstige Gelegenheit“ mit Benno Führmann und Armin Rhode, sowie zum Thriller „Anatomie“, den unsere Schwesterfirma Columbia TriStar ins Kino bringt. Für „Anatomie“ steuert übrigens Sabrina Setlur ein neues Stück bei. Soundtracks geben uns gerade im lokalen Repertoire-Bereich eine Menge Vermarktungsansätze sowie bereits vorhandene Werbeumfelder, in die wir uns einpassen können.
MW: Wie stark selektieren Sie aus dem internationalen Produktfluß, aus dem Sie als Chef von Epic Deutschland schöpfen können? Hacker: Wir veröffentlichen maximal 30 bis 40 Prozent dessen, was wir auf internationaler Ebene angeboten bekommen. Darunter sind dann natürlich die Produkte mit Top-Priorität, die alle Gesellschaften veröffentlichen müssen, aber auch ein paar Rosinen, die wir uns gezielt aussuchen, weil wir sie für gut halten. Ein Beispiel dafür war Wes, auf den Peter Graze, Epic-Manager für International Marketing, setzte. Peter Graze sollte, wie man heute weiß, recht behalten: Wes verkaufte in Deutschland über 800.000 Singles und 300.000 Alben.
MW: Wie beeinflußt die derzeit eher laue Marktlage Ihre Entscheidungen? Hacker: Die Bereitschaft, Experimente zu wagen, sinkt natürlich ein wenig. Allerdings ist so etwas der Tod jeglicher Kreativität. Wir haben zwar ein gesundes Fundament von internationalem Repertoire, auf dem wir sicher und entspannt stehen. Dennoch sind wir mittlerweile gerade bei neuen nationalen Acts, die man unter Vertrag nehmen will, noch selektiver als früher. Denn das, was man neu signen will, sollte zumindest mehr Hitpotential haben, als das, was man quasi umsonst aus dem Korb mit internationalem Produkt nehmen könnte.
MW: Das Label 3p ist einer der wichtigsten Partner von Epic im nationalen Bereich. Könnten Sie zum Beispiel auch ein Produkt ablehnen, das Moses Pelham Ihnen anbietet? Hacker: Das ist theoretisch möglich, dann würde 3p mit diesem Produkt zu einer anderen Firma gehen können. Dieser Fall ist aber bisher noch nicht eingetreten, denn 3p liefert nicht nur exzellente Musik, sondern auch die nötigen Marketing-Ideen und Konzepte dazu.
MW: Im Sommer 2000 zieht Sony Music nach Berlin. Ist Epic auf das große Kistenpacken schon vorbereitet? Hacker: Das sind wir. Von meinen Mitarbeitern werden sehr wahrscheinlich über 90 Prozent mitkommen. Mir kommt zugute, daß ich mit einem überdurchschnittlich jungen und dadurch flexiblen Team arbeite, das mit dem Umzug keine Probleme hat. Alle haben richtig Bock auf Berlin.
MW: Woher kommt Ihre Euphorie, wenn es um den Musikstandort Berlin geht? Hacker: Es sind bereits sehr viele Kreativzellen dort, und ich habe schon heute mit sehr vielen Berliner Machern zu tun, egal, ob Manager, Produzenten oder Musiker. Aus Berlin kamen schon in den vergangenen Jahren sehr erfolgreiche Künstler, man braucht sich ja nur anzusehen, was BMG Berlin alles auf die Beine gestellt hat. Vor Andy Selleneit und Christian Wolff muß man einfach den Hut ziehen. Aber auch George Glueck mit seinem Label X-Cell sowie einige vielversprechende Kreativzellen wie V2 records, Studio K7!, Vielklang und viele andere sprechen für sich. Der Standort Berlin wird an Kreativität nicht mehr zu überbieten sein.
MW: Und Epic wird auch in Zukunft als eigenständige Repertoire-Division operieren? Hacker: Es ist für mich unvorstellbar, daß wir mit unserem gewachsenen Künstlerstamm jemals wieder integrierter Teil einer Firma sein werden. Die Strategie von Sony Music Deutschland, mit den drei autarken Repertoire-Divisionen Epic, Columbia und Sony Music Media ins Rennen zu gehen, hat sich eindeutig als gut und richtig erwiesen. Der Erfolg gibt Jochen Leuschner Recht: Seit er die Auftrennung der Firma auf drei Hauptsäulen 1996 in die Wege leitete, ist beispielsweise der Anteil von nationalem Repertoire am Gesamtumsatz der Divisionen massiv gestiegen.
MW: Nun gehören Sie zwar zur jungen Garde der deutschen Musikmanager, haben aber bereits eine Menge Erfahrungen gesammelt – unter anderem bei Intercord und bei edel. Was hat sich in der Branche Ihrer Meinung nach am deutlichsten geändert? Hacker: Postitiv geändert hat sich vor allem das Verhalten der Konsumenten, denn die schauen nun nicht mehr ausschließlich nach Produkten aus den USA oder Großbritannien, sondern sind wesentlich offener für nationale Produktionen.
MW: Gibt es auch negative Entwicklungen? Hacker: Leider hat sich die Medienlandschaft im Musikbereich nicht zu ihrem Besseren verändert. Alles fokussiert sich auf MTV und die beiden Viva-Sender als visuelle Trägermedien für Musik, was zur Folge hat, daß ein Song heute ohne Video fast nichts mehr wert ist. Aber trotzdem kommt nun beileibe nicht jedes Video auf eine Rotation in den Sendern. Und auch unsere Radiolandschaft macht es einem nicht eben leicht, wenigstens Mainstream-Musik unter die Leute zu bringen. Nehmen wir als Beispiel nochmal Sabrina Setlur: Sie ist eine Künstlerin, die zwar einerseits hunderttausende von Platten verkauft und einen Superstar-Status genießt, deren aktuelle Single andererseits aber in den Airplay-Charts nur unter ferner liefen rangiert. Das ist mehr als bedauerlich.
MW: Macht Ihnen das Thema CD-Brenner ebenso Kopfschmerzen wie vielen Ihrer Kollegen? Hacker: Allerdings. Es mag mancher argwöhnen, daß die Musikindustrie hier ein Feindbild künstlich hochstilisiert. Aber es wundert mich schon, wenn eine Band wie Jamiroquai von ihrem letzten Album 400.000 Stück in Deutschland verkauft und der neue Longplayer trotz optimaler Bedingungen und drei Wochen auf Platz eins gerade mal die Grenze von 250.000 Einheiten erreicht. Ich bin mir absolut sicher, daß gerade hippe Themen wie Jamiroquai oder auch alle Rap-Produkte unter den CD-Kopierern leiden.
MW: Wie stehen Sie zur Aktion „Copy Kills Music“? Hacker: Sie ist immens wichtig, um ein öffentliches Bewußtsein für die Problematik zu schaffen. Wir müssen einen umfassenden technischen Kopierschutz für Tonträger finden, und das dürfte bei all dem technischen Fortschritt doch noch irgendwie zu schaffen sein. Seit acht Jahren werden sämtliche großen deutschen Limousinen per Chip auf eine Höchstgeschwindigkeit von 250 Stundenkilometern abgeregelt, und ich behaupte mal, daß ihn höchstens fünf Prozent der Fahrer manipulieren. Mit solch einer Quote von unbesiegbaren Profibrennern könnte ich bei einem Kopierschutz gut leben.



