Dossier Dance: Raus aus der Nische!

Nach dem Boom in den 90er-Jahren ist die Technoszene zwar weitgehend aus den Mainstream-Medien verschwunden. Doch aus ihr gingen Strukturen, Geschäftsmodelle und Künstler hervor, die erfolgreich in und aus der Nische heraus arbeiten.

“Über all das Gerede von 360 Grad schmunzeln doch Firmen wie JKP oder Hot Action, die genau das seit Jahren praktizieren. Und auch Kontor hat schon immer so gearbeitet“, berichtet Kontor-Chef Jens Thele. „Als reines Label gäbe es uns schon längst nicht mehr, wenn wir nicht von Anfang an unseren eigenen Musikverlag und unser eigenes Booking gehabt hätten.“ Geändert habe sich lediglich das Prozedere bei den DJ-Erlösen: Früher hatten die Labels durch Tonträgerverkäufe genug Umsatz, so dass ein DJ von den Erträgen beim Auflegen allein profitierte. „Das geht heute nicht mehr“, sagt Thele. „Den DJs oder Produzenten ist aber auch bewusst, dass die Plattenfirma beteiligt werden muss.“ Auch für Erik May spielt der aktuelle 360-Grad-Hype keine Rolle – ganz einfach deswegen, weil er seine Münchner Firma Great Stuff vor bald fünf Jahren mit exakt diesem Konzept gründete. „Als reines Label hätten wir es nie geschafft, eine solche Firma aufzubauen. Noch bevor irgendjemand den Begriff 360 Grad in den Mund nahm, war das unser Ansatz: Wie kann man neue Künstler aufbauen und dabei die Gefahr ausschließen, dass man sich ausschließlich über Plattenverkäufe refinanzieren muss? Das bedeutete für uns, dass jeder Act, den wir unter Vertrag nahmen, bei uns im Publishing, Booking und auch Management ist. Damit war die komplette Wertschöpfungskette geschlossen, bevor wir überhaupt anfingen, mit den Künstlern zu arbeiten.“ Und auch vermeintliche Undergroundlabels wie die Berliner Firma Get Physical oder das Münchner Unternehmen Gomma Records stehen für umfassende Geschäftsmodelle. „Darauf läuft’s hinaus“, sagt Gomma-Chef Mathias Modica, während Get-Physical-Geschäftsführer Tim Dobrovolny ausführt: „Im Prinzip war Get Physical von Beginn an so aufgestellt. Wir arbeiteten im vergangenen Jahr vor allem an der Struktur der Gesamtfirma und bauen die einzelnen Bereiche nun weiter aus.“ Dennoch hat solches Rundum-Wirken auch seine Schattenseiten, wie Bernd Breiter, Geschäftsführer der Dance-Marke BigCityBeats, darlegt: „Die Diskussion um 360-Grad-Modelle ist schön und gut, aber man muss auch die einzelnen Facetten beherrschen. Zwar wollen die Labels gern selber Events machen, und Veranstalter wollen eine Plattenfirma gründen, aber man muss auch die dafür erforderliche Kompetenz mitbringen. Ich habe zuletzt zu viele gescheiterte Konzepte gesehen.“ Nur weil sich magere 1000 Downloads nicht mehr rechneten, würden sich viele aufs Booking stürzen – ohne zu sehen, dass gerade das Livegeschäft im Dance-Bereich ein enormes Know-how erfordert. „Wichtig ist doch, dass man eine Marke aufbaut, die ein Endkonsument dann wahrnimmt. Und das ist das Problem. Denn letztlich sind DJs im Club immer anonymer als eine Band, die ein leichtes Identifikationspotenzial bietet. Dieses muss im Clubbereich jedoch die Marke tragen“, erörtert Breiter. An seiner eigenen Marke mit dem Dance-Duo Blank & Jones hat auch Piet Blank, zugleich Geschäftsführer des Labels Soundcolours, gefeilt: „Wenn wir heute mit unserem ersten Release anfingen, wären wir heilfroh, alles aus einer Hand zu bekommen. Da wir aber seit über zehn Jahren im Business und hier und da auch etwas spleenig sind, machen wir die 360 Grad mit Hilfe unserer ausgesuchten Partner lieber selber – dann sind wir wenigstens selber schuld, wenn etwas schief geht oder ein Hit wird.“ So repräsentiert Piet Blank, der Erfahrungen unter anderem mit Warner, Gang Go und Kontor gemacht hat und nun Soundcolours über Soulfood vertreibt, den Archetypus des modernen Dance-Künstlers, der alle Fäden selbst in der Hand hält. Soundcolours sei dabei in erster Linie für die eigenen Produktionen gedacht. „Um wirklich totale Freiheit zu haben, holten wir uns alle Rechte an unserem gesamten Katalog zurück und gestalten auch die Zukunft komplett selbstbestimmt. Wir tragen also die Kosten für die gesamte Fertigung von Tonträgern und Promotion.