Dossier: Eurovision Song Contest 2008

Nach ihrem Siegeszug beim Eurovision Song Contest 2007 stellen die osteuropäischen Länder den Westen auch in diesem Jahr kreativ in den Schatten. Doch Künstler aus dem anderen Teil des Kontinents kriegen im Alten Europa kaum einen Fuß auf den Boden. Was ist schuld daran: Geschmacksbarrieren oder Ressentiments?

Keine Plattenfirma will ESC-Gewinnerin Marija“: So titelte die schwedische Tageszeitung „Ekspressen“ knapp einen Monat nach dem Überraschungserfolg der serbischen Sängerin Marija Serifovic‘ beim Eurovision Song Contest 207 in Helsinki. „Die Siegerin der diesjährigen Schlager-EM ist zur Verliererin geworden“, höhnte das skandinavische Blut- und Busenblatt: Es habe sich keine Plattenfirma bereit erklärt, ihren Titel „Molitva“ in Schweden zu veröffentlichen. Der Song sei ein derartiger Flop, dass er – im Unterschied zu den Siegersongs der beiden Vorjahre von Lordi und Elena Paparizou – nicht einmal im Radio gespielt werde. Die Unterhaltungschefin des öffentlich-rechtlichen schwedischen Radios bescheinigte, dass „Molitva“ kein wirklicher Superhit sei und nur sehr sparsam eingesetzt werde. Ganz anders dagegen „The Worrying Kind“, der schwedische Beitrag der Gruppe The Ark, den die heimischen Sender fleißig rauf- und runterdudelten. Ganze 20 Wochen konnte sich der Titel in den nationalen Charts halten. Fazit: Die Glamrock-Band um den charismatischen Sänger Ola Salo war der moralische Sieger des ESC – trotz eines schmachvollen 18. Platzes in Helsinki. Und die untersetzte Frau aus Serbien, die durch nachbarschaftliche Punkteschiebereien auf das Siegertreppchen gelangte, wurde vom Publikum mit Nichtbeachtung gestraft. Es gibt eben doch eine höhere Gerechtigkeit. Seltsam nur, dass „Molitva“ unmittelbar nach dem Eurovision Song Contest auf Platz neun der schwedischen Charts schoss und sich dort drei Wochen in den Top 50 hielt. Nicht schlecht für einen Titel ohne Airplay und ohne offizielle Singleveröffentlichung … Allein die Zahl der Downloads katapultierte die Balkanballade in die schwedischen Top Ten. Eine höhere Chartsplatzierung schaffte selbst Lordis „Hard Rock Hallelujah“ nicht. Und dabei hatten die finnischen Monsterrocker neben dem Nachbarschaftsbonus auch noch Sony BMG im Rücken. Marija Serifovic‘ hingegen hat nur Highball Music, ein kleines Independent-Label aus Hamburg, das auf den Vertrieb von Vinylplatten für Diskjockeys und auf Chill-out-Musik spezialisiert ist. Geschäftsführer Klaus Balzer erkannte früh das Siegpotenzial von „Molitva“ und sicherte sich noch vor dem Song Contest die weltweiten Rechte für den späteren Gewinner. Theoretisch hätte der ehemalige A&R-Leiter von Motor Music damit einen großen Coup gelandet. Theoretisch. In der Praxis jedoch gelang es ihm trotz aller guten Kontakte zu Universal und den übrigen Major Companies nicht, einen Vertriebspartner für „Molitva“ zu finden. Die Kommentare, die er zu dem serbischen Song und seiner Interpretin zu hören bekam, möchte er nicht wiederholen. Es waren keine freundlichen. Die Zeit verging, Marija Serifovic‘ zog aufgrund der Downloads nicht nur in die schwedischen Charts ein, sondern auch in die schweizerischen, und Balzer geriet in Zugzwang. Schließlich entschied er sich, die Single gemeinsam mit dem kleinen Tonträgervertrieb MConnexion auf eigene Faust zu veröffentlichen. Am 27. Juli 2007 kam die serbische Silberscheibe schließlich