Interview mit Boris Löhe und Sina Farschid

Mercury Records ist wieder auf Kurs. Managing Director Boris Löhe und A&R-Chef Sina Farschid planen nach dem Umbau des Universal-Konzerns den verstärkten Aufbau von nationalen Künstler und den intensiven Umgang mit Neuen Medien.

MUSIKWoche: Der Umbau des Universal-Konzerns ist weitgehend abgeschlossen. Auch für Mercury?

Boris Löhe: Es bewegt sich alles wieder in ruhigem Fahrwasser.

MW: Gab es gravierende Änderungen?

Löhe: Nein. Natürlich herrschte eine Zeitlang Unruhe. Es war allerdings recht schnell klar, daß sich bei Mercury nicht allzu viel ändert – zumindest was die Produktstruktur angeht. Auf internationaler Ebene gab es zwischenzeitlich Diskussionen, ob Def Jam noch bei Universal bleibt.

MW: Das ist inzwischen geklärt…

Löhe: Def Jam hat sich entschieden, zu Island/Mercury zu gehen. Die Firma nennt sich sogar mittlerweile Island/Def Jam Music Group. Aus England werden wir weiter Produkte von Mercury à la Texas und Elton John sowie die Pulps, Trickys und U2s dieser Welt von Island erhalten. Nur bei deren neuen Signings wird jeweils entschieden, wo sie am besten hin passen. Beim nationalen Produkt haben wir uns neu aufgestellt – deshalb ist Sina Farschid zu uns gestoßen.

MW: Wann?

Sina Farschid: Am 1. April.

Löhe: Wir haben die A&R-Abteilung auch personell aufgestockt; jetzt haben wir einen A&R-Chef, zwei A&R-Manager und eine Assistenz. Und Sina konnte schon ein paar vielversprechende Bands unter Vertrag nehmen – zum Beispiel In Extremo oder die Spezializtz.

MW: Wollen Sie die nationale Schiene ausbauen?

Farschid: Wir haben das Ziel und den Ehrgeiz, eine der ersten Adressen in Deutschland zu sein, wenn Musiker, Produzenten und Kreative einen Deal suchen. Das kann man nur realisieren, wenn man eine nachvollziehbare Vision und Strategie sowie erfolgreiche Acts in den Charts hat.

MW: War Mercury bisher stark abhängig vom Repertoire, das von Island, Mercury oder Def Jam aus den USA oder Großbritannien kam?

Löhe: Klar. International waren wir bisher sehr gut, nicht nur bei den Superstars, sondern auch beim Breaken neuer Acts. Da liegen wir weit vorn, sind dadurch aber ein großes Stück abhängig vom internationalen Productflow. Die große Herausforderung ist unser Wachstumspotential.

MW: Welches?

Löhe: Wenn wir uns steigern und größer werden wollen, können wir das nur mit nationalem Repertoire erreichen. Uns geht es nicht darum, schnelle nationale Erfolge zu haben, sondern zunächst Künstlerkarrieren zu entwickeln. Unsere ersten Signings sind eindeutig Development-Aufgaben, und zwar keine leichten. Doch die ersten Schritte haben wir erfolgreich gemeistert.

MW: In welchen Bereichen?

Löhe: In den Segmenten, die wir für ausbaufähig halten. Das ist im weitesten Sinne Rock/Alternative mit Ecken und Kanten und klar ersichtlichen deutschen Einflüssen. Aber auch Pop und der HipHop-Markt.

MW: Ist HipHop nicht eine Domäne Ihrer Schwester Universal Records?

Löhe: Das Repertoire läßt sich nicht streng nach Genres aufteilen. Wenn sich ein Act bei uns wohl fühlt, wäre es fatal, ihn aufgrund seines Repertoires zu einer anderen Firma zu schicken. Bei HipHop ist es zudem fast zwingend, daß wir uns im nationalen Bereich etablieren, weil wir international mit Def Jam eine hohe Kompetenz mitbringen und ein gutes Image besitzen. Wenn wir das für den lokalen Markt nicht nutzen würden, wären wir dumm.

MW: Und wo schauen Sie sich nach neuen HipHop-Talenten um? In Stuttgart?

Löhe: Nicht ausschließlich, es gibt ja auch in Berlin vielversprechende Talente.

MW: Da müssen Sie sich aber beeilen, bevor alle Labels an die Spree ziehen.

Löhe: Dank der Kooperation mit Vielklang und dem neuen Label Megalux und mit Bands wie Knorkator oder In Extremo sind wir schon längst da. Aber jahrzehntelang war in Berlin kein Major, von der Hitfabrik Hansa mal abgesehen, so daß sich dort eine extrem kompetente und autarke Struktur von Kleinunternehmen entwickelt hat.

MW: Der langfristige Aufbau von Repertoire ist also eine der vordringlichsten Aufgaben. Aber wo finden Sie die Superstars von morgen? Wie baut man sie auf?

Löhe: Es gibt drei Hauptaufgaben. Zum einen muß man sich als Plattenfirma seine Daseinsberechtigung erhalten. Ein Video zu machen und es Viva anzubieten, die Clubs zu bemustern oder irgendwelche Clubtouren zu machen – dafür braucht man nicht unbedingt eine Plattenfirma. Das gilt auch in Bezug auf neue Vertriebswege wie das Internet. Also muß man sich überlegen, warum man für die Künstler noch die attraktive Anlaufstelle der Zukunft sein soll. Das geht nur durch die Entwicklung von Kompetenz in Sachen A&R und Marketing sowie durch Offenheit den Neuen Medien gegenüber.

