Interview mit Larry Miller, President Reciprocal Entertainment: „Branche sollte Napster danken“

Hinter der Musikbranche liegen zwei Wochen der spektakulären Ankündigungen. Unklar ist bislang, wie die Pläne von MusicNet, Duet oder Microsoft Music das Geschäft der Zukunft prägen und beeinflussen werden. musikwoche.de sprach mit Larry Miller, President der Software-Firma Reciprocal, die unter anderem Lösungen für den Digitalvertrieb von Medien, Digital Rights Management und Clearinghouse-Systeme anbietet.

musikwoche.de: Ist die Aufregung um Napster und die damit verbundenen Rettungsversuche für diese Plattform übertrieben?

Larry Miller: Ich meine ja. Warten Sie mal ab, wie sich die Situation darstellt, wenn Sony und Vivendi Universal oder AOL Time Warner mit ihren Plänen konkreter werden. Nicht zu vergessen Microsoft Networks, Lycos und all die anderen Plattformen, die bereits direkte Geschäftsbeziehungen mit Millionen von Menschen haben. Obwohl ich Napster für wichtig erachte, gibt es doch etliche andere Möglichkeiten, die demnächst relevant werden.

mw: Werden dann mehrere verschiedene Plattformen mit unterschiedlichen Repertoire-Angeboten um die Kunden kämpfen?

Miller: Mit Sicherheit nicht. Das werden die Kunden nicht akzeptieren.

mw: In den letzten Monaten sprachen alle über Musikabos. Ist das die Zukunft?

Miller: Napster und der gescheiterte Versuch einiger Firmen, sich Downloads bezahlen zu lassen, führten zu diesen Abo-Überlegungen. Sicher ist nur eins: Es gibt einen gewaltigen Bedarf für Online-Musik bei dieser neuen Konsumentengeneration. Unklar ist jedoch, ob der nur durch Streaming oder Downloading gedeckt wird, ob das Geschäft dann über PCs oder tragbare Geräte laufen wird oder ob es eventuell sogar Züge von Radioempfang haben wird. Das sind richtungweisende Entscheidungen, die noch in diesem Jahr getroffen werden. Es wäre jedenfalls ein Fehler, sich ausschließlich auf Subskriptionsmodelle zu verlassen.

mw: Was ist die größte Herausforderung für die Musikbranche im Jahr 2001?

Miller: Die wichtigste Lektion, die die Branche lernen muss, ist, dass die Kunden sowohl eine größtmögliche Auswahl und eine hervorragende Nutzbarkeit der Dienste erwarten. Im letzten Jahr wurde klar, dass bisherige Online-Vertriebsformen die Inhalte so stark schützen wollten, dass Konsumenten sie fast nicht finden konnten. Und sollten die Kunden dann doch den Zugang zu ihrer Musik im Netz gefunden haben, war der Kaufvorgang äußerst hindernisreich. Darauf lässt sich nur schwer ein Geschäft aufbauen. Also werden wir in diesem Jahr eine Balance zwischen Kontrolle und Nutzbarkeit finden müssen. Egal, was aus Napster nun wird: Wir sollten dankbar dafür sein, dass uns Napster gezeigt hat, wie man reibungslos eine immense „Konsumentenzahl“ bedienen kann.