MUSIKWoche: Dieter Thomas Kuhn hat sein Abschiedskonzert gegeben. Ist die Renaissance des deutschen Schlagers jetzt beendet, oder bringen Sie nach Ihrer kreativen Pause nochmals neuen Schwung in die Schlager-Szene? Guildo Horn: Was Dieter Thomas Kuhn gemacht hat, ist nicht mein Film. Ich bin kein Cover-Künstler, und meine Themen waren nicht ausschließlich die 70er Jahre wie bei Kuhn. Das muß dann nämlich ein zwangsläufiges Ende nehmen.
MW: Wohin geht denn jetzt die Reise des deutschen Schlagers nach seiner Renaissance? Horn: Da habe ich keine Ahnung. Ich unterscheide nicht Sparten, ich interessiere mich als Musiker zunächst für die Musik, die sich entwickelt. Und ich könnte nicht immer nur dasselbe machen. Was schließlich die deutschsprachige Musik betrifft, die einschlägt, gibt es doch supergeile Interpreten. Da wären zum Beispiel die Fantastischen Vier, die Toten Hosen oder die Ärzte, um nur einige wenige zu nennen. Natürlich gibt es in der deutschsprachigen Schlager-Musik auch eine gewisse Statik. Aber es ist hier wie überall: Wer sich nicht weiterentwickelt, bleibt auf der Strecke.
MW: Jetzt, nach längerer Pause, erscheint „Schön! Neues von Guildo Horn“, Ihre neue Produktion, wie eine Zäsur in Ihrer Karriere: Es gibt träumerische Songs, Gänsehautballaden, sanfte Töne. Die rockigen Töne dominieren nicht mehr. Warum? Horn: Ich kann mich nicht ewig in eine Richtung bewegen. Am Ende fand ich mich einfach zu rockig und punkig. Nach hart kommt härter und dann schließlich kaputt. Aber noch härter geht es dann nicht mehr. Es mußte also etwas Neues passieren. Mein aktuelles Album sollte aus diesem Grund mehr ausproduziert werden. Mehr Eigenständigkeit war mein Ziel und vor allem: mehr Horn. Und deshalb ist es auch so „schön“ geworden.
MW: Ihr erstes Konzert bei Viva fiel aber sehr rockig aus und bewegte sich optisch wieder im Stil der 70er Jahre. War das Absicht? Horn: Im Pokal gelten immer noch andere Gesetze. Und was die Klamotten betrifft: Da habe ich das angezogen, was ich gerade da hatte. War doch schön, oder? Aber keine Sorge, die Garderobe für die neue Tournee ist bereits in Arbeit.
MW: Sie ließen sich auch wieder von den Orthopädischen Strümpfen begleiten. Dabei sprach doch Ihr Produzent Michael Holm kürzlich von einer Trennung aus künstlerischen Gründen. Ziehen Sie sich diese Strümpfe noch über oder nicht? Horn: Im September des vergangenen Jahres habe ich mich von vier Leuten meiner Combo getrennt. Da fand keine Entwicklung mehr statt, es gab einfach keine Begeisterung mehr für neue Themen. So etwas liegt mir nicht, denn ich bin zu 150 Prozent begeisterungsfähig. Man kann mich sogar mitten in der Nacht anrufen und mich für eine neue Idee begeistern. Der Name der Gruppe aber bleibt, denn das ist mein Ding. Nur die Band hat sich bis auf den Gitarristen verändert. Das heißt, in der jetzigen Formation sind wir auch schon mehr als ein Jahr erfolgreich unterwegs.
MW: Und weshalb bildet das Konzert dann nicht die Stimmung des Albums ab? Aus welchen Grund haben Sie die Gänsehautmomente, die balladesken Töne, wieder witzig umgeformt? Horn: Ich kann nun mal nichts dafür, wie ich aussehe.
MW: Sie haben sich dafür aber witzig verkleidet… Horn: Meine Show wird immer spielerisch sein. Ich liebe die großen Gefühle und bin ganz der Romantiker wie man auf „Schön!“ hören kann. Doch in jeder großen Pathetik steckt auch immer etwas Komisches. Denn dann nimmt man sich so was von wichtig – und plötzlich platzt die Seifenblase und sagt: „Gedenke, du bist nur ein kleines Würmchen.“
MW: Ihre Show lebt von Provokation und kontinuierlicher Steigerung. Ist das die Show der Jahrtausendwende in einer reizüberfluteten Zeit? Horn: Auf der Bühne denke ich über so etwas nicht nach. Meine Show ist wie ein Gespräch, und jedes Gespräch ist anders. Sie ergibt sich also aus dem Dialog mit dem Publikum. Was ich damit sagen will: Ich stelle mich darauf ein, was gerade in diesem Moment passiert, was kommt. Das Durchgestylte liegt mir nicht. Das ist das Geschäft von anderen Kollegen, wie zum Beispiel Michael Jackson.
