„Hits, Hits, Hits – egal, aus welcher Stilrichtung‘

Früher war’s die Hansa, seit einigen Jahren heißt sie . Und seit jeher liefert diese Firma Welthits am laufenden Band. MUSIKWoche wollte von den verantwortlichen Managern und wissen: Wie machen Sie das?

MUSIKWoche: Wie viele Platten hat der diesjährige Echo-Gewinner Lou Bega, dem Sie am Tag der Echo-Verleihung auch Platin für sein Debütalbumüberreichen, bis jetzt in den USA verkauft?

Christian Wolff: Drei Millionen.

André Selleneit: Man kann davon ausgehen, dass es noch 500.000 mehr werden,denn er ist ja mit Cher auf Tournee.

MW: Für BMG Berlin ist der Erfolg von Lou Bega und Eiffel 65 ein neuer Rekord. Wächst da der Erfolgsdruck?

Wolff: Der Druck ist größer denn je.

Selleneit: Konstantes Wachstum wird verlangt und vorausgesetzt.

MW: Wie bewerkstelligen Sie das?

Selleneit: Es ist wichtig, sich in Phasen des Erfolgs nicht lang damit zu beschäftigen, wie toll du bist, sondern darüber nachzudenken, wo morgen und übermorgen die nächsten Erfolge herkommen. Der Erfolg nützt auch Künstlern und Newcomern, wenn du einen Teil des Profits, den du erwirtschaftest, indie richtigen Projekte neu investierst. Das ist das, was eine Company langfristig erfolgreich macht. Und so haben wir vor zwei Jahren Lautstark installiert, Volker Neumüller und Ken Ogihara für den A&R-Bereich geholt und komplett den Markt durchkämmt. Es gilt also, wenn du erfolgreich bist, rechtzeitig zu sagen: „Was müssen wir jetzt machen, damit wir auch übermorgen erfolgreich sind?“

MW: Dann haben Sie sich bestimmt schon überlegt, was Sie in zwei Jahrenmachen, oder?

Selleneit: Im Moment wäre dazu die falsche Zeit. Wir sind noch dabei, das,was wir vor einem Jahr ausgelobt haben, endgültig in eine Form zu gießen. Damit sind wir dann ausgerichtet für die nächsten eineinhalb bis zwei Jahre. Wie es danach weitergeht, wird das nächste Quartal ergeben. Dabei erledigen wir viele Dinge schnell en passant im Tagesgeschäft, die größere strategische Bedeutung haben, als wir womöglich glauben. Zum Beispiel die Partner, die wir in den letzten Monaten neu an uns gebunden haben: Alex Christensen mit King Size, die Bliss Corporation mit Eiffel 65…

Wolff:… und nicht zuletzt Upfront, ein neues Produzententeam aus Berlin.

Volker Neumüller: Das ist der entscheidende Punkt – dass wir viele Partnerschaften haben, die aus der Vergangenheit von Christian, Andi oder mir resultieren. Wo einfach ehrliches Business entsteht und beide Partner den gleichen Vorteil voneinander haben.

MW: Die Rechte an Eiffel 65 und „Blue“ waren für die Firma nicht gerade billig, oder?

Neumüller: Das war ein hart umkämpftes Thema, weshalb die Preise natürlich nach oben gingen. Aber die meisten Leute wissen nicht, dass der Break Evenmehr als überschaubar war – er lag nicht über 30.000 Einheiten. Und jetzt läuft es auch in Amerika gigantisch; zweieinhalb Millionen Alben sind schon weg, wenn auch leider nicht über BMG, was mich geärgert hat.

MW: „Blue“ hat Platz sechs der Single-Charts und Eiffel 65 Platz acht derAlben-Charts in den USA erreicht…

Neumüller:… und es war in 16 oder 17 Ländern die Nummer eins, Wahnsinn. Und die zweite Single, „Move Your Body“, ist fast ebenso erfolgreich.

MW: Steht schon die dritte Single fest?

Neumüller: Ja, es ist die Ballade „Too Much Of Heaven.“ Es war uns wichtig, dass die dritte Single zeigt, dass das Album mehr zu bieten hat als nur Dance-Stücke. Es ist halt Europop, wie der Titel schon sagt.

MW: Welche Themen kommen als nächste bei BMG Berlin?

Neumüller: Mit King Size schaffen wir eine neue Unit. Wobei King Size inder Person von Alex Christensen einen Produzenten hat, der schon seit zehn Jahren Hits macht – von U96 über Marky Mark bis hin zu Princessa, ob mit Dance-Titeln oder mit der Boxerhymne von Sarah Brightman und Andrea Bocelli. Für mich war es eine der Hauptaufgaben, so etwas zu finden. Andi Selleneit hat Frank Farian und Dieter Bohlen, Christian Wolff hat Helmut Rüßmann und Wolfgang Petry, und ich habe Alex Christensen und King Size.Und das gibt mir mehr Möglichkeiten, Erfolge zu generieren.