MW: Das wäre dann die zweite Aufgabe?

Löhe: Wir müssen aus dem Dornröschenschlaf aufwachen und an dem teilnehmen, was im Internet und bei den Neuen Medien passiert. Die dritte Aufgabe ist, in einem härter werdenden Markt, mit geringeren Margen und einem veränderten Konsumverhalten ein Team aufzustellen, das bei einer schlanken Struktur motiviert ist, Hand in Hand arbeitet und sich dem Markt stellen kann.

MW: Wozu aber braucht man als Musiker noch eine Plattenfirma?

Löhe: Labels wie 3p, Four Music oder Die Ärzte und die Toten Hosen stellen mittlerweile eine vergleichbare Kompetenz im A&R und Marketing dar und haben sogar den Vorteil, sich in ihrer Szene besser auszukennen. Sie können sich diese Unabhängigkeit aber nur leisten, wenn sie anfangs vom Major finanziert worden sind, oder wenn sich ein Act mit Major-Hilfe finanziell freigestrampelt hat. Wir müssen gleichzeitig dafür sorgen, daß sich der Künstler bei uns wohl fühlt und entsprechende Kompetenz vorfindet. Das beginnt bei A&R und endet bei Neuen Medien.

MW: Herr Farschid, was hat Sie gereizt, von Frankfurt nach Hamburg zu wechseln?

Farschid: Die Stadt. Ich habe sechseinhalb Jahre bei Sony Music am Main A&R gemacht, und deshalb ist Hamburg jetzt reizvoll. Denn da fängt man wieder ein bißchen bei Null an. Hier bei Mercury ist alles transparent und übersichtlich; zudem funktioniert es zwischen uns beiden sehr gut. Es ist für einen A&R-Mann angenehm, sagen zu können: „Wer zu uns kommt, kann ein Künst-lerparadies vorfinden.“ Hier sind die Kapazitäten vorhanden, und es gibt ein gut motiviertes Promotion- und Marketing-Team, das heiß auf nationales Produkt ist. Hier gibt es jedenfalls keine Thrombosengefahr.

MW: Wie wollen Sie Künstler in fünf Jahren verkaufen? Auf CD?

Löhe: Was auch immer kommt – wir müssen uns darauf einstellen. Gerade das Internet finde ich sehr spannend. Mir macht es Spaß, da einzusteigen und das Team dafür zu begeistern. Genauso bewußt muß man sich der Herausforderung stellen, daß die herkömmliche CD ein wenig ins Wanken gerät. Damit muß man sich beschäftigen, denn wenn es passiert, muß man Alternativen parat haben. Und man muß Mut zum Risiko haben und sich bewußt sein, daß alles, was man tut, einen Standard setzt.

MW: Inwiefern?

Löhe: Wenn du einmal ja zu MP3 gesagt hast, kannst du nicht mehr zurück. Entweder man sitzt von Anfang an mit im Boot und lenkt – oder man zahlt später sehr viel Geld um mitzufahren.

Farschid: Ansonsten ist das, was da aus A&R- und auch aus Marketing-Sicht auf uns zukommt, eher ein Traum. Viele Künstler scheitern daran, daß man ihre Platte nicht kaufen kann, weil im Handel dafür kein Bewußt-sein existiert. Trotzdem gibt es dafür eine Nachfrage. Es ist für jeden A&R großartig, per Inter-net zu gewährleisten, daß niemand ein Problem hat, an die gewünschte Musik heranzukommen. Das wird auch Einfluß auf die A&R-Politik haben.

MW: Einfluß auch auf den Mut zum Risiko?

Farschid: Vielleicht hat man dann nicht mehr so große Vorbehalte gegen Exoten. Das Internet kann die auch promoten. Und das Internet-Radio wird vielleicht bald das dominierende Medium sein. Boris sagte schon, daß man sich als Label eher auf seine A&R-Kompetenz konzentrieren sollte. Wie wir die Musik verkaufen, ist egal – wir werden es irgendwie tun. Ich vermisse oft, daß auch die positiven Aspekte genannt werden. Es gibt etwa im Netz keine Retouren, die viel Geld verschlingen – über dieses Potential redet niemand. Der traditionelle Handel entwickelt sich dann eben in Richtung Internet-Café. Ich sehe dabei kein Problem.

Löhe: Warum sollte es Internet-Cafés nicht auch im Plattenladen geben? Das hätte Vorteile für neue Künstler, aber auch für den brachliegenden Katalog. Und ebenso für Kunden: Das mit dem Internet verbundene One-to-One-Marketing ist positiv, weil der Kunde nicht mit Wurfpost zugeballert wird wie bisher. Er kann sich verweigern, aber auch seine Interessen preisgeben und so eine Aufwertung seiner Freizeit erfahren.

MW: Wie stellt sich Universal auf die digitale Verbreitung ein?

Löhe: Es gibt viele strate-gische und intelligente Ansätze, internationale Allianzen werden geknüpft. Probleme und Chancen sind erkannt.

MW: Ist Mercury jetzt also wieder auf der richtigen Bahn?

Löhe: Auf jeden Fall. Wir haben ein extrem junges und motiviertes Team. Und wenn wir nicht allzu viel falsch machen, sind wir kaum zu stoppen.