Echo für Fritz Rau

Früher nannten sich besonders eitle Vertreter seiner Zunft „Impresario“. Fritz Rau ist knapp 46 Jahre im Geschäft und zieht nach wie vor die Berufsbezeichnung „Konzertveranstalter“ vor. Und in diesem Metier ist er einmalig. Deshalb erhält er völlig zu Recht einen Echo für sein Lebenswerk.

Die Welt der Konzertveranstalter funktioniert nach anderen Regeln als der Rest der Musikbranche. Fritz Rau zum Beispiel erinnert sich an die Zeit, als er mit seinem Partner Horst Lippmann die Konzertagentur Lippmann & Rau betrieb: „Wir sind völlig unstrategisch vorgegangen. Von Marketing wollten wir einfach gar nichts wissen. Uns haben auch die Hitparaden – falls es die damals schon gegeben hat – nicht interessiert.“

Dafür arbeitete Rau jahrzehntelang 18 Stunden am Tag und sah sich in allererster Linie als Dienstleister: „Wir sind Diener des Publikums an der Seite des Künstlers.“ Und wenn er sich kokett gibt, was er immer mal wieder gern tut, dann nennt er sich deshalb halb scherzhaft, halb bescheiden „Kartenverkäufer“. Denn: „Wir sind die Organisatoren, und da wir ja staatlich nicht subventioniert, sondern besteuert und bei unserer Arbeit mit sonstigen Auflagen belastet werden, müssen wir alles, was die Sache kostet, von den Besuchern in Form von Eintrittskarten erlösen. Und darum besteht unser Hauptziel darin, Eintrittskarten zu verkaufen und volle Säle zu haben, um weiterexistieren zu können.“

Einen vollen Saal hatte Rau gleich mit seinem ersten Konzert, das er am 2. November 1955 mit Albert Mangelsdorff und den Frankfurt All Stars in der Heidelberger Stadthalle veranstaltete. Und schon damals organisierte er das Ereignis nach einem Motto, das auch in seinem weiteren Berufsleben galt: „Vor einem Konzert muss erst einmal das Geld bereitstehen für den Fall, dass alles schief geht. Man kann nicht spekulieren auf dem Rücken von Gläubigern oder gar von Künstlern.“ Also pumpte er sich vorab von einem Kinobesitzer 5000 Mark, die er dem Kinomann nach dem Konzert zusammen mit einem erklecklichen Überschuss gleich wieder zurückzahlen konnte – „und das war der Anfang meines heutigen Lebens“.

Um Mangelsdorff („diese Posaune hat mich beinahe um den Verstand gebracht“) für das Konzert zu gewinnen, trampte Fritz Rau nach Frankfurt („ich hatte gar nicht das Geld, um mit dem Zug zu fahren“), wo er den Posaunisten beim Spazierengehen mit Hund abfing und ihn zur Einwilligung zum Konzert in Heidelberg drängte. Diese Anekdote lässt Rückschlüsse auf die Triebfeder des Konzertveranstalters Fritz Rau zu: Dem ging es nicht in erster Linie ums Geldverdienen und auch nicht darum, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Er begeisterte sich vielmehr für einen Musiker und versuchte diese Begeisterung mit einem möglichst großen Publikum zu teilen. „Ich habe mir eben vorgenommen, möglichst viele Begabungen zu erleben und ihnen den Weg zur Bühne zu zeigen.“

Für die gesunde Bodenhaftung sorgte dabei sicher auch seine juristische Ausbildung: Er studierte Jura in Heidelberg, machte sein Staatsexamen und wurde in Rheinland-Pfalz Rechtsassessor. Aber schon während des Studiums arbeitete er als Tourneeleiter – zunächst für den amerikanischen Impresario Norman Granz, wodurch er Künstler wie Ella Fitzgerald, Duke Ellington oder Count Basie kennenlernte, später dann für Horst Lippmann, in dem er sein Vorbild sah.

