“Es ist oft schwierig, an interessante Themen heranzukommen, wenn die Rechte bei der Industrie liegen, weil die Majors den Kleinen ganz ungern etwas abgeben“, beklagt Klaus Wolf vom Münchner Indie-Label und -Vertrieb KDC. „Am ehesten kommt man an Sachen heran, wenn man sie über Verlage oder die Künstler direkt lizenziert.“ Als Beispiele für den deutschen Raum nennt er die Kooperation mit dem Ohrwaschl-Label im Falle der Deutschrock-Pioniere Ihre Kinder, deren selbstbetiteltes Debütalbum sich heute immer noch „zwar in kleinen Stückzahlen, aber kontinuierlich“ verkaufe.
Ähnliches gelte für die Platten des eigenwilligen Mundartsängers Willy Michl. Im internationalen Bereich verhandle er gerade mit Zoot Money über die Wiederveröffentlichung von dessen erstem Album „Big Roll Band“. Ansonsten zählten das rare Animals-Album „Blues Years“, „The Early Years“ der Dave Clark Five, „Take A Heart – Cadillac“ der Renegades sowie Mungo Jerrys letztes, eher Blues-betontes Studiowerk „Old Shoes – New Jeans“ zu den beständig verkaufenden KDC-Highlights.
Neben der Schwierigkeit herauszufinden, wo die Rechte an interessanten alten Platten lagern, nennt Wolf als Hauptproblem, dass es für kleine Vertriebe zunehmend schwieriger werde, Platten in die Läden zu bekommen. „Wir müssen mehr dafür kämpfen und den Händlern klar machen, dass die Alben auch verkäuflich sind. Denn heutzutage hat man keine breit sortierten Läden mehr“, außerdem fehle es dem Personal häufig auch am nötigen Wissen über älteres Repertoire. Dies habe er gemerkt, als er darum kämpfte, die Wiederveröffentlichungen von acht Originalalben der Spotnicks in die Plattenläden zu bringen. „Das war am Anfang furchtbar – kein Mensch hat die mehr gekannt.“ Doch wo dies gelang, seien die Platten auch verkauft worden. „Es ist mühsame Kleinarbeit.“
Auch ein Verkaufsgefälle innerhalb Deutschlands hat Wolf beobachtet. „Zugänglicher für Oldies-Veröffentlichungen sind die Menschen in den neuen Bundesländern, und im Norden läuft es ein bisschen besser als im Süden. In Österreich ist es auch besser, wenn man mal in den Regalen steht. Die Läden dort arbeiten noch richtig mit einem Backkatalog, wie es hier der Einzelhandel früher mal gemacht hat.“ Und dann mache sich bei internationalen Lizenzgeschäften der ungünstige Dollarkurs überaus negativ bemerkbar, fügt Wolf an.
Die Erfahrungen von Klaus Wolf bestätigt auch Volker Kurze, dem das einst als Tochterfirma von Bear Family Records gegründete und von Indigo vertriebene Unternehmen ATM Records im norddeutschen Grasberg gehört. Einige der Majorfirmen verweigerten die Lizenzierung von alten Platten völlig, so dass er derzeit vor allem mit EMI, gelegentlich auch mit Sony Music und BMG Hamburg zusammenarbeite.
Es habe einige Zeit gedauert, bis sich das Erfolg versprechende ATM-Repertoire herauskristallisiert habe. „Geldbringer waren und sind Rock-Platten, während Jazz fast gar nicht und Deutsch-Rock von CD zu CD unterschiedlich liefen.“ Seine Erkenntnis: „Wenn man eine kleine Plattenfirma hat, wo man sich selbst um alles kümmern muss, auch um den Einkauf der Musik, bringt es nichts, Musik herauszubringen, von der man selbst nichts versteht und auch nicht überzeugt ist.“ So habe er den Jazz abgebaut und mache inzwischen keinen Deutsch-Rock mehr, was bei anderen Labels aber durchaus erfolgreich läuft.
Bestärkt hätten ihn darin auch einige unerfreuliche Erfahrungen mit deutschen Künstlern, „die nicht begreifen, dass sie heute nicht mehr so populär sind wie in den 70er und 80er Jahren. Wenn die Plattenverkäufe nicht die Zahlen von damals erreichen, geben sie gerne und schnell der Plattenfirma die Schuld.“ Daher konzentriere er sich inzwischen vor allem auf Melodic Rock und Heavy Metal der 70er und 80er Jahre sowie auf Surf-, Hotrod- und Beat-Veröffentlichungen der Sixties.
Konkurrenz aus Holland
Zu schaffen machten ihm und anderen Firmen der gleichen Größenordnung häufig Wiederveröffentlichungen im benachbarten Ausland, die oft in schlechterer Qualität und mit geringerem Aufwand produziert würden – aber billiger seien. Denn in Deutschland fielen die Lizenzgebühren und auch die übrigen Pflichtabgaben für CD-Veröffentlichungen höher aus als im benachbarten Ausland. Und so kauften seine Hauptkunden, die Mailorder-Firmen, eben günstiger in Holland oder Frankreich ein.
Eine weitere Erkenntnis von Volker Kurze nach knapp einer Dekade ATM lautet: Entscheidend ist Qualitätsarbeit. Möglichst umfangreiche, informative Booklets und Bonustracks („so weit aufzutreiben“) seien immer noch wichtige Verkaufsargumente – und ebenso unabdingbar wie Fachwissen. Das fehle heute bei vielen Majors, wo man um kurzfristiger finanzieller Erfolge willen teure, aber erfahrene Spezialisten durch billigere, jedoch deutlich weniger kompetente Mitarbeiter ersetze. Wodurch es ihm aber andererseits immer wieder gelinge, Kleinode wie zuletzt Billy Satellite oder demnächst Urgent aus den Archiven von Majorfirmen loszueisen. „Sehr gut laufen auch Titel von City Boy und Charlie, englische Gruppen aus den 70er Jahren.‘





