Interview mit Eckart Rahn, Celestial Harmonies

Seit 1992 lebt und arbeitet er in Arizona, nach München kommt er allenfalls noch ein- oder zweimal im Jahr. MUSIKWoche nahm die Gelegenheit wahr, um mit Eckart Rahn, Geschäftsführer Celestial Harmonies, zu reden, einem der Pioniere auf dem weiten Feld jener Musik, die sich in keine Schubladen pressen lässt.

MUSIKWoche: Anfang der Siebziger haben Sie deutsche Rockgruppen wie Murphy Blend auf Ihrem Kuckuck-Label veröffentlicht. Was halten Sie heutzutage von dieser Musik?

Eckart Rahn: Bei der Deutschrock-Phase von Kuckuck, die vom Sommer 1969 bis 1974 dauerte, werde ich ganz nostalgisch. Ich höre mir tatsächlich immer mal wieder Gruppen wie Ihre Kinder an. Auch die Soloplatten von Sonny Hennig, des Gründers von Ihre Kinder, sind eine ganze Generation später mindestens so aktuell wie damals. Da geht es um Ausländerhass und Obdachlosigkeit, um Drogen und Armut, um politische Strukturen. Es ist manchmal fast beängstigend, wie viele von diesen Themen die Gesellschaft immer noch genauso beschäftigen. Vielleicht waren wir damals ja zu früh dran.

MW: Der Multi-Instrumentalist Deuter brachte für Kuckuck eine neue Richtung, weg vom Deutschrock. Wie kam das??

Rahn: Seine Ermutigung und seine Musik waren damals außerordentlich entscheidend. Im November 1974 kündigte die Deutsche Grammophon Gesellschaft fristlos den Vertriebsvertrag mit Kuckuck. Man sagte mir, das alles sei kommerziell nicht verwertbar. Bis Sommer 1976 hing ich total in den Sielen und wußte manchmal nicht mehr, was morgen kommt. Ich hatte einen Katalog ohne Vertrieb. Deuter kam im Sommer 1976 mit seinem Album „Celebration“ zu mir und meinte: „Dann mach den Vertrieb doch selbst.“ Ich habe zunächst 500 LPs aufgelegt; deren Vorderseite zierte ein winzig kleines Farbfeld, damit die Lithos nicht so teuer kamen. Die damalige Frau von Eberhard Schoener machte dann im Herbst 1976 im Bayerischen Fernsehen eine Sendung mit Empfehlungen für Weihnachtsgeschenke und spielte auch Passagen aus „Celebration“. Und plötzlich riefen die Händler an und bestellten die LP gleich kartonweise. Das verkaufte sich von ganz alleine. So kam ich im Herbst 1976 zu Rolf Bähnk, zum damaligen TIS, sowie ins Merkheft von Zweitausendeins. Und bei Zweitausendeins sind wir jetzt seit 22 Jahren mit Deuter ununterbrochen drin.

MW: Waren Sie damit konsolidiert?

Rahn: Noch nicht ganz. 1981 kamen noch die Alben „Inside The Great Pyramid“ und „Inside The Taj Mahal“ vom Flötisten Paul Horn hinzu. Und im Oktober 1981 gab es den Vertrag mit dem japanischen Multi-Instrumentalisten Kitaro und die Veröffentlichung von dessen Album „Silk Road“. Damit waren die Weichen gestellt; wir wurden über Nacht von einer ambitionierten Kleinfirma, die ums Überleben kämpfte, zum Millionen-Unternehmen. Das ging innerhalb von drei Monaten. Und damit hat sich für uns auch der Weltmarkt eröffnet.

MW: Wo lassen Sie fertigen?

Rahn: Bei Sonopress in Gütersloh. Das ist die einzige Firma, die bereit ist, das zu tun, was wir brauchen. So hält sie mehrere Sorten reines Recycling-Papier nur für uns am Lager, obwohl das schon zu Exzessen geführt hat. Wir verwendeten bei unserer Serie „The Music Of Islam“ vier verschiedene Papiersorten für jedes Produkt. Und schon vor über zwölf Jahren hatten wir japanische klassische Musik auf Reispapier, was übrigens in der Fertigung zu unglaublichen Problemen führte, da die Automatik total versagte.

MW: Lief denn die Produktion von „The Music Of Islam“ reibungslos?