Lippmann hatte 1953 in Frankfurt das erste Deutsche Jazz Festival veranstaltet. Es ging im Althoff-Bau über die Bühne, einem Zirkusfestbau. „Da war ein Fassungsvermögen von 1650 Leuten, und wenn“s voll war, war“s voll“, erinnerte sich Lippmann später. „Mein Partner Fritz Rau kam von Heidelberg hochgetrampt und dachte, er käme rein, nur weil er aus Heidelberg kommt. Ich habe ihn eigenhändig rausgeschmissen. Das war unsere erste Begegnung.“ Später förderten die beiden auch den musikalischen Nachwuchs: So nennt das Programmheft des zweiten Deutschen Amateur-Jazz-Festivals von 1956 unter anderem folgende Jurymitglieder: Joachim-Ernst Behrendt, Albert Mangelsdorff, Horst Lippmann, Fritz Rau.

In die Geschichte gingen Lippman & Rau mit dem „American Folk Blues Festival“ (AFBF) ein, das sie erstmals 1962 veranstalteten und mit dem sie denBlues nach Europa holten. Bis 1972 war dieses Konzept so erfolgreich, dass es den gesamten europäischen Markt für den Blues erschloss und Musikern wie John Lee Hooker, Memphis Slim, Buddy Guy oder Sonny Boy Williamson zur längst verdienten Anerkennung verhalf. Lippmann & Rau schickten das AFBF auch in England auf Tournee, wo es viele junge weiße Musiker ermutigte, sich von der Skiffle-Welle der Fünfzigerjahre abzuwenden und hin zum Rhythm & Blues zu orientieren – unter ihnen Eric Burdon, die Animals, Eric Clapton, die Yardbirds, Alexis Korner und die Rolling Stones. Kein Wunder, dass sich viele dieser Musiker Jahre später unter die Fittiche der Konzertagentur Lippmann & Rau begaben, wenn es darum ging, ihre Tourneen in Deutschland zu organisieren, und dass sie mit Fritz Rau bis auf den heutigen Tag freundschaftlich verbunden sind.

Mick Jagger und die Stones, so Rau, rufen nach wie vor jedes Jahr am 9. März an, um ihm zum Geburtstag zu gratulieren, auch wenn er die letzte Stones-Tournee nicht mehr machen wollte und konnte. Am 9. März 2000 dürfte der Kreis der Gratulanten besonders groß gewesen sein, denn da feierte Fritz Rau seinen Siebzigsten, während am gleichen Abend die Echos in Hamburg verliehen wurden. So erscheint es nur angemessen und sinnvoll, dass der Echo fürs Lebenswerk ein Jahr nach dem runden Geburtstag überreicht wird. Und dieses Lebenswerk hat beileibe nicht nur deutschen oder europäischen Stellenwert. Denn einen vergleichbar prägenden Einfluss auf die Entwicklung der Rockmusik hatte allenfalls auf der anderen Seite des Atlantik Bill Graham, der in der zweiten Hälfte der Sechziger mit seinen Auditorien Fillmore East (New York) und Fillmore West (San Francisco) der aufblühenden amerikanischen Rockszene zum Durchbruch verhalf.

Wenn es einen würdigen Empfänger für den Lebenswerk-Echo gibt, dann ist dies ohne Zweifel Fritz Rau. Denn er hat sich immer voll und ganz für die Musiker und ihre Musik eingesetzt. Selbst auf die Gefahr hin, dass die eigene Familie zu kurz kam: „Ich hab“ nicht erkannt, dass das Privatleben genauso geplant werden muss wie eine Tournee“, verriet er 1988 dem „Stern“. „Die Familie ist zumindest eine mittelgroße Tournee.“ Und selbst unter Risikoeinsatz von Leib und Leben: Nach einem Herzinfarkt erhielt er 1995 sechs Bypässe.

Fritz Rau verkörpert das Konzertgeschäft wie kein anderer, und es wird wohl auch keinen anderen wie ihn mehr geben. Denn zu Beginn des 21. Jahrhunderts werden Tourneen von börsennotierten Aktiengesellschaften veranstaltet und nicht von Menschen wie Fritz Rau, der sich auch schon mal mit der Tournee der „Grünen Raupe“ 1983 für den Wahlkampf der Grünen einsetzte oder der immer wieder dem Nachwuchs bei Wettbewerben auf die Sprünge hilft. Für Al Jarreau ist Rau deshalb schlicht und einfach „everybody“s papa“. Damit hat er recht.