MW: Herr Selleneit, Herr Wolff, das Magazin „Focus“ hat Sie einmal in einemInterview gefragt: „Haben Sie einen Durchschnittsgeschmack?“ Diese Fragehaben Sie mit Ja beantwortet. Was verstehen Sie unter einem Durchschnittsgeschmack?

Selleneit: Wir stellen uns nicht permanent Fragen wie „Was machen wir richtig?“ oder „Warum sind wir so erfolgreich?“ Aber wenn ich darüber nachdenke, würde ich sagen, das A und O in unserem Geschäft ist immer der Geschmack. Christian und ich wären bestimmt die falschen Geschäftsführer oder A&R-Manager bei einer Firma wie GUN Records. Bei GUN müssen eben diejenigen sitzen, die genau für dieses Segment – mit Acts wie Guano Apes oder Him – den entsprechenden Geschmack haben. Sicher kann man viele Dinge vom Verstand her entscheiden, aber letztlich zählt, was man bei den Entscheidungen empfindet.

MW: Gibt es weitere Gründe für den Erfolg von BMG Berlin?

Selleneit: Als zweiter Punkt wäre der Independent-Geist zu nennen, der bei uns immer noch herrscht und gelebt wird. Ich kenne andere Schallplattenfirmen, die viel „konzerniger“ sind. Und Punkt drei ist das Tempo.

Wolff: Dazu muss man auch unser Team und dessen Passion kennen. Hier sitzen wirklich Leute, die musikverliebt sind. Und dazu gehört auch die Bandbreite, die wir abdecken: Das reicht von den Wildecker Herzbuben bis zu einer Gruppe wie H-Blockz.

MW: Eigentlich fehlt Ihnen doch ein klares Profil. Haben Sie damit keineProbleme?

Wolff: Wir haben dafür ein klares Zielverständnis, und das heißt: Hits undErfolg. Das ganze Denken in unserem Haus – von jedem Product Manager, vonjedem Promotor – hat nur eine Zielrichtung: Hits, Hits, Hits. Egal, auswelcher Stilrichtung.

Selleneit: Bei uns ist alles möglich, und das ist mit Sicherheit eineunserer großen Stärken. Hinzu kommt natürlich auch der Druck, den wirdadurch haben, daß wir eine Company sind, die zu 100 Prozent ihre Hits inDeutschland selbst generieren muss. Da gibt’s keine Ausreden – wir müssenuns jeden Tag die Frage stellen: Haben wir das richtige Produkt, haben wirdie richtigen Produzenten, haben wir die richtigen Künstler und die richtigen Ideen, um es zu vermarkten? Außerdem will ich mal ein bißchen frech sein und sagen: Um in einem Konzern ein bisschen mehr als ein Reihenhaus zu verdienen, musst du überperformen, und Christian und ichliefern diese Überperformance jetzt schon seit sieben Jahren.

MW: Woran liegt das?

Selleneit: Ich bin überzeugter Teamplayer und übrigens auch sicher, dasseinige Firmen gut daran tun würden, Zweierteams wie uns in die Verantwortung zu nehmen. Wir beide arbeiten inzwischen seit zehn Jahren zusammen und sind toll eingespielt. Wo viele andere Zwei-Stunden-Meetings brauchen, um irgend etwas zu besprechen, läuft es bei uns inzwischen manchmal ohne Absprachen, weil jeder genau seinen Job kennt.

Wolff: Und das bringt uns natürlich auch Geschwindigkeit bei den Entscheidungen, weil wir beide in den Themen drinstecken.

Selleneit: Wir haben in den sieben Jahren, seit ich 1992 Geschäftsführer wurde, den Umsatz mehr als vervierfacht – von 35 auf 160 Millionen Mark. Es war immer mein Ziel, national die Nummer eins zu sein, so dass keiner an uns vorbeikommt. Das ist sexy und macht einen Riesenspaß. Ich bin jetzt seit 22 Jahren bei der Firma, und viele Leute, die früher – übrigens zu Unrecht – nicht das Haus Wittelsbacherstraße 18 betreten hätten, als BMG Berlin noch Hansa hieß, suchen jetzt unsere Nähe.

