MUSIKWoche: Haben Sie eine klar definierte Arbeitsteilung?
Moses Pelham: Thomas ist hauptverantwortlich für die Menschen, die bei 3p arbeiten. Er stellt Leute ein und vergibt Aufgaben. Kann man das so sagen?
Thomas Hofmann: Kann man. Ich bin Label-Manager und Moses CEO.
Pelham: In einer so kleinen Struktur gibt aber jeder seinen Senf dazu, denn man sitzt direkt nebeneinander.
Hofmann: Wir arbeiten nach dem Prinzip, daß ich Gas gebe und Moses auf die Bremse tritt. Das ruckelt zwar ein bißchen, ergibt aber eine sehr positive Energie. Dieses Prinzip überträgt sich auf die ganze Firma.
MW: Wieviele Leute arbeiten bei 3p?
Hofmann: Wir haben 13 festangestellte und einige freie Mitarbeiter.
MW: Warum tun Sie sich den Streß einer eigenen Plattenfirma an?
Hofmann: Wir glauben, daß man große Dinge nur im Detail verändern kann. Wenn man am kleinen Rad so schnell wie möglich dreht, versetzt man das große in Bewegung.
Pelham: Und wenn ich Details verändern will, brauche ich jemanden, der dem Ganzen ebenso viel Liebe entgegenbringt wie ich.
Hofmann: Die Leute bei uns arbeiten sehr eigenverantwortlich, und wir versuchen das zu fördern. Moses und ich sind uns eigentlich selten einig, im Grunde aber doch immer…
Pelham: Grundsätzlich ja, im Detail aber seltenst. Ich bin wahrscheinlich noch viel mehr ein Control-Freak als Thomas. Es gibt immer zwei Millionen Details, die ich selbst nicht machen kann, obwohl ich es möchte. Mir fällt es schwerer als anderen, loszulassen. Dafür ist hinterher die Freude umso größer. Es macht mich glücklich, wenn es Leute gibt, die Dinge mit ihrer eigenen Liebe so umsetzen, daß ich sagen muß: „Das hätte ich selbst nie besser gemacht.“
MW: Ist 3p jetzt die Firma, die Sie vor einigen Jahren aufbauen wollten?
Pelham: Unser Plan war nie, zehn Angestellte oder was weiß ich wieviel Umsatz zu machen. Er war geprägt von den Möglichkeiten, die sich uns boten, und von den Dingen, die nicht funktionierten.
Hofmann: Wir wollten Autonomie; das war schon beim Rödelheim Hartreim Projekt unser Anliegen.
Pelham: Ich nehme es als Kompliment, wenn Leute das „Marketingkonzept“ von 3p klasse finden, aber in Wahrheit ergab sich das einfach. Das haben wir uns nicht am grünen Tisch ausgedacht.
MW: Xavier Naidoo ist sehr erfolgreich und bindet schon deshalb viel Zeit und Energie. Das neue Album von Sabrina Setlur kommt im Herbst. Anfang Juni erschien die neue Platte von Illmatic. Laufen 3p-Künstler wie Illmatic oder Bruda Sven nicht Gefahr, zwischen den beiden Stars zerrieben zu werden?
Hofmann: Ich denke nicht. Ich glaube an die Langfristigkeit dieser Musiker. Für uns sind die Verkaufszahlen erst einmal nicht so wichtig. Wichtiger ist, daß ein Künstler mit seiner Persönlichkeit und seinem Image aufgebaut wird, damit seine Basis für den Durchbruch wachsen kann.
MW: Xavier gründet sein eigenes Label mit dem Namen Söhne Mannheims. Wie finden Sie das?
Pelham: Was für Xavier gut ist, ist auch gut für uns.
MW: Sie widmen einen großen Teil Ihrer Zeit mehr dem Geschäft als der Musik. Ist das noch befriedigend?
Hofmann: Ich verbringe viel Zeit mit dem Schreiben von Texten. Und Moses produziert kräftig. Wir haben also noch aktiv mit Musik zu tun.
Pelham: Ich habe das Gefühl, meine persönliche Karriere für 3p geopfert zu haben.
Hofmann: Du hast doch ein Soloalbum gemacht. Was willst du denn?
Pelham: Ich hätte auch drei Soloplatten machen können. Oder vier. Wir fragen uns natürlich, was gewesen wäre, wenn wir nur das Rödelheim Hartreim Projekt gemacht hätten. Dann wären wir die Böhsen Onkelz des HipHop geworden. Aber wir haben uns – gar nicht so bewußt, aber immerhin – dafür entschieden, ein Künstler-Pool zu sein. Bei Thomas war dieses Opfer – der weitgehende Verzicht auf die eigene Karriere – noch viel extremer.
MW: Hat Sie das Abschneiden Ihres Albums „Geteiltes Leid 1“ enttäuscht?
Pelham: Ja, total.
MW: Woran lag das?
Pelham: Ich bin überzeugt, daß die Stefan-Raab-Geschichte der Platte das Genick gebrochen hat. Der Medien-Overkill um meine Person und das, was ich angeblich getan habe, hat jede Aufmerksamkeit von dem, was ich eigentlich tue, abgezogen. „Es gehört zum Job, unglücklich zu sein“
Hofmann: Nach dieser Berichterstattung war niemand mehr an der Platte interessiert. Jeder redete leider nur vom Raab-Ding.
Pelham: Die Platte hatte keinen Platz mehr zum Leben. Ich versuche zwar, möglichst wenig darüber zu reden, aber natürlich bin ich enttäuscht. Schließlich habe ich viel dafür gearbeitet.
