Gespräch mit Frank Stroebele: Ein Schwabe in „Cool Britannia“

Mit dem wachsenden Erfolg deutscher Produkte quer durch Europa eröffnen sich auch neue Karrierechancen für deutsche Executives im europäischen Ausland. MUSIKWoche sprach mit Frank Stroebele über das Leben und Arbeiten in einem europäischen Headquarter.

MUSIKWoche: Warum geht man als Deutscher in die Europa Zentrale von Sony Music nach London? Überwiegen die privaten oder die beruflichen Motive?

Frank Stroebele: London ist die Hauptstadt der europäischen Jugend. 1978 war ich als Austauschschüler zum ersten Mal in London, das damals angestaubt, arm und ungastlich war. Inzwischen hat sich vieles verändert. London ist heute ein kultureller Anziehungspunkt, der vielleicht nur noch mit New York vergleichbar ist. Von den sieben Millionen Einwohnern sind über 1,5 Millionen Ausländer, dazu kommen über 20 Millionen Besucher pro Jahr. Die Stadt und ihre Szene brauchen ständig neue Trends, um ihr junges Publikum zu unterhalten – das macht das Leben hier spannend. Aus beruflicher Sicht ist es ähnlich. Die neue Internationalität der Musikbranche ist das Fazinierende. War es vor zehn Jahren noch die Hauptaufgabe einer International Division, U.S.- und U.K.-Repertoire erfolgreich in alle Welt zu vermarkten, so hat heute europäisches und lateinamerikanisches Repertoire weltweit enorm an Bedeutung gewonnen. Ausserdem lassen viele U.S. Labels in Europa wie produzieren. Dieser Trend wird sich mit Sicherheit fortsetzten und ist eine grosse Chance für die europäische Musikindustrie

MW: Entwickelt man durch die Auslandserfahrung ein anderes Verständnis für den Job?

Stroebele: Ein Drittel meiner beruflichen Karriere habe ich bereits in Holland und in England verbracht. Während dieser Zeit habe ich wichtige Erfahrungen gesammelt, die ich jetzt umsetzen kann. Manche Kollegen haben mich gefragt, ob es befriedigt bei International zu arbeiten, man sei doch so weit vom Erfolg in einem bestimmten Land entfernt. Ich sehe das anders: Mit den Bomfunk MCs aus Finnland z.B. hat man das Erfolgserlebnis siebenmal: innerhalb von 10 Monaten Nummer Eins in sieben Ländern mit dem selben Act. Die Bomfunk MCs hatten bis vor kurzem kein Management, insofern haben wir sämtliche internationale Aktivitäten direkt mit den Künstlern abgesprochen. Macy Gray und Anastacia haben wir in Europa vor den U.S.A. gebreakt. Um das zu tun, muss man sehr eng mit dem Management, dem Künstler und den Kollegen in den U.S.A. zusammenarbeiten.

MW:Welche Fäihgkeiten muss ein Deutscher haben, um als Vice President International erfolgreich zu sein?

Stroebele: Als Deutscher hat man sehr gute Vorraussetzungen, um international erfolgreich zu arbeiten, schliesslich hat man detallierte Kenntis vom zweitgrössten Markt in Europa. Jeder Manager will Erfolg in Deutschland mit seinem Act haben. Erstaunlicher Weise ist der deutsche Markt vielen internationalen Kollegen relativ unbekannt. Man muss in der Lage sein, internationales Hitpotential zu erkennen, egal in welcher Sprache der Song geschrieben ist. Daneben sind es Einfühlungsvermögen und diplomatisches Gefühl, sowie Marketingerfahrung aus verschiedenen europäischen Schlüsselmärkten, wie z.B. Deutschland und Holland. Englisch ist heute selbstverständlich, aber jede weitere Fremdsprache macht es einfacher, die unterschiedichen Mentalitäten zu begreifen. Darüberhinaus muss man bereit sein, viel zu reisen, um vor Ort die Zusammenhänge der Märkte zu verstehen und Managern und Künstlern erklären zu können, warum es so lange dauert und es so anstrengend ist, Europa zu erobern. Speziell bei europäischem Repertoire muss man die Kollegen überzeugen, denn es ist zunächst für viele unverständlich, warum der deutsche V.P.vom Headquarter in London ständig über einen Act aus Finnland redet. Auch wenn er dort 100.000 CDs verkauft hat – Finnland ist für viele „so ganz anders und so weit weg.“ Ich habe mir deshalb ein internationales Mitarbeiterteam aufgebaut, um schon in meiner Abteilung die Vielfalt Europas repräsentiert zu haben.