MW: Erfolg macht eben attraktiv. Und die Tatsache, dass Sie wie ein Independent arbeiten, obwohl Sie zu einem großen Konzern gehören. Apropos: Macht man Ihnen im Konzern manchmal auch dringliche Vorschläge, diesen oder jenen internationalen Act in Lizenz unter Vertrag zu nehmen, damit Sie nicht nur aufs nationale Produkt angewiesen sind?

Wolff: Das wäre tödlich für uns. Denn wir sind ganz klar darauf ausgerichtet, nationales Produkt zu generieren, und genau darin liegt unsere Stärke. Da wird mit dem Partner diskutiert, ob inhaltlich alles stimmt – auf der A&R- wie auf der Produktseite. In unserer Firma könnte es nicht funktionieren, wenn es, wie bei internationalen Übernahmen üblich, hieße: „Hier ist das Band, das Cover, das Video, vermarkte das; es muß den Goldstatus erreichen, sonst habt Ihr ein Problem.“ Wir verfolgen eine gänzlich andere Linie – nämlich: unseren eigenen Geschmack und unsere eigenen Ideen mit einzubringen. Wenn wir diese Freiheit nicht mehr ausleben könnten, hätten wir mit Sicherheit ein Problem.

Selleneit: Außerdem hatten und haben wir ein Riesenglück, dass wir so erfolgreich sind. Damit sind wir aus dem Schneider.

MW: Welche Vorteile bringt es, in einen Konzern eingebunden zu sein?

Selleneit: Wenn es darum geht, aus Deutschland heraus Popmusik global zu vermarkten, ist BMG allen anderen Major Companies um Lichtjahre voraus. Und da liegt eben auch unser Vorteil: Wir sind einerseits die Independent-Firma, die machen kann, was sie will. Aber da ist andererseits auch die große Konzernmutter, die uns alle Vorteile nutzen lässt.

Wolff: Das hat immer wieder geklappt – von Boney M. und Milli Vanilli über La Bouche, Real McCoy und No Mercy bis hin zu Lou Bega. Eine solche internationale Performance kann keine andere Major Company bieten.

MW: Wie kriegt man den richtigen „Durchschnittsgeschmack“, um immer wieder weltweite Hits zu haben?

Selleneit: Den kriegt man nicht, den hat man einfach. Natürlich hat unsbeide dieses Haus sehr geprägt. Fünfzehn Jahre lang habe ich von denA&R-Genies Peter und Thomas Meisel und Hans Blume gelernt. Und natürlichlernen wir immer wieder aus Dingen, die wir falsch gemacht haben.Entscheidend aber ist: Welche Musik haben wir gehört, als wir zum erstenMal geknutscht haben?

MW: Und welche war das bei Ihnen?

Selleneit: Der erste Kuß auf die Wange in einer Geisterbahn – das war T. Rex; Stichwort Glam Rock: Slade, Sweet, Alice Cooper, David Bowie. Als ich zum ersten Mal in eine Discothek ging, in die „Badewanne“ in Berlin, gab es am Donnerstagabend die „Philly Night“. Barry White, George McCrae, „Rock Your Baby“ – diese Sachen haben mich geprägt. Und dann kam auch schon BMG Berlin, vormals Hansa, was ja eigentlich immer eines der erfolgreichsten Dance-Labels war: „You’re My Heart, You’re My Soul“ von Modern Talking, „Girl, You Know It’s True“ von Milli Vanilli, „Daddy Cool“ von Boney M. – das waren megahippe Discothekenscheiben.

Wolff: Bei mir kommt die Prägung woanders her. Da ich in einer Tanzschulfamilie groß geworden bin, war ich ständig mit neuen Hits konfrontiert. Und so durfte ich früher als andere Jugendliche am Sonntagnachmittag bei der Jugenddisco mitmachen und bin mit den Chart-Hits aufgewachsen. Ich fand es aufregend, wenn der DJ neue Platten aufgelegt hat.

MW: Wo war das?

Wolff: In Bielefeld. Aber man muss auch ein dickes Fell haben, wenn man seine Projekte zum Beispiel bei einer Vertriebstagung vorstellt. Erzähl den Leuten mal als junger Mensch: „Wir machen jetzt die Wildecker Herzbuben, und,Herzilein‘ wird ein Riesenhit.“ Du brauchst ein dickes Fell für das, was du dir da alles anhören musst. Und dann hat es mit den Wildecker Herzbuben zunächst noch nicht einmal sofort geklappt, sondern wir mussten sechsmal bemustern. Am Ende haben wir aber doch 1,3 Millionen Alben verkauft. Und dann heißt es auf einmal: „Kuck mal, das sind die mit den Wildecker Herzbuben.“ Nur wenn man seinen Weg gefunden hat und weiß, was man will, kann man damit umgehen. Ich habe am Anfang manchmal wirklich gelitten für das, was wir verkaufen wollten.