MW: Kommt jetzt bis auf weiteres keine zweite Folge?
Pelham: Ich schreibe immer Dinge auf, die mich beschäftigen – von daher macht sich „Geteiltes Leid 2“ von selbst. Es wird noch etwas dauern, aber veröffentlichen werde ich es. Das empfinde ich als mein Recht, nachdem ich die Firmenstruktur mit meiner Karriere bezahlt habe. Ich will den Raum haben, zu tun, was ich für richtig halte, auch wenn es keinen kommerziellen Erfolg garantiert. Die Liebe zur Sache ist immer noch der erste Grund, warum ich in diesem Geschäft bin.
MW: Sie halten sich also lieber im Studio auf als im Büro?
Pelham: Es gibt für alles eine Zeit. Ich habe mich darauf eingelassen, bestimmte Dinge tun zu müssen und sie auch zu wollen. Das ist eine Verantwortung, der ich gerecht werden will.
Hofmann: Bei mir entstand während meiner Künstlerkarriere eine Faszination für dieses Geschäft. Ich wollte verstehen, wie Dinge funktionieren, und bin heute bemüht, Mißverständnisse zwischen Künstler und Plattenfirma aufzuklären, um Dinge zum Funktionieren zu bringen. Hier werde ich gebraucht und kann am meisten Einfluß ausüben. Das nimmt zwar die Zeit und die Energie, die ich bräuchte, um ins Studio zu gehen. Aber wenn ich wieder Zeit hätte, würde ich etwas schreiben. Das braucht vielleicht keiner, aber Lust hätte ich.
MW: War der deutsche Text von „Sie sieht mich nicht“ – das französische Original stammt von Jean-Jacques Goldman – eine Auftragsarbeit, oder steckt Herzblut von Moses Pelham darin?
Pelham: Es war kein Auftrag. Entweder ich entwickle eine Faszination und Liebe für so etwas, oder ich lasse es bleiben.
Hofmann: Moses sagte sogar: „Ich weiß nicht, ob die Nummer funktioniert, aber sie ist so gut, daß ich sie unbedingt machen will.“ Beim ersten Hören war ich auch nicht sicher, ob es ein Hit wird.
Pelham: Ich muß zwar sagen, daß wir ein Stück wie „Sie sieht mich nicht“ so nicht geschrieben hätten, was aber nichts daran ändert, daß ich es klasse finde.
Hofmann: Es ist schön für Moses, für andere zu schreiben. Ich finde es ohnehin erstaunlich, daß niemandem aufgefallen ist, wieviel er für andere Musiker schreibt. Unglaublich, daß seine Credits keinen so recht interessieren.
Pelham: Unglaublicher finde ich es, wenn man mir erzählt, daß Xavier religiöse Texte macht, bei denen deutlich wird, daß er Christ ist, während ich Aggro-Pöbeleien von mir gebe, Xavier und ich also gegensätzliche Kunst schaffen. Da frage ich: Habt ihr je „Neuer Morgen“ auf meiner CD gehört?
MW: Mal ganz pauschal gefragt: Sind Sie jetzt glücklich?
Pelham: Es gehört zu meinem Job, unglücklich zu sein.
Hofmann: „Glücklich“ klingt nach seelischem Gleichgewicht und ruhendem Pol. Es klingt eher nach Abschluß als danach, mittendrin zu sein. Insofern bin ich eher erwartend als glücklich; von richtigem Glück kann man nicht sprechen. Ich bin sehr glücklich über abgeschlossene Projekte, ansonsten schaue ich nach vorn. Dabei kann man sich nicht ausruhen und glücklich sein.
Pelham: Es gibt Momente mit extremen Glücksgefühlen. Das gilt wohl auch für Thomas. Wir suchen im Studio danach. Manche Augenblicke will man festhalten und seine Arbeit anderen präsentieren. In diesem Krieg gewinnt man oft kleine Schlachten, kann aber nie richtig glücklich sein. Es gibt nur Erleichterung, wenn eine Schlacht gut gelaufen ist. Aber vielleicht ist der Vergleich mit dem Krieg nicht so schön…
MW: Leben Ihre Familien noch in Frankfurt?
Hofmann: In Oberursel.
Pelham: Meine Familie lebt noch in Rödelheim. Meine Mutter arbeitet inzwischen fast nur für 3p. Meinem Vater bleibt das meiste, was wir machen, verschlossen, weil er fast nur Englisch spricht und zu wenig Deutsch, um Rödelheim so wahrzunehmen wie wir.
MW: War er nicht auch einmal Musiker?
Pelham: Ist er noch. Er spielt aber nicht mehr öffentlich. Er war vor 30 oder 35 Jahren bei Columbia; Jochen Leuschner hat mir aus dem Archiv altes Material beschafft. Darunter sind Sachen, die nie veröffentlicht wurden und mit denen ich meinem Vater eine Freude machen konnte. Vielleicht nehme ich einmal mit ihm einen Track auf.
MW: Was machen Ihre Eltern, Herr Hofmann?
Hofmann: Die Mutter ist Hausfrau, der Vater Professor für Methodik.
MW: Haben Sie Ihren Sinn für Methodik von ihm geerbt?
Hofmann: Ich denke schon.
MW: Was kommt nach Illmatic und Sabrina Setlur im Oktober?
Pelham: Es gibt auf jeden Fall eine Live-Platte von Xavier.




