Was ist eigentlich los mit dem deutschen Schlager? Eines jedenfalls ist klar: Unzufriedenheit verbreitet sich, weil die Veranstaltungen weniger werden und die Verkaufszahlen abnehmen. Als ob niemand die Rechnung mit dem Publikum machen will. Da wurde getingelt bis zum Umfallen und kräftig Kohle in die eigene Tasche gemacht. Aber kaum jemand investierte Zeit und Geld, Nerven und Zuversicht für Gemeinschaftsprojekte, die nachhaltig der gesamten Szene gedient hätten. Eine seltene Ausnahme bildet da die von Manfred Hertlein veranstaltete Tournee der ‚ZDF Hitparade‘.
‚Nur Strategen, keine kreativen Köpfe‘
Hier konnten sich die Künstler einem Gesamtkonzept anvertrauen und sich dennoch individuell präsentieren. Nicht ohne Nachhall: Michelle kann sich nun auf Solo-Tournee wagen, Mary Roos erobert nicht nur die Spitzenplätze der Deutschen Schlager Charts und in den Diskotheken, sie tourt auch in den Nachbarländern. Und Nino De Angelos neues Album wird so sehnsüchtig erwartet wie selten ein deutscher Longplayer zuvor. Aber was geschieht sonst in der Szene? Da steht plötzlich eine Künstlerin auf Seite eins der Boulevard-Presse, weil sie von einem ‚Messer-Attentäter‘ überfallen wird. Hoffnungsvolle Jungtalente werden abgezogen und in den englischen Pop gesteckt. Ein Volksmusik-Star, der sich privat öffnet, muß ständig vor der Presse rechtfertigen, ob sein Outing Nachteile für die Karriere hat. Und mit einem Mal sind wieder C- und D-Klasse-Künstler unterwegs, die ihre im Keller selbstaufgenommenen und selbstgebrannten CDs an den Mann, sprich an den Moderator bringen. Egal, ob sie Kristina Bach, Luka oder XY heißen: Jeder kämpft wie verrückt ums Überleben – mehr oder minder geschickt. Und wundert sich sehr, wenn das Volk ‚Ö la Palöma Blanca‘ brüllt. Es sind die guten Ideen, die zählen. Oder zumindest die auffälligen. Nur davon gibt es halt wenige, weil niemand sich den Kopf zerbricht. Auch nicht, wie man langfristig Nachwuchs aufbaut und ihn nicht gleich – wehe er funktioniert nicht – mit der ersten Single zurück in die Wüste schickt. Wo sind die Managements, die Horizonte aufbauen und step by step mit jungen Leuten arbeiten möchten? Und was tun die meisten Plattenfirmen schon mehr, als bestehende Sendungen im deutschen Fernsehen nach außen hin zu hofieren (nach innen aber zu lästern), anstatt mit neuen und innovativen Machern auf eine Veränderung in der musikalischen Fernsehlandschaft zu drängen. Deshalb fordere ich mutige Experimente und gemeinsame Investitionen auf beiden Seiten, die nicht allein die Einschaltquoten als Gradmesser des Erfolges sehen, sondern den Künstler konsequent aus verschiedenen Blickwinkeln zeigen. Erst wer all seine Facetten zeigen kann, hat die Chance, sich langfristig zu etablieren und als Persönlichkeit zu wirken. Und nach genau diesen suchen wir doch. Richtig sauer werde ich, wenn ich sehe, wie ein Radiosender in Hamburg mit dem Slogan ‚Bei uns null Prozent Schlager‘ wirbt und sich von einer Musik und von Menschen lossagt, durch die er erst groß geworden ist. Da sind manche Künstler hunderte von Kilometern und ohne Honorar hingefahren, um sich jetzt von Baustellenplakaten totschlagen zu lassen. Es ist verachtend, und nimmt den Spaß, sich auf Diskussionen einzulassen. Und es ist zudem ermüdend, immer nur auf Strategen und Politologen, Wortakrobaten und Jammerlappen zu treffen, aber auf keine kreativen Köpfe. Und wo geht die ‚Hitparade‘ hin? Ist die Show, die ab dem Jahr 2000 auf den Donnerstagabend-Sendeplatz geht, am Samstag gescheitert? Fürs Image konnte uns nicht besseres passieren. Aber es ist schon kurios, daß ‚die‘ angesagte Schlager-Sendung ihre Sendezeit verkürzt und nur noch fünf Neuvorstellungen pro Monat präsentiert. Dem Fußball die Stirn zu bieten, ist zwar eine ehrenvolle Sache, aber letztlich nur ein Kampf gegen Windmühlen. Deshalb kann ich den Wechsel nur begrüßen – und auch die mit Programmchef Viktor Worms vereinbarten Änderungen.
‚Es sind die guten Ideen, die zählen‘
Der Special-Gast fliegt raus, die ‚Stars & Stories‘ verschwinden und werden durch ein jeweils aktuelles und journalistisch interessantes Thema ersetzt. Wichtiger noch: Es gibt mehr Neuvorstellungen, die von einer hauseigenen Gremiensitzung zusammengestellt werden. Die will künftig mehr darauf achten, daß der klassische deutsche Schlager zum Zuge kommt. Eines aber ist vorherzusehen: Wenn wir so weitermachen, bricht spätestens in zwei Jahren die ganze Musikunterhaltung zusammen. Die Zeit der reinen Nummern-Ansager, die allein der Industrie und ihren neuesten Produkten dienen, ist vorbei. Wo bleiben die Ecken und Kanten der Stars, ihre Wurzeln, ihre wahren Vorlieben, ihre Bandbreite? Sie werden immer nur auf ein Lied reduziert. Anders in Italien und besonders in Frankreich: Dort sind im Fernsehen Sessions geboten, in denen es keine Grenzen gibt. Weder geschmackliche noch menschliche. Dort könnten die Wildecker Herzbuben neben einem Udo Jürgens in einer Show stehen und Musik machen, weil es dort nämlich andere verbindende Drähte zwischen den Menschen gibt als die typischen deutschen Eitelkeiten.



