MUSIKWoche: Welche Belastungen sind denn so außergewöhnlich in Ihrer Branche?
Hans-Henning Schneidereit: Der Wirt zahlt an die GEZ Rundfunk- und Fernsehgebühren, an die GEMA zahlt er Geld fürs Abspielen von Radio und Fernsehen, die Weiterleitung von Radio und Fernsehen in Hotelzimmer, die Berieselung von Wirtsräumen, Aufzügen, Fluren und sogar Toiletten, und er zahlt für Musikautomaten und Tanzveranstaltungen. Weiterhin muß er GVL- und VG-Wort-Gebühren abführen. Bei einzelnen Betrieben macht dies bei wenigen Gästen schon mal bis zu zwanzig Prozent und mehr vom Umsatz aus.
MW: In einem Beitrag in der „Welt am Sonntag“ forderten Sie „ein Ende der unsozialen Preistreiberei“ und die Abschaffung der Gegenseitigkeitsverträge. Wollen Sie den Künstlern an den Kragen?
Schneidereit: Nein, natürlich nicht. Wir erkennen die Forderungen der Urheber nach einem gerechten Entgelt ohne Wenn und Aber an. Gleichzeitig aber müssen wir darauf hinweisen, daß in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten den Gastronomen die GEMA-Beiträge wie ein Mühlstein um den Hals hängen. Deren Forderungen sind unsozial und nicht in Übereinstimmung mit marktwirtschaftlichen Grundsätzen.
MW: Was ist denn an dieser Praxis besonders kritikwürdig?
Schneidereit: Die GEMA erhebt wie eine Behörde Gebühren, sie braucht nur ihre Tarife im Bundesanzeiger zu veröffentlichen, und schon sind sie Gesetz. Dieses dann noch realistisch zu nennen, zeugt von großem Zynismus, denn die Interessen der Gastronomen im Sinne eines fairen Ausgleichs werden überhaupt nicht berücksichtigt.
MW: Was heißt das im Detail?
Schneidereit: Die Ware Musik wird zu Wucherpreisen angeboten, gleichzeitig ist der Gastronom im Prinzip zur Abnahme verpflichtet. Die Ergebnisse sind kurios. Das berühmte ehemalige „Salambo“ in Hamburg zum Beispiel war in aller Welt als Strip-Lokal mit Live-Sex-Darbietungen bekannt. Kein Mensch ist dorthin wegen der Musik gegangen, dennoch mußte der Betrieb monatlich 6.000 Mark an die GEMA zahlen. Oder wer geht denn schon ins Restaurant, um Musik zu hören? Hier erhebt ein Zwischenhändler Gebühren für eine aus Sicht vieler Gäste gar nicht gewollte Ware.
MW: Wollen Sie nun Krieg gegen die Musikbranche führen, oder gibt es noch Verhandlungsspielraum?
Schneidereit: Diese Frage allein zeigt schon, wie sehr es die GEMA geschafft hat, einen Gegensatz zwischen Gastronomen, Veranstaltern und Künstlern zu konstruieren. Wir bieten den Künstlern Auftrittsmöglichkeiten, nicht die GEMA. Wir sind deren Partner und suchen den Schulterschluß mit ihnen. Was wir wollen, ist mehr Flexibilität für unsere Betriebe. Was wäre die Szene denn ohne ihre Lokale, wie könnte es eine Popkultur ohne Bars und Treffs geben? Die gesamte Musikbranche sollte wissen, daß wir einen wesentlichen Bereich der kulturellen Infrastruktur ermöglichen und pflegen.
MW: Wie könnte die gewünschte Flexibilität aussehen?
Schneidereit: Wir verlangen die Abschaffung der Gegenseitigkeitsverträge mit territorialer Ausschließlichkeit zwischen Verwertungsgesellschaften. Wettbewerb und freie Marktwirtschaft gelten als Gütesiegel der Bundesrepublik, ein gleiches und faires Recht für alle sollte für unser Land die Mitgift für das vereinte Europa sein. Außerdem müssen wir runter von der starren Formel, laut der Quadratmeterzahl und Anzahl der Plätze eines Lokals Grundlage der GEMA-Gebührenordnung bilden. Saisonale Schwankungen, unterschiedliche Qualitäten des gastronomischen Angebots und sonstige individuelle Faktoren müssen berücksichtigt werden. GEMA und Gesetzgeber sollten endlich die außergewöhnliche Leistung unserer Branche, die mehr Menschen Arbeit gibt als die Automobilindustrie, vernünftig honorieren.






