Blitzumfrage zum Time Warner/AOL-Merger

Die Fusion von AOL und Time Warner stellt eine Zäsur für die gesamte Entertainment-Branche dar. MUSIKWoche fragte nach möglichen Auswirkungen und potenziellen Konsequenzen der Situation.

“Der Merger von AOL und Time Warner und die angekündigten Bertelsmann-Aktivitäten, der größte Anbieter auf dem Tonträgermarkt zu werden, lassen erkennen, dass sich die gesamte Branche auch in Deutschland in einem rasanten Umbruch befindet“, sagt Dr. Heinz Stroh, Geschäftsführer des Gesamtverband Deutscher Musikfachgeschäfte (GDM) und des Musikverleger-Verbands. Stroh führt weiter aus: „Alle Tonträgerfirmen in Deutschland stehen praktisch zur Disposition und sind dabei, größere Allianzen zu bilden. Man kann nur hoffen, dass bei diesen Fischzügen besonders der Internet-Firmen, die über Nacht Milliardenwerte erreichten, die Rechte der Autoren und Verlage nicht auf der Strecke bleiben. Für das Repertoire der Verlage sind neue Auswertungsmöglichkeiten im Internet Herausforderung und Chance zugleich. Der mittelständische Handel steht aber in einem noch härteren Konkurrenzkampf. Viele GDM-Mitglieder stellen sich derzeit auf die neuen multimedialen Gegebenheiten ein. Mit ihrer fachlichen Kompetenz und Beratungsqualität sollten sie gestärkt aus diesen Veränderungen hervorgehen.“ Einen bedeutenden Einschnitt erkennt auch Boxman-Geschäftsführer Achim Fehlau: „Die Fusion von AOL und Time Warner bedeutet einen Neubeginn für die gesamte Entertainment-Industrie. Anhand der Übernahme durch AOL zeigt sich zum einen die Bedeutung des Mediums Internet als Vermarktungsplattform, zum anderen aber auch der Bedarf an traditionellen Inhalten. Von dieser Fusion profitieren beide Unternehmen, es gibt keine Gewinner oder Verlierer. Für alle anderen stellt sich nun die Frage, wie sie mit der neuen Situation umgehen: Die Äußerungen von Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff zeigen bereits, in welche Richtung es gehen wird.“ Wolf Urban, Senior Vice President UM3 bei Universal Music, steht der Situation eher abwartend gegenüber: „Elefantenhochzeiten müssen sich immer auf die Qualität prüfen lassen. Nur bei wenigen dieser Hochzeiten ließen sich nachher Synergieeffekte im operativen Bereich feststellen.“ Kurzfristig rechnet Alexander Wessendorf, Geschäftsführender Gesellschafter der TMI – Top Music International, noch nicht mit Konsequenzen – „mittelfristig bedeutet diese Entwicklung allerdings eine Gefahr für die traditionellen Vertriebswege, weil sich die elektronische Distribution weiter beschleunigt.“ Hubertus Pellengahr, Pressesprecher des Hauptverbands des Deutschen Einzelhandels, zeigt sich vor allem beeindruckt, „dass das junge Internet-Unternehmen AOL den Entertainment-Riesen Time Warner übernehmen konnte. Hier zeigt sich die Dynamik der momentanen Entwicklung.“ Dennoch rechnet er zunächst nicht mit Auswirkungen: „Wir erwarten in der näheren Zukunft keine grösseren Veränderungen für den Handel. Regionale Anbieter sollten auch künftig ihre Chancen nutzen können, denn dadurch, dass manche Unternehmen weltweit immer weiter wachsen, gibt es auch größere regionale Spielräume.‘