MW: Herr Gramatke, Sie sind künftig als Non-Executive Chairman für die Plattenfirma tätig. Welche Aufgaben haben Sie in dieser Funktion? Sind Sie eine Art Bundespräsident für Universal?
Gramatke: Früher nannte man so einen Posten Consultant, jetzt gibt es einen schöneren Titel. Ich nehme Aufgaben im nichtoperativen Bereich wie die Vertretung bei der IFPI, GVL, Phono-Akademie, Universal Manufacturing & Distribution Center und Viva wahr.
MW: Wurde die Konstruktion gewählt, um Tim Renner den Übergang zu erleichtern?
Gramatke: Das hat damit nichts zu tun. Tim Renner ist ab 1. Januar voll in der Verantwortung. Er kann mich gerne fragen, wenn er Rat braucht, aber er muss nicht. Er hat den Job und führt dieses Unternehmen eigenverantwortlich. Mit der operativen Führung habe ich nichts mehr zu tun. Er ist der Herrscher aller Häuser.
MW: Der Wechsel kam überraschend. Welche Gründe gab es für die Wahl dieses Zeitraums?
Gramatke: Ab dem 1. Januar sind wir eine neue Company, die Shareholder von Vivendi und von Seagram sowie von Canal Plus haben bereits zugestimmt. Wir stellen zudem zum 1. Januar unser Geschäftsjahr um. All das sprach dafür. Ein idealer Zeitpunkt.
MW: Wissen Sie bereits, wie lange sie als Non-Executive Chairman für Universal arbeiten wollen?
Gramatke: Schwierig zu sagen. Ich will ja nicht nur Golf spielen in Zukunft. Nicht überraschend haben sich in den letzten Tage viele Menschen bei mir gemeldet, die mit mir Jobperspektiven durchsprechen wollten. Das lasse ich erst einmal auf mich zukommen. Ich werde am 26. Dezember erst 54, das heißt, dass ich noch mal angreifen kann und will und mich auch noch nicht zur Ruhe setze. Vielleicht bin ich irgendwann auch in einem anderen Unternehmen wieder voll tätig und muss dann den Posten bei Universal aufgeben.
MW: Das heißt, Sie schließen nicht aus, dass Sie wieder eine Führungsaufgabe im Musikbereich übernehmen?
Gramatke: Im Musikbereich gibt es in Deutschland und Europa eigentlich keine Aufgabe, die mich reizen würde. In Deutschland habe ich alles erreicht, was man erreichen kann, Europachef war ich bereits schon einmal, auf der Filmseite. Das wäre keine Herausforderung. Ich sehe mich aber im gesamten Entertainment- und Contentbereich zuhause und das kann ich mir gut vorstellen.
MW: Wir haben soeben einen Blick in die Zukunft geworfen – wenn Sie dagegen zurückblicken, was waren die entscheidenden Wendepunkte?
Gramatke: Ganz klar die beiden Wechsel der Shareholder. Während der Polygram-Zeit hatten wir eine Phase, während der es den Marken sehr schlecht ging. Wir mussten einschneidende Sparmaßnahmen durchführen, das war eine sehr schwere Zeit. Das zweite war sicherlich die Übernahme durch Universal. Zwei Unternehmen zusammenzubringen, war eine Herausforderung. Auch von der Denkweise her: Universal stellte den amerikanischen Blick auf die Dinge dar, Polygram eher den Rest der Welt. Das waren die einschneidendsten Momente.
MW: Wann haben Sie für sich die Entscheidung gefällt, Tim Renner zu ihrem Nachfolger zu machen?
Gramatke: Das ist ganz simpel. Als Renner President Music Group wurde, war klar, dass er mein potentieller Nachfolger ist. Wir haben ihn beobachtet und sind zu der Überzeugung gekommen, dass das funktionieren kann. Vielleicht wurde der Wechsel etwas früher vollzogen, als geplant, aber dennoch zum richtigen Zeitpunkt.