MW: Was sind die Schwerpunkte der Arbeit?

Stroebele: Die Affiliates brauchen in London keinen, der zweimal pro Woche anruft und sich beschwert, warum eine bestimmte Single noch immer nicht in den Charts ist. Unsere Aufgabe ist es, einen umfassenden Service zu bieten, der es den Marketing Directors in den jeweiligen Ländern ermöglicht, eine funktionierende Kampagne für einen Künstler zu planen und umzusetzen. In der Praxis muss ich mit meinem Team sicherstellen, dass die Tools wie Videos, Mixes und Künstler-Verfügbarkeit termingerecht bereit sind. Wir sind dazu in ständigem Kontakt mit den Repertoire-Eignern, den Managern und den Affiliates.

MW: Vollzieht sich dieser Kontakt auch vor Ort?

Stroebele: Ich verstehe meine Aufgabe auf keinen Fall als Schreibtischjob. Ca.ein Drittel meiner Arbeitszeit reise ich innerhalb von Europa. Nur vor Ort kann man wirklich beurteilen, wie ein Künstler bei einem Promotion Event ankommt und wie die Kollegen im Ausland arbeiten. Mit der Zeit versteht man deren Bedürfnisse und kann im Vorfeld Fehler in der Planung vermeiden. Neben diesen organisatorischen und marketingbezogenen Tätigkeiten versuche ich ein Vertrauensverhältnis zum Künstler und seinem Management aufzubauen. Man man muss einen Künstler und seine Vorstellungen genau kennen, um ihm in der internationalen Vermarktung gerecht zu werden. Viele Managements junger Künstler haben nur geringe oder überhaupt keine internationale Erfahrung, deshalb ist es extrem wichtig die Aktivitäten mit gegenseitiger Abstimmung zu planen. Manch genialer Künstler ist nicht in der Lage einen vierwöchigen Promotion Trip durch Europa durchzustehen und am Tag acht Stunden Interviews zu geben. Diese menschliche Komponente zu verstehen, ist einer der wesentlichen Unterschiede zu der Arbeitsweise in anderen Branchen.

MW: Was ist der schönste Aspekt an der internationalen Arbeit?

Stroebele: Der schönste Teil meiner Arbeit ist es, aus dem weltweitem Repertoire von Sony Music die Acts zu finden, mit denen wir international erfolgreich sein können. Vor 10 Jahren ging es erst einmal darum, Künstler aus U.S.A. und England international erfolgreich zu vermarketen. Das hat sich total geändert! Erstens kann man durch die digitale Revolution in den Studios jetzt überall gute Produktionen aufnehmen. Wichtiger aber ist, dass die Kreativen in Europa aus dem Schatten der anglo-amerkanischen Kultur getreten sind und heute sehr erfolgreich für Europa, Japan und den amerikanischen Markt produzieren. Diese Entwicklung ist aber nicht auf die Musikbranche begrenzt – in vielen anderen Bereichen wie Design, Mode, oder Kommunikation, ist Europa wieder „cool“, und dabei sind die Skandinavier die Speerspitze.

MW: Wie breakt man europäische Acts innerhalb Europas?

