Trotz aller positiven Ansätze gibt es aber in der Schlager- und Volksmusikszene noch viele Problemfelder, die einen weiteren Aufwärtstrend zumindest im Moment noch abbremsen, auch wenn der längst fällige Umbruch unübersehbar begonnen hat. „Schlager erlebt derzeit in der Tat einen Boom“, erklärt Jack White, Geschäftsführer von Gloriella Music. „Der Markt hat genug Platz dafür, wenn der richtige Song kommt. Das haben DJ Ötzi und Nik P. zuletzt mit ihrem,Stern‘ ja bewiesen. Und mir kann keiner erzählen, dass nur Andrea Berg im deutschen Schlager allein alles abräumen kann. Auch wenn mich natürlich nur meine eigenen Künstler interessieren, belegen diese beiden Bespiele, dass hier eine große Fanschar vorhanden ist. Man muss doch darüber nachdenken, warum bei den Nebel- und Silbereisen-Shows regelmäßig um die sechs Millionen Leute zuschauen. Es besteht also ein Bedarf an dieser Musik.“ Und der wird zunehmend auch von neuen Künstlern wie zum Beispiel Michael Wendler abgedeckt, der als selbsternannter „König des Pop-Schlagers“ selbstbewusst von sich behauptet, den Schlager neu definiert zu haben. Ein wenig frischer Wind tut der Szene, da sind sich fast alle Branchenkenner einig, sehr gut. Neben etablierten Künstlern wie Howard Carpendale, Andrea Berg oder den Amigos, deren Absatzzahlen sich auf Augenhöhe mit internationalen Popstars befinden, drängen jede Menge talentierter Newcomer in den Markt. Wer sich auf lange Sicht durchsetzen wird, steht auf einem anderen Blatt, aber das über Jahrzehnte festgefügte Bild des verstaubten Schlagers beginnt an vielen Stellen immer stärker zu wackeln. Die Schlager- und Volksmusikszene wird zwar immer noch von vielen mitleidig als rückständig belächelt, doch die Tatsachen sprechen eine ganz andere und viel deutlichere Sprache. So veröffentlichte zum Beispiel Anfang des Jahres Ulrike Altig, Geschäftsführerin von Media Control, Absatzzahlen, die aufhorchen lassen. Die Zahl der verkauften Tonträger im Schlagersegment hat sich 2007 um 40,3 Prozent erhöht. Und auch bei den Liveaktivitäten häuften sich in letzter Zeit die Erfolgsmeldungen. Sowohl die „Musikantenstadl“-Tournee mit insgesamt 73.000 Zuschauern, bei der Künstler wie Stefanie Hertel, Stefan Mross oder Patrick Lindner auftraten, als auch das „Frühlingsfest der Volksmusik“ mit Acts wie DJ Ötzi und Maria und Margot Hellwig mit bereits 115.000 verkauften Karten meldeten Rekordzahlen. Ebenfalls sehr zufrieden mit der 75-prozentigen Auslastung der von ihm gebuchten „Herz auf Herz“-Tournee von Hansi Hinterseer äußerte sich Ossy Hoppe von Wizard Promotion. Auch Karl Krajic, Geschäftsführer von MCP, zeigt sich über die positive Resonanz auf die über 80 Termine umfassende Solotournee der Amigos hocherfreut: „Die Konzerte sind fast alle ausverkauft und das bei einer Hallengröße zwischen 1200 und 3000 Besuchern. Das ist schon sehr ungewöhnlich.“ Auch das Klischee, dass nur alte Leute und Rentner solche Shows besuchen, ist längst nicht mehr haltbar. „Es ist völliger Quatsch, wenn es heißt, Schlager sei nur etwas für alte Leute“, erklärt Karl-Heinz Schweter, Geschäftsführer der Schweter Veranstaltungsgesellschaft. „Das beweisen unsere Veranstaltungen.“ Das negative Image der Schlager- und Volksmusikszene, das von vielen Medien noch immer mit erstaunlicher Hingabe gepflegt wird, trägt sicher dazu bei, dass sich Veränderungen nur langsam durchsetzen. „Der Schlager wird in eine Schublade gesteckt, in die er gar nicht reingehört,“ so Manfred Schulte, Geschäftsführer der Agentur Marketing-Service, die zusammen mit der Schweter Veranstaltungsgesellschaft seit 1996 die „Großen Schlager-Starparaden“ ausrichtet. „Ein Teil des schlechten Images wird durch bestimmte Medien gefördert, die immer nur auf den Negativ-Erscheinungen rumhacken oder sich über seichte Texte lustig machen. Ich habe zwar manchmal auch ein Problem mit einigen Texten, aber gleichzeitig fällt mir auf, dass die wirklich guten Texte, die es natürlich auch im Schlager gibt, nie erwähnt werden.“ Um aus dieser Imagefalle auszubrechen, braucht es wahrscheinlich mehr selbstbewusste Künstlertypen wie Michael Wendler, die sich ständig selbst promoten und die alten Klischees, mit denen man die Schlager- und Volksmusikszene immer noch so gern überzieht, schnell in Vergessenheit geraten lassen. „Gerade bei vielen jungen Leuten genießen alte Songs von Marianne Rosenberg oder Jürgen Marcus doch längst Kultstatus“, hat Jack White erkannt. Und genau darauf lässt sich für die Zukunft aufbauen. Mit den richtigen Marketingstrategien, die das Moderne und Zeitgemäße vieler Schlager- und Volksmusikproduktionen herausstellen, wird sich auch das Image weiter positiv verändern. Schlagerstars wie Michael Wendler oder DJ Ötzi sind nur die Spitze des Eisbergs. Die Experten sind sicher: Auch wenn es im Moment noch an weiteren vielversprechenden Talenten mangelt – es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich diese Situation grundlegend zum Positiven wandelt.
Dossier: Schlager & Volksmusik – Auf die sanfte Tour
Zu Überschwang besteht zwar nach wie vor keinerlei Anlass, aber die Schlager- und Volksmusikbranche steht eindeutig besser und stabiler da, als der Gesamtmarkt. Vor allem das Livegeschäft läuft mehr als zufriedenstellend und auch bei den Tonträgerumsätzen konnte man sich 2007 vom negativen Markttrend ein Stück weit abkoppeln.





