Deutsche V2 records im dritten Jahr

Virgin-Gründer Richard Branson rief im März 1997 die deutsche Dependance seiner Firma V2 records ins Leben. Im Gespräch mit MUSIKWoche zieht Geschäftsführer Patrick Orth Bilanz und zeigt die Perspektiven der Firma auf.

Orth will über die eher mageren Anfangsjahre der Firma nicht hinwegtäuschen. Er sieht sie als unvermeidbaren Teil des Wachstumsprozesses: „Normalerweise läuft die Gründung einer Plattenfirma so ab, daß man über Repertoire verfügt und drumherum ein Unternehmen aufbaut, aber wir mußten die Firma quasi aus dem Nichts konstruieren. Daher habe ich der Zentrale in London von Anfang an gesagt, daß wir in den ersten beiden Geschäftsjahren nicht mit atemberaubenden Umsätzen, sondern eher mit einem,worst case scenario‘ rechnen sollten.“ Im vergangenen Jahr habe man wenigstens die Portokosten decken können, fügt der V2-Chef scherzend hinzu.

Die Aufbauarbeit habe man mit Beginn des dritten Geschäftsjahres am 1. Juni abgeschlossen. „Für das Jahr 2000/2001 könnte ich mir unsere Firma zumindest in der Nähe des Break Even vorstellen.“ Orth weist darauf hin, daß V2 mit fast 20 Angestellten und zwei Longplay- sowie zwei bis vier Singles-Veröffentlichungen pro Monat zwar längst keine kleine Plattenfirma mehr sei, aber der „große Durchbruch“ blieb bisher aus. Der Geschäftsführer führt das auch auf die dezentrale Struktur zurück, die ein Tonträgerunternehmen in Deutschland benötige, um sich durchzusetzen, während es in anderen Ländern genüge, in der Hauptstadt präsent zu sein: „In Frankreich arbeitet V2 in Paris und verkaufte – auch dank der Radioquote für französische Musik – vom Album des Rappers Passi mehr als 700.000 Exemplare. Und in Großbritannien durchbrachen die Stereophonics für V2 die Verkaufsschallmauer.“ Mit der deutschen Firma will Orth, der früher bei Virgin Schallplatten arbeitete und dann das Tote-Hosen-Label JKP leitete, vor allem Dienstleister für die Künstler sein und damit in eine Lücke zwischen den etablierten Plattenfirmen stoßen. „Der Vorteil der Musiker steht im Vordergrund, damit wollen wir überzeugen. Natürlich können wir es uns erlauben, große Summen für einen etablierten Act zu bieten, aber wir locken auch mit effizienten und kompakten Verträgen, die den Musikern einen besseren Fluß ihrer Tantiemen garantieren.“

Durch eine zentrale Abrechnung in London erhalte ein V2-Künstler die Einnahmen durch Verkäufe im Ausland unmittelbar mit der frühestmöglichen Zahlung. Auslandsverkäufe würden ebenso schnell abgerechnet wie die im Inland. Mit diesem und anderen Servicevorteilen sei V2 für die Zukunft gewappnet. „Der Stellenwert der großen Plattenfirmen wird sich ändern, die großen Vertriebsfirmen wird es in der bisherigen Form bald nicht mehr geben. Dann sind Plattenfirmen gefragt, die als Serviceagentur oder Bank für die Musiker von Nutzen sind.“ Im Ausblick auf die kommenden sechs Monate kann sich Patrick Orth erstmals eine kontinuierliche Charts-Präsenz für V2 vorstellen. Unter anderem veröffentlicht die Berliner Firma im Herbst ein neues Album der Jungle Brothers, Posthumes von InXs-Sänger Michael Hutchence sowie einen Longplayer der Kölner HipHop-Band Die Firma. „Spannend“ sei auch die neue CD von Tom Jones. Der Sänger nahm Songs mit Fatboy Slim, den Manic Street Preachers, den Cardigans, den Stereophonics und Robbie Williams auf. Die Lieferung der Produkte ist in bewährten Herner Händen: Den Vertriebsvertrag mit Rough Trade hat V2 im März um ein Jahr verlängert.