Im Porträt: der Hörverlag

Ob Hörspiele, Literaturlesungen oder Krimis – der Münchner Hörverlag, Marktführer in der Hörbuchszene, hat in seinem Gesamtverzeichnis mehr als 400 Einzeltitel. Sieben Verlage stärken ihm den Rücken.

Es gab keine Firma, es gab keine Strukturen, aber die Idee: Audiobooks auf Kassetten und CDs erfolgreich auf den Markt zu bringen und Lizenzen in der Zweitverwertung zu nutzen. 1993 nahm Claudia Baumhöver als Geschäftsführerin diese Herausforderung an. Und ist heute, gemessen an den Zuwachsraten beim Umsatz, die erfolgreichste Verlegerin Deutschlands. Dahinter stehen sieben Verlage: Carl Hanser Verlag, Kiepenheuer & Witsch, Klett Cotta, Österreichischer Bundesverlag, Schott Musik International, Suhrkamp Verlag und der Verlag der Autoren.

Im Mai 1995 geht der Hörverlag mit 40 Titeln auf den Markt, zum Jahresende steht fest: 25.000-Mal wurde das Audiobook „Sofies Welt“ nach Jostein Gaarder verkauft. Der Verlag schreibt bereits schwarze Zahlen. Im Jahr 2001 sind rund 400 Titel erhältlich. Der Marktführer im Bereich Audiobooks erwirtschaftet 40 bis 50 Prozent des gesamten Branchenumsatzes.

Ohne den Harry-Potter-Effekt liegt die Steigerung jährlich bei rund 40 Prozent. Für 2003 rechnet Claudia Baumhöver mit einem Umsatz von mindestens 50 Millionen Mark. Fast die Hälfte die Programms sind mittlerweile Eigenproduktionen, die andere Hälfte Programme der öffentlich-rechtlichen Runkfunksender, die in Lizenz im eigenen Design verlegt werden. „Es ist uns gelungen, ein attraktives Programm zu etablieren und es vom Makel der schnöden Zweitverwertung zu befreien“, erklärt Claudia Baumhöver.

Die Inhalte, die der Hörverlag auf den Markt bringt, werden intern festgelegt. Zusammen mit den Gesellschafterverlagen gibt es zweimal im Jahr eine Programmkonferenz. Siebzig Titel kommen etwa jährlich auf den Markt. Von 15,90 Mark (Kinder) bis 320 Mark für die 14 CDs von „The Spoken Arts Treasury“: 100 große amerikanische Dichter wie Sylvia Plath und Gertrude Stein tragen ihre Gedichte vor. Die kürzlich erschienene Lyriksammlung in limitierter Auflage ist bereits zur Hälfte verkauft. Ein Projekt, das auch für deutschsprachige Lyrik in Vorbereitung ist.

Die Preise sind Empfehlungen. „Aber die meisten unserer Kunden halten sich auch daran“, so die Erfahrung von Johannes Stricker, Assistent der Geschäftsleitung. Die Preisempfehlungen basieren auf einer Mischkalkulation, kleine, feine Titel stärken das Medium, Renner wie Harry Potter lassen die Kasse klingeln.

Lager, Fakturierung und Auslieferung der Audiobooks erledigt für Deutschland der Verlegerdienst München, Gilching. Partner Nummer eins ist für den Hörverlag der Buchhandel. Er ist zu 80 Prozent am Verkauf von Hörbüchern beteiligt. In Zukunft sollten aber auch weitere Märkte geöffnet, das Medium breiteren Käuferschichten zugänglich gemacht werden. Warum nicht eine kleine Auswahl von Titeln an Tankstellen, sozusagen als Appetizer fürs Fachgeschäft? „Wir sind dabei. Aber ein Engagement in Non-Traditionell-Outlets muss gründlich vorbereitet sein. Das ist ein komplett neuer Markt, eine andere Zielgruppe“, erläutert Johannes Stricker. Auch im Mail-Order-Bereich (zehn Prozent) und in Musikgeschäften (zehn Prozent) steigt die Nachfrage. Der Hörverlag prognostiziert für 2005 sogar zehn neue reine Audio-Book-Läden. „In München gibt es bereits ‚Parzival“, in Hamburg ‚Litraton“ – und es wird weitergehen“, so Johannes Stricker.

Der Hörverlag investiert aber nicht nur ins Programm, auch in Sachen Marketing geht der Verlag andere Wege. Endkundenwerbung wie Kinospots, Plakate und Gratispostkarten sollen dazu beitragen, neue Hörbuchkunden zu gewinnen. Das „Hörspielkino unterm Sternenhimmel“ beispielsweise wird im Frühjahr und Herbst für je zwölf Wochen gemeinsam mit dem Ostdeutschen Rundfunk in Berlin veranstaltet. Im Planetarium lässt sich das Publikum, in der Regel zwischen 16 und 30 Jahren, halb liegend unter dem Sternenhimmel von den Stimmen verwöhnen. Das Projekt läuft seit 1995, in diesem Jahr wird der 60.000ste Besucher erwartet.

Und wie steht“s um die Präsenz im Internet? Daran wird ebenfalls gearbeitet. „Wir lassen uns lieber Zeit, machen einen guten Auftritt, mit vielen interaktiven Elementen. Die Surfer sollen Spaß haben und jede Menge Zusatznutzen“, erklärt Johannes Stricker. Der Startschuss soll im September fallen. Und weitere Pläne für die Zukunft? „Unser Ziel ist es, dass die Menschen sofort an den Hörverlag denken, wenn sie Audiobook hören“, sagt Claudia Baumhöver. Da sind die Münchner auf dem besten Weg. Und so verwundert es kaum, dass es im Hörverlag heißt: Börsengang nicht ausgeschlossen.