“ Damit waren auch kreative Fragen wieder in den eigenverantwortlichen Bereich gefallen – ein Faktor, der beim erfolgreichen Einnisten in den neuen Strukturen nicht zu unterschätzen ist, wie Erik May betont: „Auch stilistisch haben wir uns beim Start von Great Stuff innerhalb des Dance-Segments grundlegend neu ausgerichtet und den Mut gehabt, etwa auf Elektro oder Tech-House zu setzen, als diese Strömungen in Deutschland noch niemanden interessierten.“ Diese Neuausrichtung trug erheblich zum Erfolg der Münchner Firma bei, die in dieser Woche mit ihrem an Universal lizenzierten Track „3 Tage wach“ von Lützenkirchen auf Rang zwölf in die MusikWoche Top 100 Singles einsteigt. Das Album und die internationale Vermarktung bleiben bei jedoch bei Great Stuff – und das nicht ohne Grund, wie May formuliert: „Wir veröffentlichen einen Track nie allein für den deutschen Markt, sondern immer auch für den Weltmarkt.“ Dabei habe ihn zuletzt positiv überrascht, dass die Labelumsätze „vor allem über den internationalen Digitalvertrieb dank Beatport immer mehr geworden sind. Zwei Drittel unseres Umsatzes kommen inzwischen von der Labelarbeit, während anfangs noch 50 bis 60 Prozent aus unserer Filmproduktion stammten.“ Eine weitere Erlösquelle ist für Great Stuff das Synch-Geschäft. In fünf Jahren habe man 15 große Deals von Citroën bis „Grey’s Anatomy“ eingefädelt. Auf die Vermarktung von Musik in Film, TV und Werbung baut auch Gomma-Macher Mathias Modica. Für ihn sind daneben aber auch die digitalen und die CD-Verkäufe sowie das Livegeschäft gleichermaßen wichtig. „Unsere Strategie lautet: wenig Personal, Webpräsenz, stetiger Output des kleinen festen Künstlerstamms, viele verschiedene Territorien – und auf die kreative Weiterentwicklung der Künstler achten.“ Für Get Physical stellt auch Vinyl noch immer einen erheblichen Umsatzanteil dar, sagt Tim Dobrovolny. Wie in den Vorjahren war auch 2007 eine Vinylplatte von Get Physical die erfolgreichste im Intergroove-Vertrieb. Von der Maxi „Heater“ von Samim setzte das Label knapp 30.000 Einheiten ab, aber auch Veröffentlichungen von Booka Shade, Elektrochemie oder Tiger Stripes trugen zu einem guten Ergebnis bei, sagt Dobrovolny. „Verdoppeln konnten wir unseren digitalen Umsatz – mit weit über 100.000 Downloads über Beatport. Aber auch bei iTtunes sind die Verkäufe massiv angestiegen.“ Get-Physical-Acts wie zum Beispiel Booka Shade oder auch Raz Ohara & The Odd Orchestra erreichten nicht nur die Genre-, sondern auch die regulären Verkaufscharts von iTunes. Trotz eines stetig schrumpfenden Marktes habe Get Physical auch die CD-Verkäufe gesteigert. „Gespannt sind wir nun auf die Verkäufe des neuen Albums von Booka Shade, bei dem wir nahezu 30.000 Einheiten ausliefern werden – für uns eine völlig neue Größenordnung.“ Doch auch für Get Physical ist die Zukunft digital. Im Juni will das Label seine Website neu starten und darüber „neue Ansätze für den Verkauf von Musik“ liefern – wie etwa exklusive Merchandise-Artikel in einem deutlich ausgebauten Sales-Bereich. Auch die zukunftsträchtige Kombination von Mode und Musik hat es Get Physical angetan, wie Dobrovolny gesteht. Insgesamt bestehe aber kein Grund zur Sorge um die Zukunft von elektronischer Musik. Das findet auch Kontor-Chef Jens Thele: „Sicher, Dance findet in den Medien kaum statt, aber das war ja vor dem großen Boom in den 90er-Jahren auch nicht anders. Für mich ist die jetzige Lage nichts Neues. Dance teilt damit das Schicksal von anderer Nischenmusik wie Jazz oder Klassik. Aber überall gibt es Firmen, die sich in der Nische ganz hervorragend aufgestellt haben.“ Dietmar Schwenger

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