Insgesamt wurden im Handel und im Clubgeschäft 120,4 Millionen CDs, Singles, LPs, MCs und MDs verkauft. Im vergleichbaren Vorjahreszeitraum waren es 116,3 Millionen Stück. Der Bundesverband zeigt sich sehr zuversichtlich: Er schätzt das Wachstumspotenzial der Branche noch höher ein, es würde aber zur Zeit vor allem von zwei Faktoren gebremst. Zum einen das immer noch zunehmende illegale CD-Brennen und die Internet-Piraterie, zum anderen die noch ausbleibenden Impulse durch Online-Mailorder und digitale Downloads, aber auch durch neue Trägermedien wie die SACD. Außerdem würde die Musik in einem immer härter werdenden Kampf mit anderen Entertainment-Produkten um das Zeit- und Medienbudget der Konsumenten stehen. Der Bundesverband führt den Aufschwung vor allem auf attraktives Repertoire, das heisst Künstler und Bands wie Santana, HIM, Metallica, Tom Jones, Celine Dion, Die Toten Hosen, A*Teens, AC/DC, The Corrs und Buena Vista Social Club zurück, die mit ihren Alben große Verkaufserfolge feierten.
Auf dem Single-Markt waren Santana („Maria“) und Zlatko („Ich vermiss‘ dich… (wie die Hölle)“) die Top-Seller. Den Platz an der Sonne auf dem Compilation-Sektor nehmen die Bravo Hits und „Pokémon – Schnapp‘ sie dir alle!“ ein. Der Anteil der deutschsprachigen Produktionen in den Charts sank allerdings angesichts starker ausländischer Konkurrenz auf 42,1 Prozent bei den Singles und 15,8 Prozent bei den Alben. Im ersten Halbjahr 1999 lag der Prozentanteil dagegen noch bei 47,2 Prozent beziehungsweise 27,6 Prozent. Ein Blick auf die Tonträger-Formate zeigt, dass die CD ihre dominierende Rolle auf dem Markt noch weiter ausbauen konnte: Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gingen 5,5 Prozent mehr CDs über den Ladentisch, insgesamt waren es 84,5 Millionen Stück. Rückgrat des Aufschwungs bei den CDs sind vor allem das Full-Price und das Mid-Price-Segment: In ersterem zeichnete sich ein Plus von 6,2 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum ab, bei Mid-Price waren es sogar 28 Prozent Plus.
Ein Minus müssen dagegen die TV-beworbenen Kompilationen einfahren: Verkauften sich in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres noch 17,7 Millionen Einheiten, sind es dieses Jahr nur 16,8 Millionen Stück, was ein Minus von 5,6 Prozent bedeutet. Der Bundesverband führt als einen der möglichen Gründe für das Minus an, dass diese Kompilations am härtesten von der CD-Brennerei betroffen wären. Dies belege auch eine Studie des Marktforschungsinsituts GfK. Auf einem stabilen Niveu blieb die kleine Schwester der CD, die Single. Sie erkaufte sich 26,5 Millionen Mal (-0,4 Prozent). Die MusiCassette verlor entsprechend dem Trend der vergangenen Jahre weiter an Boden: Im Vergleich zum ersten Halbjahr 1999 wurden 9 Millionen Stück abgesetzt, ein Minus von 3,2 Prozent. Für MiniDisc und LP konstatiert der Bundesverband in seiner Pressemitteilung, dass sie zwar „als weitere Tonträger den Markt bereichern“, allerdings nur „geringe wirtschaftliche Bedeutung“ besitzen. Die mit am Abstand wichtigste Verkaufsstätte für die Tonträgerindustrie ist laut dem Bundesverband Phono immer noch der stationäre Tonträgerhandel. 93 von 100 Tonträger wechseln über diese Läden den Besitzer. In absoluten Zahlen betrachtet stieg die Anzahl der verkauften Tonträger von 108,5 Millionen Einheiten im ersten Halbjahr 1999 auf 112,5 Millionen Stück (plus 3,2 Prozent).
Der Anteil der außerhalb des klassischen Handels verkauften Tonträger stieg von 2,1 auf 2,4 Millionen Mark. Das Geschäft im Clubsegment war leicht rückläufig und reduzierte sich um 200.000 Exemplare auf 5,5 Millionen Einheiten. Für das zweite Halbjahr 2000 erwartet der Bundesverband Kaufimpulse durch „vielversprechende Neu-Veröffentlichungen“ und „durch die weitere Entwicklung im Internet, die unter anderem mit den ersten Download-Angeboten der Musikindustrie aufwartet“.
Das Tal der Tränen könnte nun vielleicht hinter der Musikindustrie liegen. Nach zwei Jahren der Stagnation und gar der Einbußen zeigt die Wachstumskurve wieder leicht nach oben. Für viele Beobachter ein gutes Zeichen, dass es um den Tontrrägermarkt in Deutschland doch nicht so schlecht bestellt ist, wie manche Schwarzseher in den letzten Monaten prophezeit hatten. Doch es mengen sich auch kritische Stimmen unter den Jubel. Jochen Leuschner, Managing Director & Senior Vice President Sony Music Entertainment (Germany), ist „weit davon entfernt, die Champagnerflaschen zu entkorken“. Dazu gäben die Zahlen des Bunderverbands Phono noch keinen Anlass. Leuschner spricht aus, was angesichts der Freude über ein Plus von 3,5 Prozent bisweilen in den Hintergrund rückt: „Die Crux ist, dass die Werte des Bunderverbands reine Shipment-Zahlen sind. Ich hoffe, dass ein Teil des Plus auch tatsächlich abverkauft wird und für eine Erholung des Markts sorgt.“ Doch trotz aller anfänglicher Vorbehalte, die die Musikindustrie zuerst gegenüber neuen Medien und Distributionsformen zu haben schien, setzt gesamte Branche auf das Zuwachspotenzial des Online-Vertriebs.






