Im Gespräch: Heinz Canibol, President EMI Music GSA

Immitten der langwierigen Fusionsgespräche von AOL/Time Warner und EMI hat sich die deutsche Tochter des EMI-Konzerns intern umstrukturiert. MUSIKWoche sprach mit President Heinz Canibol über die Veränderungen in seiner Firma, über den Musikmarkt der Zukunft und die Perspektiven des Internets für sein Unternehmen.

MUSIKWoche: In der vergangenen Woche lief die Kampagne für das Best-Of-Album der Beatles an. Ist das ein guter Zeitpunkt für Ihr Team, sich auf das wesentliche, das Produkt, zu konzentrieren und nicht auf die Spekulationen über mögliche Fusionen?

Heinz Canibol: Ein Schwebezustand ist bei uns nicht zum Tragen gekommen. Seitdem ich an Bord bin, also seit Januar 1999, haben wir eine Phase der Umstrukturierung, Personalabbau, Schließung der Intercord, Ausgliederung des Distributionszentrums Butzweiler Hof und den Umzug und Eingewöhnung in die neuen Räume bewaeltigt. Bei den Mitarbeitern stand die Fusion nicht im Mittelpunkt, da wir uns erfolgreich auf unser eigentliches Business konzentrieren konnten – die Musik.

MW: Ist der Time Warner-Deal gescheitert nach der Ablehnung durch die Kartellbehörden?

Canibol: Ich kann verstehen, dass man nach den grossen Anstrengungen nicht so schnell aufgibt. Wie realistisch ein zweiter Versuch ist, wird derzeit geprüft. Parallel dazu werden andere Firmen Strategien entwickeln, die EMI zu kriegen. Das bleibt abzuwarten. Wir verwenden keine Zeit auf solche Spekulationen. Unsere Spekulationen zur Zeit heißen Chima, Samir und Vanessa Mason.

MW: Welche Art von Musik machen diese neuen Künstler?

Canibol: Ausgehend von einer HipHop-Basis ist das eine Weiterentwicklung in Richtung deutschsprachiger Soul. Ein Thema, das im nächsten Jahr groß wird und bei dem die EMI führend sein will. Auch HipHop ist für die EMI kein Fremdwort mehr nach den Erfolgen mit Dynamite Deluxe, Jan Delay und Fettes Brot.

MW: Wenn wir uns die Namen dieser Künstler einmal anschauen – stünde es der Musikindustrie nicht gut, mit einer Kampagne zu zeigen, um wieviel dieses Land ärmer wäre ohne die Ausländer der zweiten und dritten Generation?

Canibol: Durchaus. Die Zukunft deutschsprachiger Musik wird eindeutig multi-kulturelle Ausprägungen haben.

MW: Kann es sein, daß durch Diskussionen über Firmenstrategien allgemein die A&R – Problematik verdrängt wurde? Sehen Sie da ein Defizit?

Canibol: Tatsächlich besteht überall die Gefahr, daß der A&R Bereich nicht mit der richtigen Focussierung und Gewichtung behandelt wird. Da müßten dann eigentlich allgemein die Alarmglocken läuten. Umgekehrt wird es aber auch immer schwieriger gute, talentierte A&R – Leute zu finden. Gottseidank ist die EMI derzeit gut mit A&R – Experten gerüstet.

MW: Steigen die Verkäufe der EMI im Bereich Backkatalog durch das große Sortiment der Online-Musikshops?

Canibol: Es gilt die Balance zwischen Fachhandel und e-commerce zu halten. Die Anzahl von Kunden beispielsweise von amazon.de ist noch zu gering, als daß sich das auswirken könnte. Bei allem Interesse der Plattenfirmen an neuen Technologien – man muss aufpassen, das der traditionelle Handel nicht unter die Räder kommt. Er ist und bleibt sehr wichtig.

MW: Wie kann man dem traditionellen Handel helfen?

