MW: Die Marktsituation für Klassik-Tonträger ist derzeit unbefriedigend. Kann der ECHO KLASSIK hier mehr als nur einen Kurzzeit-Effekt bei der Nachfrage bewirken?
Prof. Werner Hay: Ich denke schon. Unser Hauptanliegen bei der Arbeit im Rahmen der Deutschen Phono-Akademie ist es ja, neue junge Talente zu fördern und an den Markt heranzuführen. Im Falle des Echo Klassik ist das beispielsweise mit dem Perkussionisten Peter Sadlo und der Klarinettistin Sharon Kam gelungen. Beide Interpreten waren vor der Veranstaltung dem Publikum noch relativ unbekannt. Am Tag nach der Sendung wurde im Fachhandel dann bereits nach ihren CDs gefragt. Ich denke, das ist ein wichtiger Faktor dessen, was den Echo ausmacht.
MW: Wie viele Gäste erwarten Sie zur Preisverleihung?
Hay: Wir werden ein volles Haus haben. Rund 850 Besucher werden da sein, davon sind 450 von uns und dem ZDF geladene Gäste. Auch politische Prominenz wie Wolfgang Thierse, der Bundestagspräsident, Eberhard Diepgen, der Regierende Bürgermeister von Berlin, und Wolfgang Branoner, der Wirtschaftssenator von Berlin, nimmt an der Klassik-Gala teil.
MW: Die Verleihung wird auch in diesem Jahr wieder vom ZDF übertragen. In den vergangenen beiden Jahren sahen rund 0,5 Millionen Menschen zu, noch 1997 war die Quote fast doppelt so hoch. Wie viele Zuseher halten Sie für realistisch?
Hay: Ohne zu optimistisch sein zu wollen: Zwischen 500 000 und einer Million. Man muß da auch die Relationen sehen: Die Übertragung des Echo Pop haben fünf Millionen Menschen gesehen. Beim ECHO KLASSIK hatten wir also zuletzt rund zehn Prozent davon. Die Verhältnisse auf dem Tonträgermarkt sehen bekanntlich für die Klassik ungünstiger aus.
MW: In welcher Richtung sehen Sie für die Veranstaltung selbst noch Entwicklungsmöglichkeiten?
Hay: Mein Wunsch wäre, dass diese Klassik-Gala-Veranstaltung zur Prime-Time im Abendprogramm gesendet werden würde. Alle weiteren Entwicklungsmöglichkeiten müssten sich dann von der dramaturgischen Seite her ergeben. Mit einem optimalen Sendeplatz und national wie international bekannten Klassik-Stars, würde ECHO Klassik eine ähnlich erfolgreiche Entwicklung wie ECHO POP nehmen.
MW: Im kommenden Jahr wird auch der ECHO POP in Berlin verliehen. Sehen Sie die Hauptstadt künftig als Dauerstandort für beide Veranstaltungen?
Hay: Was den ECHO POP angeht, trifft der Vorstand der Deutschen Phono-Akademie jedes Jahr neu die Entscheidungen darüber, wo die Veranstaltung stattfinden soll und welcher Sender sie übertragen kann. Wir entscheiden uns dann jeweils für das beste Angebot. Der Wirtschaftssenator von Hamburg hat mir die gleiche Frage gestellt. Ich konnte ihm versichern, dass ECHO POP durchaus auch wieder nach Hamburg zurückkommen könnte, wenn man uns eine angemessene, d. h. ausreichend große Halle zur Verfügung stellen würde.ECHO KLASSIK 2001 wird übrigens im Festspielhaus in Baden-Baden stattfinden.
MW: In den vergangenen Jahren hat die Deutsche Phono-Akademie die Erlöse der Gala und der CD zum ECHO KLASSIK jeweils guten Zwecken zukommen lassen. Was ist diesbezüglich dieses Mal geplant?
Hay: Beim ECHO KLASSIK geht die Spende jeweils an die Stiftung Frauenkirche Dresden und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz. Das ist der erklärte Wunsch des ZDF-Intendanten Professor Dieter Stolte.
MW: Jazz ist bisher als eine von insgesamt 25 Kategorien im Echo-Programm der Unterhaltungsmusik untergebracht – aus Sicht der Jazzszene sicher keine Ideallösung. Warum hat man keinen Echo Jazz an den ECHO KLASSIK angekoppelt?
Hay: Natürlich haben wir darüber nachgedacht. Klar wäre auch die in ihrer Frage angedeutete Lösung denkbar gewesen. Hier geht es um die komplizierte Frage, wie man dem Jazz am besten nützt. Will man die Preisträger popularisieren, dann spricht die Logik der Quote für die Einbindung in den ECHO POP; weil man hier einfach mehr Menschen erreicht. Wir würden bei ECHO POP beispielsweise gerne auch Preise in weiteren Genres überreichen, etwa Musical, Country oder Weltmusik. Aber dann wären wir bald bei einer Fünf-Stunden-Veranstaltung, und für die können sie in Deutschland niemanden gewinnen.
MW: Welchem der fünf Sonderpreise messen Sie persönlich die größte Bedeutung zu?
Hay: Ich bitte folgendes als ganz persönliche Wertung zu verstehen. Zum ersten: Montserrat Caballe. Ein erfolgreicher Weltstar, der sich nach wie vor für die Ausbildung und Förderung junger Nachwuchstalente engagiert. Das bewundere ich. Zum zweiten: Die Bach-Edition von Hänssler. Hier hat eine kleine unabhängige Firma mit einem riesigen Aufwand an Mühe, Geld und Kreativität etwas Bewundernswertes geschaffen.
MW: Die KlassikKomm existiert seit 1997 nicht mehr. Schließt der Echo Klassik als Gelegenheit, Gesprächs- und Geschäftspartner zu treffen, hier eine Lücke? Ließe sich das noch ausbauen, etwa durch Rahmenveranstaltungen für die Branche?
Hay: Ich glaube schon. Der Versuch war ja gut, eine solche KlassikKomm zu veranstalten, aber es bekam dann zu sehr den Charakter einer Messe, die die Musikwirtschaft nicht braucht. Was sie braucht, ist ein Event für Klassik, der breite GesEllschaftsschichten und ganz besonders junges Publikum anspricht. Insofern kann ich mir durchaus vorstellen, dass man im Umfeld des ECHO Klassik etwas gestalten kann, das diesem Ziel näher kommt. Erste Ansätze sind ja schon da, etwa in Form unseres Empfangs nach der Verleihung. Ich bin immer wieder überrascht, wieviele Gäste mir noch nach Monaten von Dingen erzählen, die dort besprochen oder gar initiiert wurden. Das gibt mir eigentlich die Gewissheit, dass trotz Internet und E-Mail das persönliche Gespräch nach wie vor eine große Bedeutung hat.