Selleneit: Das stimmt. Und es ist kurios. Ich bin nun seit 22 Jahren im Geschäft und erinnere mich sehr gut, dass mich die Redakteure, aber auch Kollegen von anderen Plattenfirmen, durchaus immer sehr mitleidig ansahen, als ich noch als Promoter für Hansa arbeitete.

Wolff: Weil wir Themen wie Modern Talking oder Wolfgang Petry eingekauft haben, wurden wir am Anfang schwer belächelt. Aber da muss man durch.

Selleneit: BMG Berlin ist immerhin der erfolgreichste Ergebnislieferant weltweit innerhalb des BMG-Konzerns.

MW: Liegt das nicht auch an der Betriebsgröße? Gemessen am Erfolg sind Sie doch eine sehr kleine Firma.

Selleneit: Natürlich. Wir arbeiten nach wie vor mit ungefähr 40 Leuten…

Wolff:… inklusive Buchhaltung, Business Affairs, Lizenzabrechnungen.

Selleneit: Und mit diesem kleinen Team liefern wir mehr Ergebnis ab als RCA America. Dabei sind die USA ja nun ein bisschen ein größerer Markt.

MW: Wird Ihnen Ihr Erfolg nicht selbst langsam unheimlich?

Selleneit: Es ist ein unglaublicher Druck. Und es ist ja tatsächlich auch so, dass man die Steigerungen, die wir in den letzten sieben Jahren hatten, natürlich wie selbstverständlich auch im nächsten Geschäftsjahr von uns erwartet.

Wolff: Der Druck ist jeden Tag da. Das fängt schon morgens beim Zeitungslesen an: „Wo sind die Nischen, was kann ich noch tun, um dieses oder jenes besser zu vermarkten?“ Und das setzt sich fort bis zum Abend und auch am Wochenende. Mit diesem Druck können wir aber gut umgehen, denn es macht immer wieder Spaß, neue Künstler und Produzententeams aufzubauen.

Selleneit: Das Tempo haben wir uns schließlich selber eingebrockt. Und es ist natürlich eine Herausforderung, das jeden Tag zu halten.

MW: Apropos Tempo: Falls ein Thema mal nicht funktioniert, kann man viel Zeit und Geld verlieren, wenn man es zu lange mitzieht. Ist es für BMG Berlin nicht auch typisch, dass man lieber schnell was anderes macht, wenn etwas nicht so gut funktioniert?

Wolff: Das stimmt. Dabei sind das natürlich oft schwere Entscheidungen, die wir fällen müssen. Es gibt nun mal Themen, mit denen man in der Sackgasse steckt, wo dann auch uns nichts mehr einfällt. Diese schmerzliche Erfahrung muss man machen. Da nehmen wir uns dann lieber mit neuer Motivation und neuer Energie neue Themen vor.

Selleneit: In diesem Zusammenhang ist mir eines wichtig: Wir haben eine Rollenverteilung. Christian steckt beim Vermarkten im Tagesgeschäft, während ich ein bisschen in die Zukunft plane. Vor zwei Jahren habe ich gesagt: „Wir haben Geld und Vertrauen. In dieser Branche verlierst du aber das Vertrauen immens schnell – also müssen wir jetzt was tun.“ Und so haben wir was getan und zwei neue Zellen installiert, die auch aufgegangen sind: Die Zelle „Lautstark“ hat uns Lou Bega gebracht, und die zwei neuen A&R-Leute, Volker Neumüller und Ken Ogihara, Eiffel 65. Das sind also keine Zufallsdinger bei uns, sondern strategische Entscheidungen.

Wolff: Und dann kam zu dem Druck noch das Vertrauen unserer Vorgesetzten dazu, so dass sie uns Logic in Frankfurt mit in die Verantwortung gegeben haben.

Selleneit: Innerhalb von sechs Monaten haben wir Logic nicht nur mit einem Nummer-eins-Hit versehen, sondern auch in ein positives Geschäftsergebnis geführt.

MW: Lautstark, Logic, Na Klar, Frank Farian…

Wolff:… Dieter Bohlen, dazu Turbobeat, Amiga…

Selleneit:… und das alles mit 40 Leuten. Das muss man sich mal klarmachen.

Wolff: Wir bauen Partnerschaften auf, wie wir es schon mit Frank Farian, Helmut Rüßmann, Dieter Bohlen getan haben – konstante Partnerschaften, um im Dialog miteinander zu arbeiten. Wir brauchen den Dialog, er hat oft viel gebracht. Frank Farian zum Beispiel ist ohne Frage einer, vor dem jeder Respekt hat. Aber er stellt sich dem Dialog und auch der Kritik über die Jahre hinweg – traumhaft.

