MUSIKWoche: Der teils schmerzhafte Umbau des Universal-Konzerns ist abgeschlossen. Hat Polydor unter der Umstrukturierung sehr gelitten? Jörg Hellwig: Das war ein extremer Wandel, und deshalb gibt es jetzt zahlreiche neue Gesichter bei Polydor. Aber ich meine, es wurde schon genug über Strukturen geredet. Wir befassen uns längst nicht mehr mit organisatorischem Hickhack. Darüber hinaus hatten wir schon vor dem Merger sehr viel auf den Weg gebracht. Der Zusammenschluß ermöglichte uns schließlich noch eine Feinabstimmung. Die Firma Polydor steht jetzt solide da – mit lokalen und mit internationalen Erfolgen.
MW: Polydor ist keine neue Firma, jedoch eine mit neuem Profil und neuem Programm. Bauen Sie dennoch auf der langen Tradition auf? Hellwig: Das wichtigste ist, daß die Traditionsmarke gepflegt, bewahrt und auch aufgefrischt wird. Auf keinen Fall dürfen wir mit unserer Vergangenheit brechen. Wir müssen uns dazu bekennen und mit dem vorhandenen Künstlerstamm neue Ansätze finden, die eine gewisse Frische bringen. Es gibt ein klares Bekenntnis zur Traditionsmarke Polydor, und es gilt, diese Tradition im positiven Sinne aufrecht zu erhalten. Mir war das Unternehmen zu sehr in Richtung MOR ausgelegt. Insofern gibt es jetzt bei uns auch ein klares Bekenntnis zum Pop.
MW: James Last machte eine Single mit den HipHoppern von Fettes Brot, Udo Lindenberg sang mit Freundeskreis. Symbolisieren solche Projekte den Spagat, den Polydor jetzt macht? Hellwig: Ja. Und James Last hat davon erheblich profitiert. Der Mann verdient unseren Respekt und unsere Kreativität. So entstanden Konstellationen, die ein Beweis für die Innovationsfreudigkeit der Firma sind.
MW: Mußten Sie sich eigentlich mit langjährigen Polydor-Künstlern erst einmal gründlich zusammenraufen? Hellwig: Howard Carpendale war der erste, mit dem es eine kritische Auseinandersetzung über die Inhalte seiner Musik gab. Denn im Mittelpunkt unserer Arbeit sollen die Auseinandersetzung mit dem Künstler und der Kampf um das beste Ergebnis stehen. Dieser neue Ansatz ist bei Howard gut gelungen; es gab eine deutliche Aufwärtsbewegung. Seine Tournee war ein Riesenerfolg, und auch das Album hat sich wesentlich besser verkauft als das letzte. Nach Howards guter PR-Arbeit, nach einigen frechen Interviews bei Harald Schmidt und im „Stern“ ist er jetzt plötzlich wieder sehr aktuell.
MW: Ist diese Zusammenarbeit ein Beleg dafür, daß Sie den „alten Recken“ von Polydor weiterhin ein Gefühl von Heimat vermitteln? Hellwig: Sie empfinden so etwas wie frischen Wind, aber dieses Label ist immer noch ihre Heimat. Und das war auch von Anfang an unser Anspruch. Denn natürlich sehen wir es als eine unserer zentralen Aufgaben an, in diesem Feld auch weiterhin aktiv zu sein. Der erste Schritt war dabei: Was machen wir mit den Künstlern, die wir bereits unter Vertrag haben? Wie finden wir für sie einen neuen Anker? Und wie richten wir unser Team wieder mehr in Richtung A&R aus? Schritt zwei war dann, in eine aktive Phase von Vertragsabschlüssen einzutreten und neue Talente im MOR-Bereich an das Haus heranzuführen.
MW: Und wie sieht es im internationalen Bereich aus? Hellwig: Wir sind stolz auf das, was Joachim Harbich und sein Team mit den Künstlern von Polydor UK erreicht haben. So konnten wir die Lighthouse Family außerhalb Englands etablieren. Auch unser hartnäckiges Engagement bei Boyzone und Ronan Keating zahlt sich jetzt aus. Wir bedauern natürlich den durch den Merger bedingten Weggang von A&M. Aber mit MCA haben wir jetzt ein US-Label mit einem frischen Künstlerstamm. Diese zum größten Teil noch nicht gebreakten Künstler wie Mary J. Blige, Blink 182 oder The Roots im deutschen Markt zu etablieren, ist natürlich eine tolle Herausforderung. Ein erster Erfolg ist uns mit den New Radicals bereits gelungen.
MW: Sie kamen aus Stuttgart von Intercord nach Hamburg. Gemeinsam mit Joachim Harbich und Michael Kucharski bilden Sie jetzt sozusagen eine kleine Intercord-Zelle. Wo kommen Ihre anderen Abteilungsleiter her? Hellwig: Joachim Harbich und Michael Kucharski sind in der Tat alte Weggefährten. Jochen Schuster war vorher ein Jahr lang Marketingleiter bei Karussell und davor knapp zwei Jahre mit Tom Bohne bei Sony Music Media im Strategic Marketing.
