Dossier: Quo vadis, GEMA?

Mit der Berufung von Dr. Harald Heker zum Vorstandsvorsitzenden signalisierte die GEMA vor zwei Jahren, dass sie sich verjüngen und den Herausforderungen der Zukunft stellen will. Mit der Bestellung von Henrik Hörning zum Marketingchef und dem Ausbau der Marketingabteilung von vier auf zwölf Personen setzte Heker deutliche Prioritäten. Seit dem abrupten Abgang von Hörning am 31. Mai stellt sich die Frage, ob er gut beraten war. Und man fragt sich, wie es nun weitergehen soll.

Fahrstuhlfahren im Gebäude der GEMA am Rosenheimer Platz in München bescherte Besuchern der Verwertungsgesellschaft bis vor einiger Zeit ein besonderes Aha-Erlebnis. In den Lifts hingen Plakate mit dem Mission Statement der GEMA, das „die Fragen, was die GEMA ist, was sie macht und wofür sie steht“ beantworten soll. Es ging um nicht mehr und nicht weniger als um „Leitbild und Vision der GEMA“. Da war dann zum Beispiel zu lesen: „Unsere Unternehmenskultur ist geprägt durch respektvollen und offenen Umgang untereinander, durch Wissen und Erfahrung sowie durch Förderung von Eigenverantwortung.“ Hehre Worte fürwahr. Angesichts des Sachverhalts, dass sich die neue GEMA-Spitze schon bald vom langjährigen Kommunikationschef Dr. Hans Herwig Geyer trennte, wirkten solche Formulierungen allerdings doch eher wie ein wohlfeiles Lippenbekenntnis. Die Art und Weise, wie sich die GEMA in der Personalie Geyer (und leider auch anderen Mitarbeitern gegenüber) verhielt, lässt allerdings Zweifel aufkommen, dass sie ihr eigenes Leitbild auch praktiziert. Denn von „respektvollem und offenem Umgang untereinander“ kann wohl kaum die Rede sein, wenn die neue GEMA-Führung den Leiter ihrer eigenen Öffentlichkeitsarbeit nicht in ihre Überlegungen zur Neugestaltung und -orientierung einbezieht, während sie per Stellenanzeige schon mal einen Nachfolger sucht. So etwas ist nicht nur schlechter Stil, sondern es endet in der Regel auch in einem Prozess vor dem Arbeitsgericht. Und die Causa Geyer blieb kein Einzelfall: Auch andere bewährte Mitarbeiter wurden vom Informationsfluss der neuen Marketingkader ausgeschlossen, fühlten sich gemobbt, isoliert oder in die Untätigkeit abgeschoben; mindestens ein weiterer Prozesse läuft. Oft genug hörte man in den vergangenen eineinhalb Jahren hinter vorgehaltener Hand, in den Fluren der GEMA herrsche Angst und Unsicherheit und – so darf man schließen – auch eine gehörige Portion Enttäuschung und Wut. Als „Vision“ der GEMA steht unter anderem folgender Satz im Mission Statement: „Wir sind mitglieder- und kundenorientiert. Wir handeln schnell und flexibel; dabei arbeiten wir vertrauensvoll, leistungsbezogen und in Teamstrukturen zusammen.“ Wer meint, solche Sätze drucken und auf Plakaten aushängen zu müssen, der entzieht ihnen von vornherein den Boden; Teamarbeit entsteht nicht per Deklamation. Wäre es anders, hätte die DDR, der einstige Weltmeister im Sprücheklopfen, schon längst einen historischen Sieg errungen. So viel zum Grundsätzlichen. Die Plakate mit „Leitbild und Vision der GEMA“ sind mittlerweile abgehängt, und seit dem 31. Mai ist auch Marketingdirektor Henrik Hörning nicht mehr bei der GEMA. Knapp vier Wochen vor der jährlichen Mitgliederversammlung am 23. bis 25. Juni in Berlin stellte der Aufsichtsrat der GEMA die Weichen neu. Hörning musste Knall auf Fall die Verwertungsgesellschaft