Selleneit: Das gilt für alle unsere Partner, zum Beispiel auch für Dieter Bohlen, der mit uns diskutiert: Was kann man besser machen, was kann man anders machen, was habt Ihr für Ideen? Da wird nicht einfach nur ein Band abgeliefert. Und dann kommen wir mit unserem Produktmanagement, Marketing und der Promotion-Leistung zum Zug: Der ganze Service aus einer Hand. Unsere Partner wissen, dass sie auf der Vermarktungsseite einen kompetenten und zuverlässigen Partner haben, der sie mit starken Konzepten versorgt und mit einer vernünftigen Promotionleistung.

MW: Wie geht es weiter mit der Karriere von Lou Bega?

Wolff: Bei Lou Bega wollten wir nicht irgendein One-Hit-Wonder, sondern sahen von Anfang an eine langfristige Perspektive mit mehreren Singles. Und es gibt natürlich in diesem Jahr ein zweites Album. Wir arbeiten weiter amA&R-Konzept.

Selleneit: Die Devise heißt Künstleraufbau.

MW: Haben Sie erwartet, dass Lou Bega so schnell und so nachhaltig einschlägt? Wolff: Wir haben daran geglaubt, dass das ein Hit ist. Wir haben sogar zweiVideos produziert, denn das erste Video ging dermaßen in die Hose, dass wires komplett weggeworfen haben.

Selleneit: Das zeigt, wie sehr wir von dem Thema überzeugt waren.

Wolff: Die gesamte Firma hat dafür gekämpft. Dass daraus ein solcher Welthit würde, das war natürlich nicht abzusehen. Aber dass das Ding ein Hit ist, das war für uns so sicher wie das Amen in der Kirche.

Selleneit: Wir sind jedenfalls bestens auch für dieses Jahr gerüstet. Jetzt haben wir das neue Album von Modern Talking, es kommt ein weiteres von Lou Bega, und es wird ein neues Studioalbum von Wolfgang Petry geben. Hinzu kommen diverse Konzepte aus dem Hitmix-Bereich. Wir stehen also auf soliden Füßen.

Wolff: Und alle unsere Zellen haben tolle Newcomer am Start, an die wir glauben.

MW: Wer arbeitet denn in welchen Zellen und für welche Acts bei BMG Berlin?

Wolff: Wenn wir diese Namen nennen, dann wirbt sie uns die Konkurrenz womöglich ab. Aber wir wollen die Leistungen der Leute auch herausstellen. Vor allem das A&R-Team Volker Neumüller/Ken Ogihara hat – zum Beispiel mit Eiffel 65 – einen tollen Job gemacht. Und tatsächlich haben die beiden schon nach wenigen Monaten bei uns ein Angebot von der Konkurrenz bekommen.

Selleneit: Damit muss man rechnen. Ein Geschäftsführer-Kollege hat mir auch gesagt: „Ich habe alles versucht, von euch Leute abzuwerben, aber die lassen sich nicht abwerben.“ Darüber habe ich mich sehr gefreut.

MW: Ist die Anziehungskraft von BMG Berlin in den letzten Jahren gewachsen?

Selleneit: Klar. Aber Plattenfirmen müssen auch konstant immer mal wieder überlegen: Wie gehe ich nach draußen? Zum Beispiel mit Talentwettbewerben, auch im Internet. Richtig schlüssig – mit einer wirklich weltweiten Talentaktion – hat das noch keiner gemacht.

MW: Stichwort Internet: Was tun Sie, um von der Entwicklung nicht überrollt zu werden?

Wolff: Viel. Als Beispiel könnte ich das Moorhuhn-Spiel nennen. Natürlich müssen wir in so einem Fall schnell sein und versuchen, daraus ein Produkt zu machen. So kann Repertoiresuche im Internet aussehen. Am Ende des Tages bietet das Web auch große Chancen für die Distribution – nicht nur fürs Hit-Geschäft, sondern auch für den Katalog.

MW: Allenthalben hört man in der Branche das Wehklagen wegen CD-Brennerei und MP3. Hat BMG Berlin deswegen auch Kopfschmerzen?

Wolff: Nein, derzeit noch nicht. Klar ist, dass das Internet ein tollesMedium ist. Wir sehen es auf keinen Fall für uns als Gefahr, denn wenn dasRepertoire stimmt, wenn es der Konsument haben will, dann sind trotzdemStückzahlen von 1,8 Millionen Singles von Lou Bega oder 1,3 MillionenSingles von Eiffel 65 möglich. Wenn wirklich Repertoire geliefert wird, das die Leute brennend interessiert, kann es mit der Brennerei gar nicht so schlimm kommen. Klar ist, dass wir das Internet für Geschichten wie E-Commerce, Download oder Promotion bedienen – aber differenziert. Die Zielgruppe des deutschen Schlagers zum Beispiel ist nicht die allerstärkste Zielgruppe im Internet. Wir gehen auf keinen Fall als Angstthema damit um, sondern versuchen die neue Technologie zu nutzen.