MW: War es nicht ein Risiko, relative Newcomer auf so zentrale Stellen zu setzen? Hellwig: Ich glaube, daß Intelligenz, gute Ausbildung, Musikbegeisterung und Branchenerfahrung ideale Grundlagen sind. Hinzu sollten Teamfähigkeit sowie Führungsqualitäten kommen. All das bringen die Jungs mit, und daher ist das ideale Team mit unseren Repertoire-Heads Tom Bohne, Achim Harbich und Jochen Schuster gefunden.
MW: Die Drei leiten die Säulen Pop/Rock, MOR und Zeitgeist? Hellwig: Zeitgeist-Mann Tom Bohne ist der jüngste und unser Heißsporn. Er bekam die Möglichkeit, einen eigenen Repertoire-Bereich komplett neu aufzubauen. Er hat vorher bei Sony im Compilation-Geschäft gearbeitet. Ich hielt Tom gleich für den geeigneten Mann, um uns ganz neue Stärke im Bereich des jugendaffinen Repertoires zu geben. Tom Bohne hat in Tim Dobrovolny einen guten Mitstreiter gefunden. Zeitgeist ist jetzt eine kleine Hit-Factory. Vor allem handelt es sich bei ihren Erfolgen um eigene Signings; da gibt es keinen einzigen Label-Deal.
MW: Sie reden von Themen wie Spike oder Schiller? Hellwig: Richtig. Das sind Zeitgeist-Künstler. So auch Mellow Trax, Taucher, Hermes House Band und Yamboo. Und das Revival von Masterboy sieht auch höchst erfreulich aus. Zeitgeist läuft eben wie geschmiert.
MW: Es fragt sich nur, wie lange noch… Hellwig: Wir betrachten vieles von dem, was im Moment wie ein Einzelfall aussieht, mit der Perspektive, albumfähige Künstler oder zumindest Konzepte zu entwickeln. Wir müssen einfach album-orientierter denken. Das klingt zwar sehr theoretisch, ist aber in der Praxis mit Künstlern wie Spike und Mellow Trax und jetzt auch mit Schiller bereits aufgegangen.
MW: Klingt der Slogan „Keep the Zeitgeist alive“ nicht ein bißchen wie ein Rettungsappell? Hellwig: Darüber haben sich manche Leute amüsiert. Aber ich hatte immer großes Vertrauen in meine Mitstreiter und liege damit bisher völlig richtig.
MW: In der Übergangsphase gab es zahlreiche personelle Wechsel bei Polydor. Wie stark hat Sie das belastet? Hellwig: Das war ein schwieriger Prozeß. Da ist man wahrlich nicht Everybody’s Darling. Bei der Umstellung und Neuausrichtung einer so traditionellen Firma gibt es eben doch viele Widerstände. Deshalb muß ich Wolf-Dieter Gramatke für seine Rückendeckung danken.
MW: Zurück zum Produkt. Wie lange haben Sie noch Ace Of Base unter Vertrag? Schließlich hat edel deren Label Mega Records gekauft. Bringt Polydor trotzdem noch ein Greatest-Hits-Album? Hellwig: Ja, dieses Album ist vertraglich gesichert.
MW: Ist danach ein neuer Vertrag fällig? Hellwig: Nein. Denn wir haben bereits jetzt die Option für das nächste Studioalbum ausgesprochen.
MW: Wie geht es weiter? Wie sieht die nächste Herausforderung für Polydor aus? Hellwig: Die heißt: noch mehr auf A&R fokussieren. Das ist eine Überlebensaufgabe.
MW: Bleibt Musical weiter ein Thema für Polydor? Hellwig: Natürlich. Wir sind der 95-Prozent-Marktführer im Musical-Bereich. Und der ist nach wie vor ein gutes Geschäft. Sicher müssen wir umdenken. Neue Musicals werden nicht mehr so lange Laufzeiten wie „Cats“ und „Phantom der Oper“ haben. Auch der Musical-Marktführer Stella muß sich damit auseinandersetzen. Wenn aber Stoff und Inszenierung stimmen, werden Musicals und die entsprechenden Tonträger auch in Zukunft erfolgreich sein. Neben den Stella-Projekten freuen wir uns zum Beispiel auf „Ludwig“. Das ist ein spektakuläres Thema, inszeniert an einem touristisch attraktiven Platz – direkt gegenüber Schloß Neuschwanstein. Musicals sind und bleiben für Jochen Schuster und sein Team ein wichtiger Bestandteil des Geschäfts.
MW: Wie würden Sie das neue Profil der Polydor beschreiben? Hellwig: Tradition und Moderne – wir schaffen die Symbiose aus beiden. Wir sind ein traditionelles Label mit einer Firmengeschichte wie kaum ein anderes, zu der wir uns auch bekennen. Polydor ist im Bereich der Popmusik ein Begriff wie Deutsche Grammophon in der Klassik. Das sind Markennamen und Qualitätsversprechen zugleich.