MW: Welche herausragenden Qualitäten hat Renner, die ihn geeignet machen für die Aufgabe?
Gramatke: Tim Renner hat mehrere besondere Qualitäten. Erstmal ist er ein ausgewiesener Record Executive, also jemand, der Ohren hat für Musik und Trends und er hat ein Gefühl für die Führung von Mitarbeitern, begeistert sie. Außerdem ist er ein cleverer Geschäftsmann.
MW: Jetzt kommt mit Victor Antippas auch ein Schweizer mit ins Führungsteam. Der soll, so heißt es, wenn es um die Verantwortung für Österreich und die Schweiz geht, weiter an Jorgen Larsen berichten, ansonsten aber an Tim Renner. Passt das zusammen?
Gramatke: Das ist evolutionär zu sehen. Man muss den ersten Schritt vor dem zweiten tun. Vico hat nach der Übernahme von Universal die Companies in Österreich und der Schweiz hervorragend umstrukturiert. Er ist ein guter strategischer Arbeiter und als Running Mate für Tim bestens geeignet, ihm Teile der nicht ganz so spannenden Aufgaben abzunehmen. Die Verteilung der Aufgaben muss allerdings Tim entscheiden, gemeinsam mit Jorgen Larsen. Aber ich denke, Renner und Antippas – das ist ein ganz gutes Gespann.
Tim Renner: Ich freue mich besonders auf die Zusammenarbeit mit Victor Antippas. Für viele Aufgaben, die bisher nicht in meinem Verantwortungsbereich lagen, bringt er ein großes Know-how mit. Als Geschäftsführer für Österreich und die Schweiz hatte Vico in den letzten zwei Jahren die schwierige Herausforderung, entscheidende Umstrukturierungsprozesse durchzusetzen, da diese Unternehmen vorher jahrelang nicht optimal geführt wurden. Auch wenn er jetzt in Deutschland eine ganz andere Situation vorfindet, werden diese Erfahrungen für das Unternehmen extrem nützlich sein. Natürlich hatte ich in den vergangenen Wochen auch die Gelegenheit, Vico persönlich näher kennen zu lernen. Er ist ein Mensch mit viel Humor, mit dem ich herzhaft lachen kann. Ein wichtiger Pluspunkt für unser neues Führungsteam. Denn nur ein Unternehmen, in dem man auch gemeinsam Spaß hat, funktioniert in unserer Branche auch.
MW: Herr Gramatke, welche großen, schlachtentscheidenden Aufgaben kommen Ihrer Meinung nach auf Ihren Nachfolger zu?
Gramatke: Das Unternehmen ist hervorragend aufgestellt, was die strategische Ausrichtung auf die Zukunft angeht. Wir wollen auch im nichtphysischen Bereich, in der Contentsparte, die Nummer eins werden. Die Herausforderung liegt in der Transformation – auf der einen Seite den physischen Bereich weiterzutreiben, attraktives Produkt zu schaffen und auf der anderen Seite in den nächsten fünf bis zehn Jahren das Ganze in einen sehr stark nichtphysisch geprägten Bereich zu integrieren. Diese Herausforderung hat Renner zu bestehen. Dafür ist er gut aufgestellt. Das macht ihm Spass und in diesem Bereich wurde auch in Deutschland bereits viel Vorarbeit geleistet, über die ich noch nicht sprechen möchte. Ein Beispiel ist aber das Internetportal www.classicsandjazz.de.
MW: Wie schätzen Sie die mittelfristigen Perspektiven für den Gesamtmarkt ein? Wird er vielleicht schrumpfen, wie EMI-Chef Heinz Canibol unlängst in MUSIKWoche andeutete?