Selleneit: Außerdem geht es dabei um neue Vertriebswege; wir als Marketing-und A&R-Company werden da immer unseren Platz haben. Ich teile die Theorie, dass die Menschen in A&R- und Marketing-Funktionen durch das Internet noch viel wichtiger werden, um zu bündeln, zu kanalisieren, zu filtern. A&R- und marketingorientierte Menschen werden definitiv kein Problem bekommen.

MW: Herr Neumüller, wie lang sind Sie schon bei BMG Berlin?

Neumüller: Am 1. März waren es genau zwölf Monate. Ich komme ursprünglich von Polygram, wo ich vier Jahre im Verlagswesen arbeitete. Danach war ich knapp vier Jahre bei Mega Records mit Künstlern wie Ace Of Base, Leila K., Laid Back. Hier bei BMG Berlin läuft aber alles ein bisschen anders.

MW: Wo liegt der Unterschied?

Neumüller: Das fängt beim A&R an. Wir sind eine Independent-Company mit der Power eines Majors. Wir haben keine Whitney Houson in der Pipeline, keine Spice Girls, kein Produkt, das sowieso schon groß ist. Man muß jedes Jahr von neuem einen Eiffel 65 oder einen Lou Bega schaffen – was letztlich bedeutet, Marketing und A&R läuft viermal so hart ab wie in jeder anderen Company. Wir fragen nicht, ob eine Produktion die Top 40 schaffen kann, sondern immer, ob sie die Top Ten schaffen wird. Und wenn man sich diese Frage ernsthaft stellt, wird man selektiver. Man läßt sich nicht in jedes Pokerspiel mit reinziehen. Nach der ersten kommt die zweite Frage: Ist es ein Album? Diese Fragen sind so einfach und doch elementar, gerade in der heutigen Zeit mit CD-Brennern und Internet und was es alles Schönes gibt.

MW: Lassen Sie lieber die Finger von einem neuen Thema, wenn Sie nicht ganz sicher sind?

Neumüller: Es sei denn, man hat einen Künstler, der so außergewöhnlich ist, dass man aufs Album setzt. Die Frage ist dann: „Verkaufe ich 250.000Alben?“

MW: Warum ist Rap bei BMG Berlin eher unterrepräsentiert?

Neumüller: Wir fangen damit vorsichtig an, denn HipHop, wie ihn Freundeskreis oder Eins,Zwo betreiben, ist nichts, was man so einfach in den Markt boxt. HipHop muss in der Szene entstehen. Wenn wir so etwas aufbauen wollten, würde es uns keiner glauben. Also holt man sich Units, die an der Basis den Aufbau betreiben, und ab einem gewissen Punkt übernimmt man quasi mit dem Portemonnaie. Und das ist auch legitim.

MW: Suchen Sie dann lieber nach einem zweiten Lou Bega?

Neumüller: Das Schlimmste, was man tun kann, ist, dass man nach einem Erfolg wie Eiffel 65 genau das Gleiche wieder sucht. Es muss für mich Popmusik sein, es muss in populären Medien stattfinden können. Denn das kann ich, damit komme ich klar. Ich bin nicht der Mann, der auf ein Konzert von Freundeskreis geht und mit denen hinter der Bühne einen Joint raucht.

MW: Wie sehen Sie Ihren Arbeitsschwerpunkt?

Neumüller: Ich bringe viele Kontakte mit, viele Lizenzpartner, und ich schaue mich im europäischen Ausland um, was da läuft. Sehr viel mache ich übrigens übers Internet. Auf der anderen Seite bin ich ganz normal wie jeder klassische A&R-Mann aktiv im Studio. Ich will den Künstlern ein Umfeld schaffen, in dem sie sich entwickeln können.

MW: Werden Sie fündig, wenn Sie im Internet nach neuen Künstlern suchen?

Neumüller: Ich bin zwar regelmäßig drin, aber es ist noch nicht relevant für mich. Das Internet wird zwar groß und auch für mich wichtig werden. Momentan betreibe ich es aber eher noch als Research-Medium, um zu schauen, was sich grad in Italien tut oder was in Frankreich geht. Was läuft im Live-Bereich? Was bieten die kleinen Independent-Labels, die ich in Cannes auf der Midem kennen gelernt habe?