Rahn: Leider nein. Die ersten CDs kamen im Oktober 1997 heraus, mit einer unglaublichen Arbeitsleistung. Wenn ich gewußt hätte, auf was ich mich da einlasse, hätte ich mir das gar nicht zugetraut. Vom Personal und erst recht vom Etat her hatten wir dafür eigentlich gar nicht die Voraussetzungen. Das Projekt war geplant auf sechs CDs und sollte um die 100.000 Mark kosten. Letzten Endes hat es fünf Jahre gedauert, in denen es 17 CDs wurden mit rund 20 Stunden Musik und mit 200 Musikern aus neun Ländern von drei Kontinenten. Und die Realisierung des Ganzen hat dann etwa 800.000 Mark gekostet.

MW: Warum haben Sie nicht rechtzeitig gebremst?

Rahn: Dabei waren zwei Gesichtspunkte wesentlich. Zum einen hat jeder Verleger den Traum, ohne Rücksicht auf Verluste etwas ihm Wichtiges zu verwirklichen. Zum anderen war das Projekt von einem gewissen Zeitpunkt an sowieso nicht mehr steuerbar. Es entwickelte eine Eigendynamik. Und wir mussten nur deshalb einen Schlußstrich ziehen, weil es unwahrscheinlich schien, dass selbst sehr interessierte Käufer bereit waren, mehr als 400 Mark zu investieren für 20 Stunden mit zugegebenermaßen teilweise schwieriger Musik. Wir haben gesehen, dass man bei der Vielschichtigkeit der islamischen Musik nicht einmal die Musik Indonesiens auf 17 CDs ausreichend präsentieren kann. Also haben wir außer den 17 CDs der Islam-Serie noch fünf CDs mit nicht-moslemischer Musik aus Indonesien gemacht, als sich die Gelegenheit dazu bot. Und so kam Indonesien innerhalb der Islam-Serie allein schon auf sieben CDs.

MW: Was war bisher der Bestseller von Celestial Harmonies ?

Rahn: Schwer zu sagen. Wir hatten nie das Glück, einen George Winston, Andreas Vollenweider oder Keith Jarrett zu haben, die alle weltweit Millionen Einheiten verkauften. Das hat Vor- und Nachteile. Der Nachteil ist der geringere Umsatz, und der Vorteil ist, dass die Firma nicht so sehr von einem Künstler geprägt und damit auch nicht so abhängig von ihm ist. Wir hatten eine überdurchschnittliche Anzahl von Titeln im Mittelfeld, die über lange Zeiträume hinweg sechsstellige Ziffern verkauften – alles von Kitaro, von Deuter und Paul Horn. Viele Titel im Katalog können über die Zeit ebenfalls noch sechsstellige Ziffern erreichen.

MW: Wie kam es zu Ihrer Entscheidung, den Firmensitz nach Tucson, Arizona, zu verlegen?

Rahn: Ich war 15 Jahre in New York und in Connecticut, von 1973 bis 1987. Die Dichte, die Lautstärke und Aggressivität dort wurden mir einfach zuviel. Ich habe auch eingesehen, daß ich kein Großstadtmensch bin, zumindest keiner für Megacities mit zehn Millionen Einwohnern und mehr. Im Januar 1986 herrschte außerdem im Nordosten der USA ein grauenhafter Winter mit minus 30 Grad. Da habe ich in die Zeitung geschaut und mir die wärmste Stadt der USA gesucht. Und das war damals Tucson. Ich fuhr übers Wochenende zum Aufwärmen hin, und alles gefiel mir sehr gut – die Natur und die Luft auf 1000 Meter Höhe über dem Meer in den Bergen, die klare Sonne und die wunderbaren Farben. In vielerlei Hinsicht hat es nicht nur mich als Menschen, sondern auch das Programm der Firma beeinflusst. R. Carlos Nakai, die Musik der Native Americans, die fälschlicherweise immer Indianer genannt werden – vieles von diesen Dingen hätten wir entweder nicht gemacht oder nicht begriffen, wenn wir nicht in diesem merkwürdigen kulturellen Dreieck von eingewanderter, primär angelsächsisch-amerikanischer und original amerikanischer und spanischer Kultur drin wären.

MW: Interessieren Sie sich nach wie vor für die Instrumental-Musik, die früher New Age hieß?

