“Nach langen Jahren der Skepsis schätzt man ihn allmählich im arabischen Raum ähnlich hoch ein wie in Europa“, freut sich Matthias Winckelmann von der Tonträgerfirma Enja Records. Und Winckelmann hat auch allen Grund zur Freude: Veröffentlicht Rabih Abou-Khalil Platten, steigen sie in den Weltmusik- und Jazz-Charts rasch an die Spitze. Dafür bedankten sich Winckelmann und Rolf Bähnk vom Vertrieb edel Contraire, indem sie dem Musiker nach dem Finale seines zweiten Konzerts in Baalbek gleich fünf German Jazz Awards für mehr als 150.000 verkaufte Platten verliehen.
Wie kein anderer Künstler hat Rabih Abou-Khalil in den vergangenen zwei Jahrzehnten traditionelle arabische Musik, europäische Klassik, zeitgenössische Musik sowie Jazz in einer einzigartigen und sehr persönlichen Klangwelt verschmolzen. Dabei verrät der Aufbau der Melodien seine Wurzeln im Libanon, während die Instrumentierung und Vielfalt der Ausdrucksformen in den Westen verweisen. Selbst die Familie, die vor 24 Jahren den Entschluß des Musikers, in München Querflöte zu studieren, als Entscheidung eines Aussteigers für den Abstieg empfand, ist inzwischen auf den in Tageszeitungen und Rundfunksendungen gelobten Erneuerer der libanesischen Musik stolz. Heute ist Rabih Abou-Khalil knapp davor, in seinem Heimatland als einer der größten und wichtigsten Musiker der Gegenwart zu gelten. Diesem Ruf entspricht, daß er sein Libanon-Debüt nicht in einem Club gab, sondern gleich ganz oben beim renommiertesten Kulturfestival des Landes, dem 1956 von Jean Cocteau konzipierten Baalbek-Festival.
Die Umgebung der Veranstaltung ist freilich gewöhnungsbedürftig, denn die antike Tempelstadt liegt in einer Hisbollah-Hochburg in der oberen Bekaa-Ebene. Alle zwei bis drei Kilometer zwingen syrische oder libanesische Militärsperren den Bus zum Langsamfahren, und rings um die zum Weltkulturerbe der Menschheit erklärte römische Ruinenstadt standen Panzer und gepanzerte Fahrzeuge samt Mannschaften für einen möglichen Einsatz bereit. Selbst auf den Außenmauern des Bacchus-Tempels, in dem Rabih Abou-Khalil spielte, hielten Soldaten und Milizionäre mit Maschinenpistolen Wache. Doch kaum hatte das Konzert begonnen, waren diese Begleitumstände nebensächlich. Die Musik fesselte, und sie entführte das Publikum in eine wunderbare Klangwelt, in der Orient und Okzident eins werden. „So paradox es klingt“, hatte Abou-Khalil schon vor dem Konzert gesagt, „im Publikum sitzen alle: Schiiten, Sunniten und Christen. Die Musik kann sie alle zum Weinen bringen.‘