auf den Markt, über zwei Monate nach dem Grand-Prix-Sieg. Bis dahin war „Molitva“ über andere Kanäle wie Youtube bereits millionenfach abgerufen worden – ohne dass Balzer dafür auch nur einen Cent gesehen hätte. Mit großartigem Airplay war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zu rechnen. Selbst der NDR, als Rundfunkanstalt federführend für die deutsche Teilnahme am Eurovision Song Contest, weigerte sich, den Gewinnersong in seinen Hörfunkprogrammen zu spielen. Am Ende war die Werbewirkung des Grand-Prix-Siegs nutzlos verpufft. Man braucht kein Marketinggenie zu sein, um einzusehen, dass die Chancen auf einen Chartserfolg für den Gewinner des Eurovision Song Contests ohne zeitnahe Veröffentlichung gegen null tendieren. In Deutschland fielen siegreiche Wettbewerbsbeiträge in der Vergangenheit immer wieder einer zögerlichen Veröffentlichungspolitik zum Opfer (siehe Tabelle). Sicher: Ohne Vertrag bei einem der führenden Label muss erst nach geeigneten Vertriebspartnern Ausschau gehalten werden. Das kostet wertvolle Zeit. Doch die zügige Veröffentlichung von „Molitva“ – in Deutschland und anderswo – ist offensichtlich an der konkreten Ablehnung der großen Plattenfirmen gescheitert. War es die Angst vor der ungewohnten serbischen Sprache, wie Svante Stockselius mutmaßt, seines Zeichens Executive Supervisor des Eurovision Song Contests? Aber andere, nicht wesentlich vertrauter klingende Idiome haben die Plattenkäufer doch schließlich auch nicht davon abgehalten, zum Beispiel millionenfach zu „Dragostea din tei“ von O-Zone zu greifen. Oder zu „Im N’in Alu“ von Ofra Haza. Die Antwort könnte unbequem sein: Sollte es daran liegen, dass der Eiserne Vorhang in den Köpfen immer noch zugezogen ist? Die Kommentare nach dem ESC in Helsinki waren diesbezüglich vielsagend: Von „russischem Nuttenpop“ war die Rede, von Balkan-Connection und einer Aufteilung der Halbfinalvorrunden in Ost- und Westeuropa. Dass die neuen Eurovisionsländer deutlich mehr Kreativität und Engagement an den Tag legen, wenn es darum geht, den Wettbewerb nach Hause zu holen, wurde geflissentlich übergangen. Stattdessen lamentierten die üblichen Betroffenen über Nachbarschaftswertungen im bösen Osten. Wahrscheinlich schmoren wir schon zu lange im eigenen Saft, um zu erkennen, dass nicht demokratische Defizite den Eurovision Song Contest entscheiden, sondern regional unterschiedliche geschmackliche Präferenzen. Erst wenn wir aufhören, beleidigte Leberwurst zu spielen, werden wir feststellen, dass es bei den neuen Nachbarn einiges zu entdecken gibt. Für Klaus Balzer war der Ausflug in die Eurovisionswelt eine finanzielle Katastrophe. Voraussichtlich erst Ende 2008 wird er mit „Molitva“ schwarze Zahlen schreiben. Dabei legt er große Hoffnungen auf den Wettbewerb am 24. Mai in Belgrad, wo Marija Serifovic‘ „seinen“ Song noch einmal einem 100-Millionen-Publikum vorsingen wird. Dennoch ist die Begeisterung für die Serbin und ihr Lied bei dem 47-Jährigen ungebrochen: „Einen Grand-Prix-Siegertitel kriegt man nicht oft im Leben“, erklärt er, und er wolle sein Augenmerk auch künftig auf osteuropäische Produktionen richten. Angst vor einem neuerlichen Debakel hat er nicht: „Gute Musik setzt sich durch – egal aus welchem Land“.

Neugierig?

Jetzt als Abonnent anmelden und weiterlesen.

Du hast noch kein Abo? Dann hol dir jetzt das Digitalabo für nur 39,90 Euro pro Monat.

Anmelden