Rahn: Dieses Gebiet ist im Grunde ziemlich tot. Musik zum Meditieren ist aber ohnehin ein Unding, denn in einem meditativen Stadium hört man die Musik sowieso nicht mehr. Sie ist allenfalls gut zur Einstimmung ins Meditieren. Andererseits hat es meditative Musik immer schon gegeben, und zwar spätestens seit der Gregorianik. New Age war vielleicht ein heilsamer Trend, denn dadurch gab es im Handel zumindest eine Ecke, in der man Dinge platzieren konnte, die man vorher unter Jazz oder Import einordnete, wenn sie überhaupt reinkamen. Das sind grundsätzliche Strukturprobleme des Handels, die mit der Frage zusammenhängen, ob man im Handel Musik verstehen sollte – oder nicht, da der Balkencode und der Lesestift das schon richtet. Da will ich mich aber lieber diplomatisch zurückhalten.

MW: Brauchen wir also mehr Händler, die ein besseres Gespür dafür haben, solche Musik zu verkaufen?

Rahn: Auch die großen Ketten, die das Geschäft in Deutschland in einem starken Maße kontrollieren, sollten etwas sensibler sein. Aber erstens ist der Begriff „World Music“ ein ziemlicher Blödsinn. Es gibt ja keine Musik, die nicht Weltmusik ist. Mozart wäre dann eben World Music Austria. Dieser Begriff soll halt mehr oder weniger diffus definieren, um welche Musik es sich eben nicht handelt, also nicht um westeuropäische klassische Musik oder alpenländische Blasmusik. Und geistliche Musik ist auch nicht nur der christlichen Religion verpflichtet – das ist kulturimperialistisches Denken der übelsten Sorte. Man kann nicht geistliche Musik anderer Religionen einfach unter Folklore ablegen, kein Mensch würde das mit Verdi, der „Matthäus-Passion“ oder dem „Messias“ anstellen. Das ist natürlich das Problem des Musikgeschäfts: Es läßt sich nichts verkaufen, was man nicht versteht. Und um es zu verstehen, muss man sich eben bilden.

MW: Spüren auch Sie die Rezession, über die viele klagen?

Rahn: Durchaus, gar keine Frage. Wenn wir nicht den großen Katalog hätten, von dem sich etwas immer irgendwo verkauft, dann wäre es uns in den letzten Jahren nicht besonders gut gegangen. Mir scheint die Musik gesellschaftlich nicht mehr so wichtig zu sein, wie sie es in den 60er, 70er und noch in den frühen 80er Jahren war. Heute gibt es keinen Künstler, der die optische Präsenz von Jimi Hendrix besitzt oder einen Einfluss auf die Frisuren der Menschen ausübt wie seinerzeit die Beatles. Diese an sich nicht-musikalischen Elemente haben sich durch die Musik ausgedrückt und mit ihr die gesamte Welt verändert. Die Musik war damals wichtig und hatte Funktionen, die weit über die Unterhaltung hinausgingen. Wir befinden uns, so gesehen, kulturell seitdem wieder auf dem absteigenden Ast. Der Weg von Leonard Cohen zu Garth Brooks ist doch ein weiter, ebenso der von Janis Joplin zu Madonna oder den Spice Girls. Heute geben die Menschen ihr Geld für andere Konsumgüter aus, und das schöpft Kaufkraft ab. Der Computer haut die Musik in die Pfanne, denn Internet und die diversen Programme kosten Geld und Freizeit.

MW: Dennoch heißt es, das Internet sei die Zukunft der Branche. Finden Sie das nicht?

Rahn: Ich streite das nicht ab. Die Technik wird es uns ermöglichen, demnächst mit Komprimierungsverfahren die Musik so zu speichern und herunterzuladen, dass sie in brauchbarer Qualität kommt. Und natürlich gibt es vernünftige Konzepte für Music on Demand. Aber dabei fehlt immer noch der Besitzerstolz, den man bei einem körperlichen Tonträger empfindet. Und wenn man gern im Bett ein Buch liest, ist das auf dem Bildschirm auch nicht der wahre Jakob. Ich versuche, diesen Tendenzen bis zu einem gewissen Grad entgegenzuwirken.

MW: Wie denn?