Canibol: In erster Linie muss er sich selber helfen. Und beispielsweise den Vorteil des Regionalen ausspielen und sich spezialisieren. Und er sollte qualifizierteres Personal suchen. Manches Fachpersonal wirkt auf den Kunden abschreckend. Klar ist die Konkurrenz durch die Media- und Saturn Märkte sehr groß, ich weiß aber nicht, ob sich die kleinen Läden auch so sehr auf Produktnischen einstellen, wie wir dies mittlerweile tun.

MW: Die Sleeper-Studie ist mittlerweile drei Jahre alt. Wie kann man diese möglichen Käufer zurückgewinnen? Durch neue Vertriebswege im stationären Handel?

Canibol: Beispielsweise. Von Themen, die Sleeper interessieren, lassen sich auch mal 400.000 oder 500.000 Exemplare absetzen, während im Pop-Tagesgeschäft 150.000 schon eine ordentliche Marke ist. Wenn auch der Handel seine Verkäufer entsprechend schult, kann das klappen.

MW: Reicht die bestehende Handelslandschaft aus? Ihre Kollegen denken zur Zeit darüber nach, auch in andere Outlets zu gehen. Wie sieht diesbezüglich die Politik der EMI aus?

Canibol: Auch wir machen ab und zu Versuche, beispielsweise mit Rewe. Das Problem dabei ist, dass, um diese Flächen vollzumachen, wir zwischen 80.000 und 100.000 Einheiten ausliefern müssen. Bei einer Retourenquote von 40 Prozent und mehr muss man es sich zweimal überlegen, ob sich das lohnt. Deswegen geht die EMI zur Zeit dieses Thema nicht mit Volldampf an, sondern nutzen den traditionellen Handel und schließen Kooperationen mit Online-Plattformen.

MW: Wie zu erfahren ist, eignet sich das Radio nicht mehr in vollem Umfang als Promotioninstrument. Wodurch kann es ersetzt werden?

Canibol: Radio bleibt unabhängig von der Gewichtung der Charts wichtig. Wie sollen die Leute sonst von einem neuen Titel erfahren? Ärgerlich ist, dass viele neue Titel gar nicht gespielt werden. Alternativen sind aktive Hörproben im Fachhandel, Online Promotions und die Videokanaele wie Viva und MTV.

MW: Welche Erfahrungen haben Sie mit Internetpromotion?

Canibol: Den größten Erfolg hatten wir mit dem Live-Stream des Konzerts von Robbie Williams vor der Popkomm. 70.000 Besucher waren per Internet mit dabei und wir wurden Nummer Eins in den Albumcharts. Wunderbar. Ich sage nicht, daß es nur am Internet liegt, aber die Zahlen haben unseren Partner, RTL, begeistert.

MW: Ein Kommentar zum Deal Napster-Bertelsmann E-Commerce Group?

Canibol: Den finde ich sehr mutig und sehr überraschend. Damit konnte keiner rechnen. Er entspringt meiner Meinung nach einer Bertelsmann vorbehaltenen Denkweise: Aus deren Sicht ist Napster vermutlich der größte Internetclub der Welt, in den man einsteigen mußte. Ob sich die Nutzer überzeugen lassen, für den File-Tausch Geld zu zahlen, oder ob die Surfer zu anderen Plattformen abwandern, werden wir in einem halben Jahr wissen. Ich drücke die Daumen, wenn es klappt, ist es eine gute Sache für die ganze Industrie. Das Bewußtsein beim Endverbraucher muss sich ändern, er muss verstehen, dass nichts umsonst ist – auch Musik nicht.

MW: Wie groß ist der Schaden, den die Backprogramm-Schätze der EMI durch Tauschbörsen wie Napster erleiden?

Canibol: Schwer zu sagen. Wir kennen die aktive Nutzung im Netz nicht. Ich habe Rückgänge im Backkatalog-Bereich, aber ich weiss nicht wieviel vom Mißbrauch im Internet und wieviel aus einer Sättigung des Marktes resultieren.