MW: Ihr Album ist optisch in den Farben der deutschen Flagge gehalten. Konzept? Horn: Nein. Aber wenn man mir das vorwerfen sollte: Ich stehe dazu; ich singe nun mal auf deutsch und lebe in Deutschland.
MW: Ferner erinnert die CD an die Schlagzeilen der „Bild“-Zeitung. Zufall? Horn: Auch das ist nicht so gemeint. Mein Gesicht kennt ja nun jeder, also muß es nicht noch aufs Cover. Das Wichtige und Schöne, die Musik, die ist ja drin.
MW: Ist Ihr Berlin-Song nicht politische Schönfärberei, denkt man nur an die großen Baustellen und das Verkehrschaos in der Hauptstadt? Horn: Der Song ist aus der Filmthematik heraus entstanden und hat überhaupt nichts mit dem Hauptstadtsyndrom zu tun. Im Film geht es einfach um zwei Menschen, die vom Kaff in die Großstadtzone aufbrechen.
MW: War Ihre lange Pause nach dem Grand Prix 1998 Kalkül oder Notwendigkeit? Horn: Pause? Es war höchstens eine Medienpause. Ich habe seit Mai letzten Jahres durchgearbeitet, das heißt getourt, eine neue CD gemacht und einen Film gedreht. Der Grand Prix war nur eine Unterbrechung meiner Tour.
MW: Warum dann die lange Medienpause? Horn: Das hat vielerlei Gründe. Zuerst hat man mich in den Medien kolossal gefeiert und einen Monat nach dem Grand Prix wieder verissen. Aber so ist es halt.
MW: War das nicht zu erwarten? Horn: Ich bin Musiker, um solche Dinge habe ich mich nie gekümmert. Aber jetzt weiß ich es.
MW: Hat Sie das verletzt? Horn: Beim ersten Mal ja, da fand ich es noch unverschämt. Da gönne ich mir einmal vier Tage Urlaub, verpasse einen Flug und damit einen Termin mit einem Journalisten, entschuldige mich bei ihm, will ihm einen anderen Termin anbieten und lese dann am nächsten Tag: „Guildo ist am Ende, ihm laufen die Fans davon.“ Und das war völliger Quatsch, denn zu dem besagten Open-Air-Konzert, das für 1000 Leute ausgerichtet war, kamen 5500, obwohl es übrigens in Strömen regnete. Auch die Behauptung, mir wären Werbeverträge geplatzt, war schlichtweg erfunden.
MW: Aber die Erwartungshaltungen vor dem Grand Prix waren sehr groß. Hatten Sie Angst, daß Sie die nicht erfüllen können? Horn: Ich habe überhaupt nichts zu erfüllen, außer vor mir selbst gerade zu stehen und meinen Fans Spaß zu bereiten. Und Spaß läßt sich nicht an Plazierungen messen.
MW: Dieses Jahr erreichte Deutschland eine gute Plazierung, aber der Song blieb ohne Wirkung. Wie erklären Sie sich das? Horn: Das war klar, bedenkt man, was im Vorfeld geschah. Das war wirklich zu unterirdisch, damit will ich nichts zu tun haben. Ich habe den Siegel-Song gehört, der mit dem Grand-Prix-Titel verglichen wurde – und der war nahezu identisch. Für mich als Boxsportfan drängt sich hier eine Parallele auf: Als Lennox Louis gegen Evander Holyfield boxte, gewann Louis, aber der Kampf wurde als unentschieden gewertet. Auf diese Weise macht man sich eben unmöglich.
MW: Sie haben einen Film gedreht. War das auch eine Reaktion auf das Medienspektakel? Horn: Nein. Die Idee zum Film hatten wir vor über drei Jahren, dann kam allerhand dazwischen. Nach dem Grand Prix hatten wir Angebote, die sogar schon zwei Monate später in die Kinos kommen sollten. Aber das ist nicht mein Stil. Ich lasse mir Zeit, damit etwas Schönes herauskommt.
MW: Verraten Sie trotzdem etwas über den Film? Horn: Erstens – er kommt noch 1999 in die Kinos. Es handelt sich um einen neoromantischen Liebesfilm. Im Film bin ich Friseur und heiße Ton. Der kommt nah an die Menschen ran, berührt sie, danach fühlt man sich schön, vor allem psychisch. Genau wie nach einem Konzert. Ansonsten ist der Film, wie auch die CD, so, wie ich bin. Es geht um große Gefühle, und es wird lustig. Zweitens bin ich glücklich, da ich mit meinem Team auch die Filmmusik geschrieben habe. Es gibt viele Parallelen zwischen der Tätigkeit des Sängers und der des Friseurs. Die Leute strömen in die Konzerte, in den Salon, du berührst sie, und sie finden sich schön.