Rahn: Indem ich CDs veröffentliche, die sich auf dem Bildschirm nicht wiedergeben lassen. Wenn man 79-Minuten-CDs macht mit 60 Seiten Booklet, dann ist die Datenmenge immens, die man sich herunterladen müsste. Und wenn man sich das ausdruckt, damit man es überhaupt lesen kann, hat man damit schon derartig viel Zeit, Papier und Druckerpatrone verbraucht, dass es wirklich sinnvoller ist, sich für 30 oder 35 Mark die CD zu kaufen.

MW: Ist für Sie also die Musik allemal noch wichtiger als das Geschäft?

Rahn: Nicht nur Musik, sondern Kultur allgemein. Aber ich bin im Kulturgeschäft, da mache ich mir keine falschen Vorstellungen. Das ist Kultur und Geschäft, und man sollte von beiden etwas verstehen. Das gilt auch für jeden Betreiber einer Kunstgalerie.

MW: Haben Sie Familie?

Rahn: Ich bin mal wieder ledig.

MW: Was heißt „mal wieder“?

Rahn: Wenn man so viel arbeitet und reist wie ich, ist das mit den Beziehungen so eine Sache. Mit meiner Arbeit habe ich im großen und ganzen mehr Glück gehabt als mit meinem Privatleben, aber das kann sich noch ändern. Ich bin ja noch jung.

MW: Kompensieren Sie da einiges über die Arbeit?

Rahn: Das würde ich nicht als Kompensation bezeichnen, aber die Arbeit gibt mir in der Tat viel. Wenn ich nur mal an unseren Schuber mit klassischer chinesischer Musik denke. Oder an die Aufnahmen aus Angkor Wat in Kambodscha oder an die aus der alten Kaiserstadt Hue in Vietnam, an den Sieben-CD-Schuber mit der klassischen Musik Armeniens, an den Bali-Schuber, oder, weiter zurückliegend, an die Gesamtaufnahme der Klaviermusik von Georges I. Gurdjieff und Thomas de Hartmann, gespielt von Cecil Lytle, und nicht zuletzt an die Islam-Serie. Von diesen Erfahrungen möchte ich keine missen. Die Freude an solchen Arbeiten ist auch keine Kompensierung, sondern eine Freude an sich. Und die kann das Leben ausfüllen. Da gibt es Abenteuer, Geschichten, Reisen und Menschen, die man kennenlernt. Unser neuseeländischer Produzent David Parsons und ich haben in den letzten zehn Jahren über 40 CDs zusammen produziert, und so eine Partnerschaft läßt sich durch einen schriftlichen Vertrag gar nicht mehr definieren.

MW: Nach der Islam-Edition haben Sie einen 4-CD-Schuber mit jüdischer Musik veröffentlicht. Auch aus der christlichen Vergangenheit findet sich manche Produktion bei Celestial Harmonies, von der Gregorianik bis Carl Orff. Und Sie haben buddhistische Musik tibetanischer Mönche im Katalog. Sind Sie ein religiöser Mensch?

Rahn: Eine schwierige Frage. Anton Bruckner hat einmal gesagt, dass jede große Musik zwangsläufig sakrale Musik sei. Damit hat er wohl gemeint, dass sie in irgendeiner Form aus dem Kontakt mit höheren Sphären kommt. Und zwar sowohl bei denen, die die Musik machen, als auch bei denen, die sie hören. So gesehen wird man natürlich durch die Begegnung mit all den Religionen und Kulturen beeinflusst. Ich gehöre aber keiner bestimmten Glaubensrichtung an. Wenn man sich die Ideale anschaut von Konfuzius bis zu Mohammed, dann sind die eigentlich immer dieselben, nämlich ein friedliches harmonisches Leben zwischen den Menschen und ewiges Glück. Und danach strebt doch jeder, ungeachtet seiner Religionszugehörigkeit. Insofern wird man sicher ein religiöser Mensch – ich selbst allerdings ohne bestimmte Richtung. Dass ich überhaupt die Freiheit habe, solche komplizierten langfristigen Projekte zu realisieren, das empfinde ich als großes Glück. Der Firma geht es so gut, dass ich mir das leisten kann – darin würde ich den Erfolg sehen und definieren. Erfolg ist das Schaffen der Freiheit, so zu leben, wie man leben möchte.