MW: Material aus dem Backkatalog in remasterter Version zu veröffentlichen, bedeutet einen erheblichen Aufwand. Spürt man bei einer solchen Veröffentlichung sofort positive Response oder lohnen sich Wiederveröffentlichungen erst nach zwei Jahren?

Canibol: Ich denke, daß die Industrie in diesem Bereich enorme Anstrengungen unternimmt. Wenn wir es nicht machen, verkaufen wir bald im Katalog gar nichts mehr. Wir müssen versuchen, State-Of-The-Art in diesem Bereich zu sein.

MW: Wie sehen Sie das Thema DVD?

Canibol: Wir bringen derzeit gerade Herbert Grönemeyers DVD Plus an den Start. Das könnte eine Art Bugwelle für das Thema sein und uns Türen öffnen. Der Handel scheint das ähnlich zu sehen, wir gehen mit rund 30.000 Exemplaren an den Start. Auch von Pur und Robbie Williams wird es DVD Projekte noch in diesem Jahr geben.

MW: Sind DVD-Singles ein Thema für die EMI?

Canibol: Man muss Künstler auch mal ohne Video starten können, also kann ich mir keine automatische Veröffentlichung einer Single als DVD-Single vorstellen. Ich brauche die Chance, dass die Substanz des Songs ausreicht, zu verkaufen. Wenn es nur vom Video abhängt, macht das keinen Spass mehr.

MW: Sieht die Realität so nicht die Realität aus?

Canibol: Es gibt mittlerweile eine Gegenbewegung. Von Anton gibt es kein Video und wir haben 1,5 Millionen Singles und 200.000 Alben verkauft. Ebenso bei „Big Brother“: Was die Darsteller auf dem Musikmarkt erreichen ist enorm, und das ohne Videos bei Viva und MTV. Da hat sich also eine eigene Promotionform entwickelt.

MW: Zlatko wird kaum ein Katalogthema werden und ist umstritten, da man ihn als Trashprodukt ansieht, das auf das allgemeine Qualitätsempfinden niederschlägt…

Canibol: Ich habe diesbezüglich keinerlei Berühungsängste. Was haben wir denn jahrelang mit den Dancethemen gemacht? Wurde da Backkatalog aufgebaut? Nein. Darf ein Tageshit nur dann schick sein, wenn er aus dem Dancebereich kommt, nicht aber aus dem Schlagerbereich? Nein. Für mich ist jeder Titel genauso wertvoll, der seine Berechtigung im Markt hat. Vielleicht haben einige Mitarbeiter der Musikindustrie nicht gelernt, auch andere Musikrichtungen zu akzeptieren. Mein erstes Thema als Produktmanager bei CBS war Carlos Santana, und ich war glücklich. Ein Jahr später durfte ich Ricky King bearbeiten. Und mir war es wichtig, dieses Thema genauso ernsthaft zu bearbeiten, da er auch sein Publikum hat. Jede Musik hat ihren Wert, wenn sie ihren Markt hat.

MW: Ein Thema, das aus anderen Gründen Schwierigkeiten hat, ist die Klassik. Wie ist die Situation diesbezüglich bei der EMI ?

Canibol: Die Klassik ist eigentlich ein stabiler, wenn auch zeitweise leicht rückläufiger Markt. Die EMI arbeitet weltweit an Themen wie z.B. Sarah Brightman. Anstrengungen werden nicht nur bei der Core-Klassik, sondern auch im Crossover geleistet. Die Scorpions verkauften von „Moment Of Glory“ über 140.000 Exemplare, das ist außerordentlich. Wir werden jetzt auch eine „Best Of Callas“ im TV bewerben um zu zeigen, dass die Klassik nicht in der Nische bleiben muß.

MW: Ist es ein neuer Ansatz, im Klassikbereich Marketing- und Promotioninstrumente aus dem Popsektor zu nutzen, wie beispielsweise Personalisierung?