verlassen; seine Aufgaben übernimmt kommissarisch die Kommunikations- und PR-Leiterin Bettina Müller. Der Aufsichtsrat trennt sich recht abrupt – aber angesichts der vertanen Zeit und Chancen dennoch viel zu spät – sechs Monate vor dem Ende seines Zweijahresvertrags von Henrik Hörning (40). „Seit 2005 hat Henrik Hörning, anfangs als externer Berater und seit 2006 als Direktor Marketing, das Marketing bei der GEMA entscheidend mit aufgebaut. Der Vorstand und Henrik Hörning trennen sich in vertrauensvollem Einvernehmen. Wir wünschen Herrn Hörning für seinen weiteren beruflichen Werdegang viel Erfolg und danken ihm für die geleistete Arbeit“, so das Abschiedsstatement von Dr. Harald Heker, Vorstandsvorsitzender der GEMA. Theo Geißler von der „nmz“ schreibt in diesem Zusammenhang: „Hörning galt als enger Vertrauter des Vorstandsvorsitzenden Harald Heker. Insofern ist diese Trennung auch als erste schwere erkennbare Niederlage Hekers zu werten.“ Und er fragt: „Folgt ein Kurswechsel in Richtung Seriosität?“ Gute Frage. Mit Kampagnen wie „Schütze deinen Star“, die im Frühjahr 2007 zusammen mit dem Urheber-Fachblatt „Bravo“ startete, dürfte sich die GEMA jedenfalls auf dem falschen Kurs bewegen. „Die Botschaft lautet: Mit legalen Downloads schützt du deinen Star“, erläuterte Henrik Hörning damals. Ach, wäre es doch wirklich so einfach. Auch kleine Baumkuchentörtchen bei Preisverleihungen wie Echo und LEA, ein flotter neuer Internetauftritt mit Allerweltsagenturbildern und die Aufwertung der Marketingabteilung – so sieht, pars pro toto betrachtet, die Marketingbilanz der GEMA nach eineinhalb Jahren neuer Führung aus – dürften nicht reichen. Oder wie es die „neue musikzeitung“ auf ihrer Website formuliert: „Teure Repräsentation und wenig substanzielle Ideen. Es scheint, als hätten die Aufsichtsräte eine kraftlose, energieverzehrende Windmaschine endlich vom Netz genommen.“ Es hilft freilich nicht weiter, einzelne missratene Marketingaktionen, die sich durchaus als Ausdruck einer gewissen Unkenntnis der Materie interpretieren lassen, zu kritisieren. Die GEMA sieht sich auf vielen Ebenen mit Widersprüchlichkeiten, Missverständnissen und Missverhältnissen und – ganz sicher auch dies – internen Gegensätzen konfrontiert. Dieser eskalierenden Entwicklung und der damit verbundenen Tendenz zur Infragestellung der GEMA-Mission sinnvolle Strukturen und sinnvolles Handeln entgegen zu setzen, ist ohne Zweifel eine höchst anspruchsvolle Aufgabe. Man bewältigt sie aber sicher nicht mit Mission Statements oder einer aufgehübschten Marketingfassade. Da helfen letztlich halt doch nur intelligente Öffentlichkeitsarbeit, profundes Fachwissen, Lobbyismus an den richtigen Stellen und ein Umkrempeln der Organisation an den wichtigen Stellen. Das klingt nach Sisyphusarbeit, und vermutlich ist es auch eine. Dr. Harald Heker ist diese Aufgabe zwar mutig angegangen, man darf aber wohl sagen: leider nicht mit guter Beratung. Und vermutlich konnte Heker nicht ahnen, auf was er sich einließ, als er vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels zur GEMA wechselte. Bei der GEMA ist nichts so eindeutig, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Es fängt ja schon mit den internen Strukturen an, die natürlich die unterschiedlichen Fraktionen der Mitglieder und deren durchaus immer mal wieder divergierende Interessen