MUSIKWoche: Für Mute Records war es ein mutiger Schritt, nach so vielen Jahren, in denen das Repertoire in Deutschland von Intercord betreut wurde, den Schritt in die Unabhängigkeit zu wagen. Was hat sie zu diesem Schritt veranlaßt?
Daniel Miller: Wir hatten eine großartige Zeit bei der Intercord in Stuttgart. Wir haben sehr lange zusammengearbeitet und dabei eine Menge erreicht. Sie haben unsere Veröffentlichungen immer mit dem größtmöglichen Einsatz unterstützt. Es wäre eigentlich schon lange an der Zeit gewesen in Deutschland eine eigene Firma aufzubauen, aber irgendwie war ich dazu in den letzten Jahren noch nicht bereit. Anfang des Jahres, als die Auflösung von Intercord beschlossen wurde, war dann der Zeitpunkt gekommen, eigene Wege zu gehen. Das ist mir umso leichter gefallen, als ich mit Tina Funk und Anne Berning zwei äußerst fähige Mitarbeiterinnen gewinnen konnte. Beide arbeiten mit Unterbrechungen schon lange Jahre für Mute. Ich hatte einfach das Gefühl, das ich jetzt handeln mußte.
MW: Warum haben sie Berlin als Standort für die Firma gewählt?
Miller: Da gibt es einige Gründe. In erster Linie war es wohl meine Liebe zur Stadt. Mute Records und ich pflegen seit den frühen 80er Jahren eine besondere Beziehung zu Berlin. Die Birthday Party mit Nick Cave hat hier einige Aufnahmen gemacht und Depeche Mode haben in den Hansa Studios drei Alben eingespielt. Wir haben lange Zeit mit Tresor Records zusammengearbeitet und betreuen seit Jahren den Katalog von City Slang und Kitty-Yo in den USA. Es gibt eine lange Verbindungslinie zwischen Mute und Berlin. Die Entwicklung der Stadt ist sehr dynamisch. Es war eine logische Entscheidung hierher zu gehen.
MW: Wird Mute in Zukunft auch deutsche Bands oder Artists unter Vertrag nehmen?
Miller: Wir haben in der Vergangenheit ja bereits Platten von D.A.F. und den Einstürzenden Neubauten veröffentlicht. Wir sind für alles offen. Mute hat in den letzten 20 Jahren immer nur mit sehr wenigen Künstlern oder Bands zusammengearbeitet. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Wir sind nun mal nur eine sehr kleine Firma und wenn man sich plötzlich auf zu viele Dinge gleichzeitig stürzt, verliert man schnell den Überblick.
MW: Mute Records hat in seiner über 20-jährigen Geschichte immer Wert auf Unabhängigkeit gelegt. Wenn sie jetzt die Situation Anfang der 80er Jahre mit den heutigen Strukturen vergleichen, ist es dann schwieriger geworden sich als unabhängiges Label in einem ständig in Bewegung befindlichen Markt zu behaupten?
Miller: Das ist schwer zu sagen. Es war damals und ist auch heute nicht leicht, als Independent-Company zu überleben. Wir sind inzwischen längst weltweit etabliert. Dass ist auch eine unserer entscheidenden Stärken gegenüber anderen Firmen. So einen Status muß man sich aber erst einmal erarbeiten. Unser Erfolg in den letzten zwei Jahrzehnten hat sicherlich auch mit der Auswahl der richtigen Partnerfirmen, wie die Intercord eine war, zu tun. Mute hatte immer das Glück, dank Bands wie Depeche Mode, sich auch weniger erfolgreiche Acts leisten zu können. Gerade in England hat sich in den letzten zwei bis drei Jahren sehr deutlich gezeigt, dass es für viele unabhängige Labels sehr schwierig sein kann, sich an eine Major-Company zu binden. Viele sind daran gescheitert.
MW: Welche Pläne hat Mute in Bezug auf die digitale Distribution von Musik über das Internet?
Miller: Diesen Weg werden wir in Zukunft mit Sicherheit beschreiten. Auf unserer Homepage bieten wir bereits kostenlose Downloads an. Außerdem haben wir bereits einige Gespräche mit Firmen geführt, die sich auf den Vertrieb von Musik durch das Internet spezialisiert haben.
MW: Wird es in den nächsten fünf bzw. zehn Jahren weiterhin physische Tonträger von Mute zu kaufen geben?
Miller: Das kommt auf den Zeitrahmen an, in dem die Veränderungen ablaufen. In naher Zukunft wird sich an den bestehende Vertriebsformen mit Sicherheit noch wenig ändern. Viele Musikhörer sind noch nicht bereit, auch wegen der zum Teil schlechten Qualität, sich ganze Alben als Download zu besorgen. Da gibt es noch viele Hemmschwellen abzubauen. Im Moment hat aber noch niemand den richtigen Durchblick wohin der Zug fahren wird. Man sollte über der ganzen Euphorie nicht vergessen, das es in erster Linie immer noch auf die Musik selbst ankommt, und nicht auf den dafür gewählten Vertriebsweg. Ich habe in den letzten Monaten so viele Gespräche mit Online-Anbietern geführt, die mir immer erzählt haben, wie schnell die Musik durch das Internet an den Endkonsumenten gelangt. Das mag schon richtig sein, aber ob ich jetzt ein Album ein paar Stunden eher zu hören bekomme, wird mein Leben nicht entscheidend verändern. Was mich allerdings richtig begeistert, sind die vielfältigen Möglichkeiten mit dem Internet neue Hörer zu erreichen, die man bisher nur sehr schwer ansprechen konnte. Darin liegt für mich das größte Potenzial. Die Prioritäten bleiben für Mute aber unverändert. Wir müssen unser Augenmerk nach wie vor darauf Ausrichten, gute Platten herauszubringen. Das hat auch in Zukunft größte Priorität. Die Qualität ist weiterhin entscheidend.
MW: Haben sie in den letzten 20 Jahren jemals darüber nachgedacht ihre Firma zu verkaufen oder sich beruflich mit anderen Dingen als Musik zu beschäftigen?
Miller: Es gab vor fünf Jahren eine Phase, als Britpop in aller Munde war, in der mich Popmusik richtig gelangweilt hat. Aber danach hat sich die Situation für mich wieder entscheidend verbessert. Im Moment gibt es so viele aufregende Musik, das ich daran keinen Gedanken verschwende.