Gramatke: Glaube ich nicht. Der Markt geht – wie immer – durch Zyklen. Ich bin ein sehr optimistischer Mensch. Ich glaube daran, dass Musik per se attraktiv ist, egal in welcher Form sie vorliegt. Nach wie vor wissen wir, dass wir die älteren Zielgruppen nicht in den Geschäften erreichen. Wir müssen sie woanders für uns gewinnen, im Bereich E-Commerce, Internet und durch modernere Clubangebote. Auch durch Direktmarketing. Der physische Tonträger wird möglicherweise stagnieren, aber nicht großartig schrumpfen. Wenn ein gutes Produkt kommt, wird es Ausschläge nach oben geben. Zusätzlich wird der nicht-physische Bereich dazukommen, in einem fließenden Prozeß. Langfristig wird sich ein B2C-Markt etablieren, zusätzlich wird es Angebote über WAP und UMTS geben. Musik-Content wird der Treibsatz für andere technische Angebote. Insofern ist mir nicht bange. Wertschöpfung per Musik hat langfristig eine sehr, sehr gute Perspektive.
Renner: Da kann ich mich nur anschließen. Aber von alleine werden die Erfolge nicht auf uns zukommen. Wenn wir als Musik- und Kulturkonzern unsere Marktposition gegen alte und neue Wettbewerber verteidigen und ausbauen wollen, müssen wir viele ausgetrampelte Pfade verlassen, müssen noch konsequenter als bisher unsere eingefahrenen Strukturen überdenken und, was das Wichtigste, ist, stärker denn je um die Qualität und Authentizität unserer Inhalte kämpfen. In den nächsten Jahren werden wir einen Innovationsprozess erleben, wie ihn unsere Branche noch nie vorher zu bewältigen hatte. Der Lebenszyklus des physischen Tonträgers hat seinen Zenit lange überschritten. Wir werden erst ein Tal durchlaufen, um nachher auf dem höheren Berg zu stehen. Dazu brauchen wir Energie, strategische Cleverness und viel Optimismus.
MW: Durch den Merger von Vivendi und Seagram entsteht ein großer Konzern. Große Unternehmen haben Stärken, aber auch Schwächen. Wie wollen Sie die Schwächen nicht zum Tragen kommen lassen?
Renner: Das Gebilde ist groß, aber fokussiert. An der Spitze von Vivendi Universal stehen mit Jean-Marie Messier und Edgar Bronfman zwei Männer mit einer gemeinsamen Vision von einem ganzheitlichen Medienkonzern, der den Inhalten verpflichtet ist und innovativ alle Möglichkeiten der neuen Kommunikationstechnologien einsetzt. Diese Vision ist auch meine Vision, und Vivendi Universal ist heute schon extrem gut aufgestellt. Der Mix aus Unternehmenseinheiten, die Content, Kommunikation und Distributuion verantworten, ergibt eine hervorragende Ausgangsposition für die Aufgaben, die vor uns liegen.
MW: Welche Rolle wird der Bereich Deutschland in dieser Konstruktion spielen? Wollen Sie eine Führungsrolle übernehmen?
Renner: Historisch bedingt dränge ich mich als Deutscher ungern nach vorne. Unter der Führung von Jorgen Larsen hat sich bei Universal in Europa eine erstklassige Kommunikationskultur entwickelt. Hier werden wir uns weiter intensiv einbringen und unsere Rolle wahrnehmen, eine wichtige, aber keine bestimmende.
MW: Sie gelten als jemand, der sich sehr stark von der A&R-Seite her definiert. Ihre neue Funktion bringt nun auch noch zahlreiche andere Aufgaben mit sich, deren Faszinationsgrad teilweise sicherlich niedriger einzuschätzen ist. Wie wollen Sie sich den Spaß an der Sache erhalten? Victor Antippas kann Ihnen ja nicht jegliche lästige Fron abnehmen.
