“Wir haben in Deutschland auf der Musikhandelsseite den kompetitivsten Markt der Welt“, stellt Wolfgang Orthmayr fest. „Der HAMM konstituierte sich, weil wir alle mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben. Und ein Teil dieser Probleme ist existenzieller Natur.“ Zu den Problemen zählt laut Orthmayr die Verfügbarkeit von CDs: „Wir haben derzeit in den Ballungszentren eine Flächenüberversorgung mit Musik. Auf diesen Zug sind zu viele aufgesprungen, die zwar teils schlechte Musikabteilungen bieten, dabei aber billig sind. Wenn der Kunde Vielfalt und Kompetenz im Umgang mit diesem Produkt will, dann muss er das auch honorieren.“
Orthmayr führt aus, dass zwar viele Verbraucher den Service und die Qualität des Fachhandels schätzen würden, aber gleichzeitig nicht bereit seien, dessen Preise zu zahlen: „Der Einzelhandel darf nicht nachlassen, dieses Problem gegenüber dem Endverbraucher zu kommunizieren.“ Im Tagesgeschäft hat der deutsche Tonträgerhandel mit knappen Margen zu kämpfen: „Das Marketingverhalten einiger Mitbewerber suggeriert dem Kunden eine Preiswelt, die wirtschaftlich nicht darstellbar ist. Thomas M. Stein haben vor längerer Zeit viele für verrückt erklärt, als er den Preis von 50 Mark für die CD forderte. Ich war damals der einzige, der ihm applaudierte, weil er recht hatte und sich traute, es laut zu sagen.“ Orthmayr appelliert: „Diese Probleme lassen sich nur dadurch lösen, dass auf der Handelsseite wieder mehr wirtschaftliche Vernunft zum Tragen kommt.“
Aufgrund der angespannten Lage rechnet Orthmayr mit einer baldigen Marktbereinigung: „Es wird sich innerhalb der nächsten zwei Jahre klären, ob das Musikgeschäft als Pure-Play-Handel noch eine Chance hat. Honoriert der Kunde die Existenz der Fachgeschäfte oder ist er zufrieden mit einem Charts-Rack? Noch viel stärker stellt sich diese Frage auch auf Seiten unserer Lieferanten.“ Außerdem betont der Verbandschef ein inhaltliches Problem: „Wir haben nicht zu viel Zlatko, sondern zu wenig Bob Dylan. Die kurzlebige Entertainment-Musik gehört mit dazu, aber wir haben es nicht geschafft, neue Musik mit Substanz zu fördern.“
Orthmayr will mit dem HAMM „die Sprachlosigkeit zwischen den verschiedenen Handelsformen aufbrechen und erkannte Probleme gemeinsam angehen“. Die künftigen Aufgaben seien vielfältig: „Unsere Anliegen richten sich an den Bundesverband Phono, an den Endverbraucher und an die Politik.“ In diesem Zusammenhang nennt er die Verkäufe unter dem Einstandspreis als ein Beispiel: „Die sind in Deutschland an sich verboten, werden aber doch toleriert. Deshalb wäre eine Straffung auf rechtlicher Seite hilfreich. Außerdem fordern wir im Bereich der Urheberrechte griffigere Gesetze. Heute kostet eine private Vervielfältigung unseren Finanzminister rund 4,50 Mark Steuerausfall, und das muss ihm jetzt gesagt werden.“
Als weitere Beispiele nennt Orthmayr Parallelimporte oder die Hindernisse beim Verkauf von DVDs mit dem Regionalcode eins: „Hier zieht der Gesetzgeber in einer globalisierten Welt Zäune, die da nicht mehr hingehören. Diese Dinge zu sammeln, zu formulieren und koordiniert zu adressieren, darin sehen wir unsere Aufgabe.“
Um die gesteckten Ziele zu erreichen, will der HAMM stärker in die Öffentlichkeit gehen: „Es soll ein paar Neuerungen geben, so zum Beispiel eine eigene Verbandsstatistik, die wir nicht nur erstellen, sondern auch publizieren wollen. Es wird künftig nicht nur eine Jahreshauptversammlung geben, sondern vier. Und zwischenzeitlich agieren unsere Arbeitskreise. Es gibt eine AG Charts, die AG Online, die AG Markt und die AG Neue Medien soll es auch bald geben.“
Orthmayr fasst zusammen: „Die Rechteinhaber und die Plattenfirmen müssen sich entscheiden, was für eine Art von Handelslandschaft sie wollen und diese auch kreativ fördern. Allen Beteiligten muss klar sein, dass wir den Ast absägen, auf dem wir sitzen, wenn wir so weitermachen wie heute. Aber das schaffen wir nur mit einer gemeinsamen Anstrengung. Außerdem müssen wir dem Endverbraucher beibringen, dass er mit einer CD das künstlerische und geistige Eigentum eines Menschen erwirbt und nicht ein Päckchen Margarine. Wir müssen Aufklärungsarbeit leisten und den Kunden wieder beibringen, dass eine CD mehr ist als ein wenig Polycarbonat, Papier und Farbe.‘