MW: Waren Sie dieses Jahr auf der Midem?

Neumüller: Leider nein. Ich hatte zu viel zu tun. Aber ich habe Ken Ogihara geschickt, ohne den der Erfolg der A&R-Abteilung in diesem Haus nicht möglich wäre. Ken hat dieses Jahr auf der Midem alles eingesammelt, und wir haben auch wieder etwas unter Vertrag genommen – ein neues Äquivalent zu Lara Croft, ein Videospiel mit weltweiter Veröffentlichung, produziert und geschrieben von Martin Gore von Depeche Mode. Es ist ein sehr hübsches Spiel mit einem wunderbaren Song und einem ebensolchen Video, und wir werden in den nächsten zwei oder drei Monaten an den Start gehen. Weltweit, versteht sich.

MW: Haben Sie und Ken Ogihara ein besonders glückliches Händchen bei solchen Projekten, oder was ist der Trick dabei?

Neumüller: In meinen vier Jahren bei Mega Records habe ich gelernt, dass die Indies nur durch Networking überleben – eine Hand wäscht die andere.Und so sind wir auch an „Blue“ rangegangen. Ich kenne den Besitzer des Labels Bliss Corporation schon seit zehn Jahren, denn ich habe die erste Veröffentlichung mit ihm in Deutschland gemacht, als ich noch Verleger war. Trotzdem – und das sage ich ganz ehrlich – wäre „Blue“ an mir vorbeigegangen, obwohl es auf der Midem angeboten wurde, wenn ich nicht das Network hätte. Wenn man dann erst einmal an einem Track wie „Blue“ dranist, muss man auch kein großer A&R-Mann sein, um einen solchen Hit zuerkennen. Aber ohne das Netzwerk funktioniert es nicht, und deshalb pflege ich dieses Network genauso, wie ich meine Produzenten und Künstler pflege.

MW: Im Netz gibt es inzwischen diverse Plattenfirmen, die ausschließlich über dieses neue Medium Künstler aufbauen wollen. Was halten Sie davon? Brauchen die am Ende nicht doch einen Partner bei einer konventionellen Plattenfirma?

Neumüller: Bisher auf jeden Fall noch. Die Internet-Plattenfirmen sind aber eine Alternative für die Zukunft, sie werden in irgendeiner Form mit dem traditionellen Medium Plattenfirma zusammenwachsen. Zur Zeit funktioniert das noch nicht. Aber die Entwicklung wird darauf hinauslaufen, daß sich die traditionelle Plattenfirma mit der Internet-Plattenfirma zusammenschließt, es wird eine Synergie geben.

MW: Verändert sich die A&R-Arbeit schon jetzt durch das Internet?

Neumüller: Im Tagesgeschäft spüre ich davon nichts. Aber ich denke, dass der CD-Brenner ein größerer Feind für uns ist als das Internet.

MW: Warum?

Neumüller: Neulich habe ich im Pro Markt jemanden an der Kasse gesehen, mit einem CD-Brenner und einem Stapel von 100 oder 150 Rohlingen. Ich habe ihn gefragt: „Wie läuft das eigentlich mit dem CD-Brenner?“ Worauf er erzählte:“Super. Ich brenne jetzt die,Bravo-Hits‘, die ich auf dem Schulhof verkaufe. Und morgen komme ich wieder und tausche sie gegen die,Maxi Dance Sensation‘ um. Ich verkaufe die CDs dann für fünf Mark das Stück.“ Das war ein Schlüsselerlebnis.

MW: Sozusagen der Praxistest…

Neumüller: Manche Leute rufen übrigens sogar bei uns an, um zu fragen, was sie an die GEMA zahlen müssen, weil sie gerade ein paar Platten von Wolfgang Petry gebrannt haben. Das ist wirklich erschreckend.

MW: Finden Sie im Rahmen des BMG-Konzerns den Rückhalt, den Sie sich fürIhre Arbeit wünschen?

Neumüller: Ich finde es beeindruckend, wie stark Thomas M. Stein A&R-orientiert ist. Er will wissen, was läuft, und hat intensiv ein A&R-Network aufgebaut, auch mit halbjährlichen A&R-Meetings, die konsequent durchgezogen werden. Das war neben der Zusammenarbeit mit Christian Wolff und Andi Selleneit, die mich sehr positiv geformt hat, die zweite Überraschung bei BMG, mit der ich nicht gerechnet hätte. Und ich finde es sensationell, dass sich Thomas Stein die Zeit nimmt, sich so aktiv für A&R zu interessieren. Es geht bei BMG – und nicht nur in Berlin – eben tatsächlich um A&R.

