CLIP SPECIAL: Lars Henrik Gass, Leiter Internationale Kurzfilmtage Oberhausen

Zum dritten Mal vergeben die Kurzfilmtage mit dem MuVi Preise für herausragende deutsche Musikvideo-Produktionen. Im Gespräch mit musikwoche.de erklärt Festival-Leiter Lars Henrik Gass, welche Ziele er mit damit erreichen will.

musikwoche.de: Welche Auswirkungen hatten drei Jahre MuVi?

Lars Henrik Gass: Es ist schon interessant, dass nicht zuletzt dank unserer Bemühungen viele Clips den Weg ins Musikfernsehen gefunden haben. Insgesamt wurde die Diskussion um formale Kriterien des Musikvideos seit der Einrichtung des MuVi stark bereichert, jedoch nicht nur durch uns. Unser Fokus liegt auf dem Musikvideo als „Kurzfilm“, das heißt, unser Interesse am Musikvideo ist ein ganz anderes als das des Musikfernsehens oder des Verbands der Musikclip-Produzenten.

mw: Worum geht es dem MuVi?

Gass: Wir zeichnen keine Einzelaspekte aus. Uns interessiert das Musikvideo als visuelle Form und als Umsetzung eines Musikstücks.

mw: Wie kam es zu der Auseinandersetzung mit Musikvideos?

Gass: Oberhausen stand und steht vor allem für die Beschäftigung mit mehr experimentellen Formen. Unserer Auffassung nach hat aber Populärkultur heute gewissermaßen die Erbfolge von Avantgarde angetreten. Oberhausen will diese Verbindungslinien aufzeigen: Regisseurinnen wie etwa Deborah Schamoni und Ulli Lindenmann von Smoczek Policzek oder Michel Klöfkorn und Oliver Husain kommen eigentlich vom Film her und sind tief verankert in seinen experimentellen Formen – was auch in ihren Musikclips sichtbar ist. 1998 haben wir in Zusammenarbeit mit der „Spex“ begonnen, internationale Musikvideos auf die Leinwand zu bringen. 1999 haben wir uns dann entschlossen, zusätzlich den MuVi ins Leben zu rufen, um dieses Angebot noch stärker zu profilieren und endlich auch einmal den Regisseuren der deutschen Musikvideo-Szene damit ein Forum zu bieten, das sie bislang noch nicht besaßen.

mw: Was hat sich seitdem getan?

Gass: Damals haben die großen internationalen Namen wie Chris Cunningham, Spike Jonze, Mike Mills oder Michel Gondry noch viele Clips gedreht, inzwischen machen sie aber alle Spielfilme. Dadurch ist die internationale Produktion anspruchsvoller Clips jetzt etwas eingebrochen. Unsere Wahrnehmung war, dass international die teuersten Videos die interessantesten, national jedoch die Low- bis No-Budget-Produktionen die innovatisten waren. Unser Anliegen war und ist, mit einem nationalen Regiepreis den Autorenaspekt zu stärken. Das ist auch ansatzweise gelungen. Denn in der Filmszene werden die Autoren von Musikclips nicht wahr-genommen, da Videos dort als Werbefilme gelten – die sie zweifellos auch sind und sein müssen. Das hat jedoch zur Folge, dass der Clip als eigenständige visuelle Form vernachlässigt wird.

mw: Welche Reaktionen gab es?

Gass: Wir hatten mit solch einer großen Öffentlichkeit, die wir heute dafür haben, gar nicht gerechnet. Zu dem Zeitpunkt war uns auch nicht klar, dass der MuVi der erste Festival-Preis für Musikvideos weltweit war. Ich hoffe, dass all dies dazu beiträgt, dass man auch im deutschen Musikfernsehen stärker versucht, über einen interessanten Clip ein Musikstück zu lancieren, das vielleicht nicht so ein offenkundiges kommerzielles Potenzial und große Budgets dahinter hat. Immerhin sind Fernsehserien über Musikvideos wie zuletzt „Fantastic Voyages“ auf 3sat oder das Projekt des Kölner Verleihs Rapid Eye Movies, Clips ins Kino zu bringen, stark beeinflusst durch unsere Bemühungen.

mw: Wie beurteilen Sie die derzeitige Situation im deutschen Musikfernsehen?

Gass: In diesem Konkurrenzkampf bemühen sich Viva und MTV sehr stark, neue Programmformate zu generieren, wie etwa mit Christoph Schlingensief – auch wenn sich das wirtschaftlich wahrscheinlich nicht auszahlen wird. Auch unsere derzeitige Kooperation mit MTV ist ein solches Pilotprojekt – hier mit dem Versuch, im Musikfernsehen Kurzfilme zu etablieren. Ich kann nur hoffen, dass dieser Prozess und die Konvergenz zwischen Musikfernsehen und Musik-Net zu neuen Nischen und Foren führt.

mw: Wie beurteilen Sie die Entwicklung bei deutschen Clips?

Gass: Man muss die Epoche des Videos in Deutschland in die Zeit von Viva Zwei und die Zeit danach einteilen. Ich befürchte, die Veränderungen bei Viva könnten sich negativ auf die Chancen für anspruchsvolle Clips in den Rotationen auswirken. Es bleibt jedenfalls zu hoffen, dass experimentelle Clips auch in Zukunft einen Platz im Musikfernsehen finden werden. Denn auch in Deutschland ist der Druck der Standardisierung sehr hoch. Es gibt bestimmte stilistische Elemente oder Mode-Erscheinungen, die wir jedes Jahr bei der Sichtung der eingereichten Videos feststellen.

„Hoher Druck zur Standardisierung“

mw: Was fiel Ihnen an den eingereichten Videos auf ?

Gass: Es gab rund 220 Einsendungen, von denen wir einen Teil jedoch gezielt bestellt haben. Von den elf Nominierten waren zum Zeitpunkt unserer Sichtung knapp die Hälfte noch nicht im Musikfernsehen gelaufen. Insgesamt ist uns aufgefallen, dass viele Produktionen trotz zum Teil nicht unerheblicher Etats nicht mutig genug vorgehen und sich in Effektspielereien verlieren. Deswegen ist es nach wie vor häufig so, dass die billigsten Videos die visuell stärksten sind. Viele wollen mit großen Etats das nachahmen, was sie irgendwo gesehen haben, was aber bei ihnen schließlich schlechter aussieht. Zudem flaut die Welle der minimalistischen Elektronik-Videos zurzeit wieder ab. Im Bereich der digitalen Animation passiert zwar viel; aber nur in den Händen der wirklich kreativen Leute kommen dabei visuell überzeugende Arbeiten heraus.