musikwoche.de: Wird man als Entdecker von Shaggy eifersüchtig auf den weltweiten Erfolg, den er momentan wieder mit einer Major-Company feiert?
Chris Cracknell: Überhaupt nicht. Wir hatten mit „Oh Carolina“ seinen ersten weltweiten Hit, der ihm die Aufmerksamkeit der Majors einbrachte. Ich betrachte seinen momentanen Erfolg auch ein wenig als unseren Verdienst. Genauso wie im Fall von Beenie Man, dessen erster großer Hit „Who Am I“ bei uns erschienen war, und der jetzt bei Virgin unter Vertrag steht. Jamaika ist eine Insel, die ein unendliches kreatives Potenzial besitzt. Man mag einen Künstler an eine Major-Company verlieren, aber für ihn kommen gleichzeitig 20 neue Künstler. Ob die Künstler, die zu einem Major wechselten, weiterhin erfolgreich bleiben, ist eine andere Frage.
mw: Liegen die Misserfolge der Majors mit diversen Reggae-Künstlern in der Unkenntnis der speziellen Gesetzmäßigkeiten des Reggae-Marktes begründet?
Cracknell: In der Reggae-Szene geht es mehr als in allen anderen Genres um Credibility. Hat ein Künstler die einmal verloren, ist sein Karriere gestorben. Was ich bei den Majors nicht verstehe, ist die Tatsache, dass sie einen Reggae-Künstler unter Vertrag nehmen, um ihn dann als R&B-Künstler zu verkaufen. Der Reggae-Markt lebt von den jeweils heißesten Produzenten Jamaikas, die die angesagtesten Rhythmen haben. Wurde ein Künstler einmal von einem Major verheizt, sind diese Produzenten nicht mehr bereit, mit ihm zu arbeiten.
mw: Schließen Sie demnach eher mit Produzenten Verträge statt mit Künstlern?
Cracknell: Der Reggae-Markt wird inzwischen ganz klar von den Produzenten geführt. Es ist für einen Künstler enorm wichtig, mit den angesagtesten Produzenten zu arbeiten. Die Produzenten nehmen die Künstler für ein Album unter Vertrag, das sie uns anschließend in Lizenz anbieten. Bislang waren wir im amerikanischen Markt nicht stark genug präsent, um die weltweiten Lizenzen kaufen zu können. Deshalb haben wir vor kurzem ein Office in New York bezogen. Es ist wichtig zu verstehen, dass eine Künstler-Karriere in unserem Genre nur langfristig aufzubauen ist, indem man dem Künstler die Freiheit gibt, mit unterschiedlichen Produzenten arbeiten zu können. Der klassische Künstlervertrag, mit dem man einen Künstler über fünf Alben an sich bindet, wäre in unserem Genre eher kontraproduktiv.
mw: Verliert man dabei nicht schnell den Überblick?
Cracknell: Nicht, wenn man sich seit 25 Jahren mit der Szene beschäftigt. Ich telefoniere jeden Nachmittag mit den Produzenten in Jamaika und bekomme zwangsläufig eine Menge der neuesten Gerüchte mit. Wir haben uns ja 1977, als wir Greensleeves Records gründeten, ganz bewusst dafür entschieden, die Musik Jamaikas in erster Linie an den Basis-Markt, der damals in London aus Jamaikanern bestand, zu verkaufen. Die Reputation, die wir uns damit in Jamaika geschaffen hatten, kommt uns heute im sich immer schneller verändernden Markt zugute. Wir sind für die Jamaikaner glaubwürdig, deshalb sind wir nach 25 Jahren immer noch hier. Ich glaube nicht, dass ein Major genauso schnell auf die Bedürfnisse des Reggae-Markts reagieren kann wie wir. Wir haben auch nie auf den Crossover-Markt gesetzt.
mw: War das eine bewusste Entscheidung, mit der Sie sich von Island Records, das von der breiten Masse als das Reggae-Label schlechthin wahrgenommen wurde, unterscheiden wollten?
Cracknell: Wir wollten sicher nie ein zweites Island Records werden. Chris Blackwell, der Island-Gründer, sah in Bob Marley einen Künstler, der den Crossover-Markt bedienen konnte. Es ist ihm zweifellos gelungen, mit Marley den größten Reggae-Künstler aller Zeiten aufzubauen, was den Crossover-Appeal betrifft. Auch wir verkauften damals noch Bob Marley an den Reggae-Basismarkt in unserem Plattenladen. Als Marley allerdings auch im Popgeschäft ein Star wurde, verschmähte ihn der Reggae-Markt – zu unrecht. Wir lernten damals schnell, was der Reggae-Markt kaufen wollte und konzentrierten uns darauf. Island Records veröffentlichte Platten für den Massenmarkt. Deren Output richtete sich ans Poppublikum. Denen waren die Mastertapes aus Jamaika oft zu ethnisch. Wir wollten die Musik Jamaikas unpoliert und roh an den Reggae-Basismarkt verkaufen. Natürlich waren die Hits, die wir mit Shaggy und Beenie Man hatten, großartig für uns. Aber die fanden zunächst im Basismarkt statt, und waren nicht für den Pop-Markt konzipiert. Wenn sie dann trotzdem dort stattfanden, haben wir es als Bonus betrachtet.
mw: Spürt ein spezialisiertes Label wie Greensleeves eigentlich die Auswirkungen des kostenlosen Downloads von Musik aus dem Internet?
Cracknell: Napster stellte für uns praktisch keine Bedrohung dar. Was für uns viel problematischer ist, sind die Vinyl-Bootlegs, die vor allem aus Amerika kommen. Durch die ganze Dancehall-DJ-Kultur werden die Tracks der Dub-Plates oft schon vor der Veröffentlichung der Tracks auf Bootlegs gepresst, die tausendfach nach Europa importiert werden. Der dadurch angerichtete Schaden ist enorm. Mir scheint, dass die Kontrollbehörden wegen der Napster-Debatte die Vinyl-Bootlegs vollkommen aus den Augen verloren haben. Das Internet hat unserem Label eher einen Nutzen gebracht. Wir haben so viele Hits pro Woche in unserer Website, dass wir mit guten Anfangsverkäufen bei Neuveröffentlichungen rechnen können. Events und Konzerte auf Jamaika haben einen enormen Einfluss auf die Popularität der Künstler und sind am nächsten Tag im Internet nachzulesen – was es unseren Käufern leichter macht, sich auf dem Laufenden zu halten. Hier dient das Internet als hilfreiche Infobörse.