widerspiegeln: Textdichter und Komponisten auf der einen Seite, Musikverleger auf der anderen; Industrieverlage hier, Independents da; U- und E-Musik (mit unterschiedlichen Verteilungssätzen bei den Tantiemen); ein jungdynamischer Composers‘ Club und alteingesessene GEMA-Zirkel. Hinzu kommt die Unterscheidung zwischen ordentlichen, außerordentlichen und angeschlossenen Mitgliedern, die zum nachvollziehbaren Vorwurf führte, die GEMA sei „pseudodemokratisch“ strukturiert. Der Komponist und Textdichter Jörn Pfennig hatte dazu vor zwei Jahren einige Kritikpunkte verfasst; die Enquete-Kommission des Bundestags griff seine Sichtweise auf. In Punkt 7 ihrer Handlungsempfehlungen formuliert sie: „Die Enquete-Kommission empfiehlt den Verwertungsgesellschaften, die umfassende Repräsentanz aller Wahrnehmungsberechtigten, die an der Wertschöpfung tatsächlich beteiligt sind, in den entscheidungserheblichen Gremien, besonders bei der Verteilung, sicherzustellen. Gegebenenfalls sollte der Deutsche Bundstag entsprechend gesetzgeberisch tätig werden.“ Das ist schön formuliert – mal sehen, welche Maßnahmen die Jahresversammlung ergreift. Aber die Empfehlung der Kommission ist nicht wirklichkeitsnah. Und sie bezieht sich stark auf eine Stellungnahme von Prof. Thomas Hoeren, dessen Auffassungen zum Urheberrecht man durchaus als hinterfragbar wird bezeichnen dürfen (siehe MusikWoche 20+21/08). Ohne Zweifel gibt es eine Drei-Klassen-Mitgliedschaft bei der GEMA, die nicht sehr demokratisch wirkt – andererseits aber hat die GEMA einen sehr ausgeklügelten Verteilungsplan und eine im internationalen Vergleich höchst effiziente Organisation. Man sollte also nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Und die Frage, wie sich die GEMA zeitgemäß neu aufstellt, muss sie letztlich aus sich selbst heraus beantworten. Sie könnte vielleicht schon mal im IT-Bereich anfangen, damit die Onlineabrechnungen schneller von der Hand gehen und nicht von einer personell unterbesetzten Abteilung bearbeitet werden müssen. Zu fragen wäre auch, ob die GEMA – wie die schwedische Gesellschaft STIM – sich Gedanken macht, wie die Urheber an einer speziellen Flatrate bei Filesharing-Angeboten beteiligt werden können. Zu tun gibt es also wahrlich genug. So empfiehlt die Enquete-Kommission der GEMA, „bei ihren Abrechnungsmodellen die besondere Situation der gemeinnützigen Strukturen stärker zu berücksichtigen“. Und, so möchte man ergänzen, es wäre ja schon schön, wenn das lange angekündigte Kulturprofil endlich auf den Tisch käme. Noch vor der Mitgliederversammlung soll dies laut Harald Heker nun geschehen (siehe „Nachgefragt“). Die Verwertungsgesellschaften sind keine privatwirtschaftlich organisierten Unternehmen; wohlweislich haben sie als Inkassoorganisationen der von ihnen vertretenen Urheber einen besonderen Status. Und selbst wenn der im Kern darin besteht, Geld einzusammeln und es an die Berechtigten zu verteilen, so ergibt sich aus dieser Funktion auch die Verantwortung und der Auftrag, ein kulturelles Klima zu fördern, das gewährleistet, dass auch weiterhin Kreativität gedeihen kann und ihren Urhebern ein würdiges Auskommen verschafft. Von sozialen Zwecken ganz zu schweigen. Oder von CELAS …

Neugierig?

Jetzt als Abonnent anmelden und weiterlesen.

Du hast noch kein Abo? Dann hol dir jetzt das Digitalabo für nur 39,90 Euro pro Monat.

Anmelden