MUSIKWoche: Was hat Sie dazu bewogen, den Online-Vertrieb „On Demand Distribution“(OD2) ins Leben zu rufen?
Peter Gabriel: Der Gedanke dahinter ist, dass Musiker für das Downloaden ihrer Musik bezahlt werden sollten. Wenn Napster nicht zu schlagen ist, sollte man Alternativen anbieten. Der IT-Spezialist Charles Grimsdale und ich hatten die Idee, einen unabhängigen Musik-Vertrieb zu gründen, nachdem wir immer öfter mit den Problemen konfrontiert wurden, die sowohl Künstler als auch Labels mit dem oft illegalen Download der Musik hatten, an denen sie Rechte hielten.
MW: Um eine attraktive Alternative zu den Piraten-Sites darzustellen, muss man dem Konsumenten etwas Besonderes anbieten. Welche Ideen haben Sie dahingehend für OD2?
Gabriel: Zum einen richten wir uns nicht direkt an den Konsumenten, sondern arbeiten wie der klassische Vertrieb, in dem wir mit unserem Service die Verbindung zwischen Künstler oder Label zum Retailer sind. Zum anderen wollen wir die Idee etablieren, dass es Künstler-freundliche Möglichkeiten des sicheren Downloads gibt. Im Gegenzug bekommen wir exklusives Material, das unseren Vertrieb attraktiv macht. Unveröffentlichte Songs und Alternativ-Versionen, die exklusiv von uns vertrieben werden. Momentan bieten wir unseren Service in erster Linie sowohl den etablierten, wie auch den Indie-Labels an. Langfristig möchte ich OD2 aber unbedingt auch als Präsentations-Bühne sehen. Für unbekannte Künstler, oder solche, die mit ihrer Musik nur Minoritäten ansprechen, und deshalb kein dickes Promo-Budget bekommen können.
MW: Wer wird denn für“OD2 neue Talente entdecken?
Gabriel: Wir werden das System von Francis Ford-Coppolas Website als Modell für OD2 übernehmen. Jeder noch nicht etablierte Musiker kann demnach seine Musik von OD2 vertreiben lassen. Und das, ohne für unseren Service bezahlen zu müssen. Das einzige, was er dafür tun muss, ist, die Songs anderer Musiker zu bewerten. Man stellt schnell fest, dass nur das wirklich Beste bestehen wird. Somit hat man ein völlig demokratisches A&R-Department. Jeder kann seine Musik einschicken, aber sie wird beurteilt. Nicht von Profis aus der Industrie, sondern von Leuten, die selber Musik machen und die das größte Interesse an Musik haben. Dieses System ist einfach und brilliant.
MW: Inwiefern wird das Internet Ihre Arbeitsweise als Musiker verändern?
Gabriel: Bisher musste ein Song zu einem bestimmten Zeitpunkt fertig sein, um ihn auf Tonträgern veröffentlichen zu können. Das Internet wird diesen Punkt revolutionieren, indem man ein interessiertes Publikum via Internet bestimmte Songs abonnieren lässt, die man ständig weiterentwickeln kann. Mich reizt die Idee, dass Songs nicht mehr zwangsläufig „fertig“ sein müssen, sondern dass man sie permanent neu arrangieren kann. Auch für mich als Fan ist es reizvoll, bestimmte Songs, die ich mag, als Demo-, halbfertige-, fertige- und Live-Version zu bekommen. Das wäre als herkömmliche Veröffentlichung undenkbar. Das Internet bietet da völlig neue Möglichkeiten. Ich wünschte nur, es hätte diese Möglichkeiten schon zu John Lennons Lebzeiten gegeben. Ich als Fan hätte viel mehr an seinen Ideen teilhaben können, denn oft werden beim Mixing wichtige Teile aus den Songs genommen.
MW: Haben Sie OD2 auch deshalb gegründet, um ihre eigenen musikalischen Visionen im Internet zu realisieren?
Gabriel: Natürlich ist OD2 hilfreich, weil wir für jede Idee eine sichere Vertriebsmöglichkeit bieten. Ich würde OD2 auch gerne als eine Art Sound-Tauschbörse sehen. Ich bin oft gefragt worden, ob ich meine inzwischen riesige Sound-Library zum Download ins Internet bringen wollte. Mit OD2 ist das durchaus denkbar, wenn auch sehr zeitaufwendig. Aber die Möglichkeit, ein breites Publikum am kreativen Prozess via Internet teilhaben zu lassen, ist sehr reizvoll. Ich denke schon lange darüber nach, den Hörer aus seiner passiven Rolle herauszuholen. Das Internet bietet die Möglichkeit. Und die sollte genutzt werden. Letztlich wird es dazu beitragen, Musik generell lebendig zu halten. Je mehr man ein Publikum teilhaben lässt, desto interessanter wird Musik. Insofern bin ich stolz, an der Entwicklung des Verkaufs der Musik über das relativ neue Medium Internet aktiv teilhaben zu können.