Renner: Um Gottes Willen, Victor ist ja nicht mein wandelnder Müllschlucker! Wir wollen eher so eine Kaltz-Hrubesch-Synergie hinkriegen: Bananenflanke Kaltz, Kopfballtor Hrubesch! Der Spaßfaktor besteht für mich darin, Medienunternehmen in sehr interessanten Zeiten mit ausrichten zu dürfen. Diese Frage wäre äußerst berechtigt, wenn wir uns in einem total festgefahrenen Markt befänden. In der Realität ist aber alles im Wandel: Die Medienkultur, die Distributionsstrukturen und das Beschaffungsverhalten der Konsumenten – alles ist im Fluss, nichts bleibt wie es ist. Der ganze Markt stellt sich auf die eine oder andere Weise in Frage. Jeder muß jetzt agieren. Auch bei den Mitbewerbern ändern sich derzeit die Konstellationen erheblich. Wir haben eine extrem spannende Zeit, in der man extrem viel gestalten kann – und das hat eine ganze Menge mit Kreativität und A&R zu tun.
MW: Inwieweit werden Sie in Ihrer neuen Funktion auf die weltweite Internetstrategie des Konzerns Einfluss nehmen können? Oder müssen Sie da mit dem leben, was international vorgeben wird?
Renner: Das Unternehmen versteht das Internet sowohl als globales als auch als lokales Medium. Unsere lokalen Aktivitäten, in denen sich die Identität unserer nationalen Musikkultur widerspiegelt, werden wir auch weiterhin eigenständig verantworten. Hier entscheiden wir selbst. Was die übergeordnete globale Strategie angeht, spielen wir natürlich unseren Part in dem Konzert von Vivendi Universal.
MW: Wie schätzen Sie die Zukunft des physischen Tonträgers ein?
Renner: Ich bin der Überzeugung, dass der physische Tonträger unter Druck kommen wird. Wird er über Nacht verschwinden? Nein, das glaube ich auch nicht. Wäre es schlimm, wenn er verschwände? Wenn wir uns richtig aufstellen, muss das nicht das Problem sein, sondern kann eher weitere Möglichkeiten eröffnen. Für den Handel wird es immer wichtiger, seine Beratungskompetenz gegenüber dem Konsumenten zu verdeutlichen. Dann hat er auch in einer Zukunft ohne den physischen Tonträger seine absolute Bedeutung.
MW: Sie haben in jüngster Zeit mehrfach eine allgemeine Dürre beim Thema A&R beklagt. Was können Sie tun, damit ihr Konzern davon nicht betroffen ist?
Renner: In erster Linie muss man die A&R-Orientierung vorleben! Viele Probleme der Musikindustrie in Deutschland haben ihre Ursache darin, dass in den 80er- und 90er-Jahren fast alle Führungspositionen mit primär Marketing-getriebenen Leuten besetzt worden sind. Unter denen kam A&R und die Entwicklung von A&R-Kompetenz zu kurz. Wir versuchen hier andere Zeichen zu setzen. Ich hoffe es ist ein Signal, dass der Marktführer jetzt jemanden an seine Spitze ruft, der aus dem A&R kommt. Damit ist Universal in Deutschland seit 15 Jahren der erste Konzern, der dies tut.
MW: Herr Gramatke, gibt es eine Lebens- oder Business-Weisheit, die Sie Tim Renner mit auf seinen Weg geben?
Gramatke: „Auch auf dem höchsten Thron der Welt sitzt man immer auf seinem eigenen Hintern!“ Das ist vielleicht etwas, was er bedenken sollte, denn vielleicht hört sein Aufstieg ja nicht an dieser Stelle auf, sondern geht sogar noch weiter.
MW: Herr Renner: Was ist das wichtigste, was sie in den gemeinsamen Jahren von Wolf-Dieter Gramatke gelernt haben?
Renner: Eine meiner Grundschwächen war immer Ungeduld. Was ich von Wolf gelernt habe, ist die Verbindung von Geduld mit einem gerüttelten Maß an Optimismus, um die Sachen nach vorne zu bringen.