Stroebele: „Be Open Minded“ – Hits können heute von überall her kommen. Die erste Hürde ist nach wie vor der lokale Erfolg, sonst wird man nicht ernst genommen. Die interne Präsentation eines Acts, den man europaweit vermarkten will, ist sehr wichtig, denn man muss erst einmal die Kollegen in den verschiedenen Ländern überzeugen. Man muss sich mit den Schlüsselmärkten auf einen Artist Development Plan einigen, um sicher zu gehen, dass man ein wirkliches Commitment hat. Bei Newcomer-Acts dauert es bis zu sechs Monaten und länger, bis ein Hit innerhalb Europas Erfolg hat. Die Bomfunk MCs haben fünf Monate gebraucht, um den Crossover von Finnland in die anderen nordischen Märkte zu schaffen. Und bis England „Freestyler“ an die Spitze brachte, dauerte es weitere fünf Monate. Promotion-Tours mit neuen Künstlern sind extrem wichtig, da man ansonsten ausschiesslich auf Radio oder Video Play angewiesen ist. Holland, Belgien, Norwegen, Schweden und die Schweiz sind häufig Märkte, die eine Vorreiterrolle spielen können. Dass die Bomfunk MCs aus Finland in ganz Europa Erfolg haben würden, wurde mir klar, als das Video zu Freestyler in Schweden von Z-TV gespielt wurde und die Single innerhalb von vier Wochen unter die Top-five kam. Wir haben dann jede Woche einen Report an die europäischen Marketing Directors verschickt mit den Facts, wie sich „Freestyler“ in der Region entwickelt. Dadurch ist jedem klar geworden, wie sich dieser Hit aufbaut und jeder wollte Teil am Erfolg haben.

MW: Was sind aus pan-europäischer Sicht die grössten Herausforderungen an die Musikbranche?

Stroebele: Wir müssen flexibel und positiv auf die neuen Medien reagieren. Das Internet und die Möglichkeit, unsere Produkte online anzubieten, ist mehr Chance als Risiko. Wir leiden zwar momentan unter den Verlusten durch die unkontrollierte und illegale Verbreitung von Musik im Netz, aber es ist doch nur eine Frage der Zeit, bis die technischen und rechtlichen Parameter gegeben sind. Wir müssen dem Konsumenten das bieten, was er will. Also müssen wir neben physischen Tonträgern das „Downloading“ anbieten. Unsere grösste Herrausforderung ist deshalb, in Europa Repertoire zu generieren, das weltweit zum besten gehört. Die digitale Distribution wird am Ende nicht nur die Absätze erhöhen, sie wird auch die Kosten senken und das nicht nur für die grossen Player. Ausserdem bin ich mir sicher, dass das Online-Formatradio ein geeignetes Medium ist, um unbekannte Musik den potentiellen Käufern vorzustellen, genau den Leuten, die sich aus den Top 40 Stationen oder MTV ausgeklinkt haben.

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Zur Person Frank Stroebele Vice President Marketing für Epic bei Sony International in London Geboren am 24. Juni 1962 in Goeppingen Stroebele studierte Internationale Betriebswirtschaft und startete seine Karriere im Musikbiz als Mitglied der Rockgruppe V.I.P., mit der er den ersten Marloboro Music Award gewann. 1987 trat er seinen ersten Job in der Musikbranche als Export Manager bei Intercord in Stuttgart an. Ab 1989 baute er für den holländischen Independent Roadrunner Records die deutsche Niederlassung auf. Er etablierte Underground Acts wie Sepultura, Dog Eat Dog und Type O Negative in den Top-ten und Top-twenty der deutschen Album Charts. 1992 wechselte er in das Headquarter von Roadrunner nach Amsterdam und leitete die europäische Firmenexpansion des Independents. 1994 wurde Stroebele von Heinz Canibol als Marketing Director zu MCA nach Hamburg geholt. Mit seinem Team hatte er Erfolge mit Acts, wie No Doubt, Aqua, Bloodhoundgang, RHP und Sabrina Setlur. Drei Jahre später folgte er einem Angebot von Sony International nach London und leitet seitdem das Marketing von Epic und seinen angeschlossenen Labels in Europa. Stroebele und sein Team planen u.a.die Kampagnen für Bomfunk MCs, Macy Gray, Anastacia, Lara Fabian, Sade, Fatboy Slim und Jennifer Lopez.