Canibol: Der Versuch ist zweifelsohne interessant. Aber meine Erfahrung zeigt, dass die breite Masse nicht durch solche Instrumente zu kriegen ist. Da scheint es immer noch eine klare Trennung in den Köpfen zu geben, ein Großteil der Bevölkerung läßt sich vermutlich nie mit Core Klassik in Berührung bringen.

MW: Stichwort Verkauf von Downloads. Die BMG ist mittlerweile mit musicdownload24 in diesem Bereich eingestiegen. Wie sehen die Pläne der EMI diesbezüglich aus?

Canibol: Kennen Sie die Verkaufs- und Abrufzahlen?

MW: Leider nein.

Canibol: Wenn diese positiv wären, hätten wir längst davon erfahren, gute Nachrichten hält keiner zurück. Die EMI experimentiert derzeit mit dem Thema in USA und in Asien.

MW: Wird die EMI in Deutschland wie die BMG mit einer eigenen Plattform an den Start gehen oder eher die Kooperationen mit anderen Internetplattformen suchen?

Canibol: Ich glaube, dass es sinnvoll ist den Handel zu involvieren. Ein Händler, der auf seiner Site den Katalog der EMI anbietet, ist viel interessanter als ein reiner EMI-Shop im Internet. Ich glaube, dass die Umsätze durch E-Commerce in den nächsten fünf Jahren kontinuierlich steigen und vielleicht auch mal zehn oder zwanzig Prozent ausmachen. Bis dahin darf man den traditionellen Handel nicht vernachlässigen.

MW: Schrumpft der Gesamtmarkt in Zukunft?

Canibol: Da kommen wir zur Frage, ob Musik gesellschaftlich noch die selbe Relevanz hat wie früher. Oder wird Freizeit durch Internet, PC und Telekommunikation bestimmt, die Interesse von Musik abzieht? Ich denke ja. Am Beispiel Radiohead sieht man zwar, dass die Bindung von Fans und Künstlern stark ist, aber das ist eine Nische und kein weltweiter Trend. Die Zeiten, in denen Guns’n’Roses oder Aerosmith über Nacht Major-Trends setzten, sind vorbei. Ich weiß auch nicht, ob in Deutschland noch einmal jemand von einem Tonträger drei Millionen Einheiten absetzen kann, so wie Phil Collins in seinen besten Tagen.

MW: War der Personalabbau eine Reaktion auf Vergangenheit und Gegenwart, oder mehr auf eine mögliche Zukunft, in der der Markt eventuell kleiner wird?

Canibol: Sowohl als auch. Personell gab es jahrelang keine so gravierenden Veränderungen. Der Prozeß war aber sehr schmerzhaft, gerade die Schließung der Intercord war kein Spaß. Es freut mich aber, dass der Arbeitsmarkt sehr positiv auf die ehemaligen Mitarbeiter reagiert hat und fast alle neue Beschäftigung gefunden haben. Wir haben uns für die Zukunft fit gemacht durch Umstrukturierungen.

MW: Ist die CD zu teuer oder zu billig?

Canibol: Aus meiner Sicht ist die CD; wenn man berücksichtigt, zu welchem Preis sie eingeführt wurde, immer noch billiger geworden. Aber das scheint der Verbraucher nicht zu realisieren. Dazu kommen starke Verschiebungen vom Fullprice- in den Midprice-Bereich. Umgekehrt wird die Produktion und das Marketing nicht billiger.

MW: Wie beurteilen Sie den Erfolg von „Copy Kills Music“?

Canibol: Die Kampagne hat auf der Endverbraucherseite nicht das bringen können, was bezweckt war. Aber sie hat die Diskussion mit dem Gesetzgeber entscheidend positiv beeinflußt. Diese Kontakte dürfen jetzt nicht abreissen.

MW: Stichwort Kopierschutz für CDs: Bald auch auf EMI-CDs?

Canibol: Durchaus denkbar. Wir warten aber erst einmal die Verabschiedung der Copyright-Direktive ab.