MW: Wie sieht es mit der Hierarchie im Hause BMG Berlin aus?

Neumüller: Wir haben zwei Geschäftsführer, die wirklich wissen, was sie tun. Und davor hat jeder Mitarbeiter im Haus Respekt, den müssen sie sich nicht erst erkämpfen. Aber wer auch immer eine Idee hat, der geht ohne Formalitäten zu Andi ins Büro. Dann wird diskutiert, und wenn wir uns einig sind, dass wir den Deal machen wollen, setze ich das auch sofort um. Die Ideen entstehen im Gespräch mit Andi Selleneit oder Christian Wolff; ich schreibe mir vorher nichts auf. Und einer von beiden hat immer Zeit – egal,was gerade für ein Stress herrscht. Für die Kreativität ist immer Zeit, und dabei gibt es keine Hierarchie – unser Chef ist Teamplayer. Es gibt viele Leute, die diese Größe nicht haben.

MW: Welche Größe?

Neumüller: Andi Selleneit kann den Erfolg mit anderen teilen. Auch Eiffel65 ist kein Erfolg von Volker Neumüller oder Ken Ogihara oder Andi Selleneit alleine – sondern jeder einzelne in der Firma hat den Titel sofort als Hit erkannt. Alle müssen an so einem Thema arbeiten. Und deswegen fühlen sich auch die Künstler bei uns wohl – ob Frank Farian oder Dieter Bohlen, der genau weiß, dass hier jeder an einem Titel arbeitet und es als einen persönlichen Affront betrachtet, wenn es mal nicht so gut funktioniert. Hier ist eben jeder mit Herzblut dabei.

MW: Herr Selleneit, Herr Wolff, bleibt Ihnen eigentlich noch Zeit fürs Privatleben?

Wolff: Zu wenig.

Selleneit: Viel zu wenig. Aber man muss sich wohl entscheiden, was man will. Es gibt zwar ein Privatleben, und das ist auch alles in bester Ordnung. Aber es ist definitiv zu wenig. Das muss aber jeder mit sich persönlich ausmachen – ob er sich der Musik verschrieben hat und für seine Künstler da ist, oder ob er das als Job von 9 bis 17 Uhr sieht. Wir beide sagen: Musik ist Teil unseres Lebens.

MW: Haben Sie denn Hobbies, die nichts mit Musik zu tun haben?

Wolff: Die gibt’s, aber die kommen bei mir zu kurz. Ich segle zum Beispiel für mein Leben gern, habe es aber die letzten drei Jahre gar nicht mehr geschafft. Wenn man an 20 bis 25 Wochenenden im Jahr an irgendwelchen Produktionen, Fernsehgeschichten, Videodrehs oder sonstigen Meetings teilnimmt, ist man froh zu Hause zu sein.

MW: Herr Selleneit, Sie haben sich früher mal als Buchleser geoutet. Bleibt Ihnen überhaupt noch Zeit, Bücher zu lesen?

Selleneit: Es gibt nach wie vor einen Stapel Bücher, die gelesen werden wollen. Doch ich finde nicht die Zeit dazu. Ich liebe es, Bücher zu kaufen, in Büchern zu blättern und Bücher zu lesen. Aber ich habe noch andere Leidenschaften – zum Beispiel Kunst und Antiquitäten.

MW: Was war das letzte Buch, das Sie gelesen haben?

Selleneit: „Menschen sind alle unsterblich“ von Simone de Beauvoir – ein sehr interessanter Roman, der sich mit der Thematik der Unsterblichkeit beschäftigt. Und neulich habe ich ein Buch über die Biologie unseresGehirns gelesen, auch sehr interessant. Außerdem interessiert mich Fotografie als Kunstform sehr stark.

MW: Sie erwähnten vorhin ein Häuschen in der Vorstadt. Haben Sie eins?

Wolff: Zum Häuschen ist es bis heute noch nicht gekommen, bei mir ist es noch die ganz normale Mietwohnung in nächster Nähe zur Firma.

Selleneit: Bei mir ist es genauso – eine ganz einfache Mietwohnung, 110 Quadratmeter, keine Paläste, keine Häuser. Das Reihenhaus in der Vorstadt war als Synonym für die in Konzernen übliche Gehaltshöhe gemeint.

MW: Haben Sie denn gar keine Laster?

Selleneit: Aber ohne Ende. Doch die gehören nicht in MUSIKWoche. Es sei denn, Sie machen eine Rubrik daraus und stellen auch die Laster von anderenvor.

Wolff: Frauen – ist das ein Laster?

Selleneit: Autos, Klamotten, schöne Uhren…

Wolff: Es kann alles zum Laster werden.