MUSIKWoche: Worin sehen Sie den Vorteile der neuen Charts?
Bernd Dopp: Die drei neuen Hitlisten werden um die Titel aus den Top-100-Singles-Charts bereinigt. Das hat zur Folge, dass die Formatcharts schneller und effektiver die Entwicklung von Neuheiten in unserer Funklandschaft als Trendcharts dokumentieren. Zudem bietet die Industrie dem Radio hiermit ein wichtiges Servicepaket.
MW: War die Branche mit den alten Airplay-Charts unzufrieden?
Dopp: Die traditionellen Airplay-Charts bieten zwar einen Gesamtüberblick über das allgemeine Geschehen im Funk, eine Vielzahl von Positionen wird jedoch häufig monatelang von nicht mehr aktuellen Titeln blockiert. Dadurch verlangsamen sich die Charts erheblich. Bereits 1999 hat der Chart- und Marketing-Ausschuss daher mit der Neugewichtung der Sender, die nun nicht mehr ausschließlich nach Reichweite erfolgt, die Entwicklung der Formatcharts vorbereitet.
MW: Wie reagiert die Branche auf die neuen Format-Charts?
Dopp: Das erste Feedback der Sender, die dieses neue Promotion-Tool bereits intensiv nutzen, ist äußerst positiv. Da im Chart- und Marketing-Ausschuss sämtliche Majors und viele namhafte Indies vertreten sind und die Einführung der Formatcharts in diesem verabschiedet wurde, sind konsequenterweise die Reaktionen aus der Branche hervorragend.
MW: Bedeutet dies eine Abwertung der alten Airplay-Charts?
Dopp: Aufgrund der Tatsache, dass ab dem 1. Januar 2001 Funkeinsätze nicht mehr den Single-Verkäufen zugerechnet werden, muss man in der Tat von einer Verschiebung zugunsten der Formatcharts sprechen.
MW: Wie kam es zu der Umstrukturierung der Singles-Charts?
Dopp: Es besteht seit geraumer Zeit Konsens im Chart- und Marketing-Ausschuss darüber, dass die Playlisten vieler Sender nicht mehr dass wiederspiegeln, was im Musikmarkt stattfindet. Viele in den Single-Charts gut plazierte Titel tauchen, wenn überhaupt, erst mit großem zeitlichen Abstand in den Funkcharts auf. Die Top 100 Single-Charts müssen jedoch möglichst seriös und korrekt das wiedergeben, was im deutschen Musikmarkt wirklich passiert.
MW: Welche Ziele verfolgt der Chartausschuss damit?
Dopp: Reichweitenmaximierung als allein selig machendes Ziel der Privatsender – und mittlerweile leider auch der öffentlich-rechtlichen Stationen – kann aufgrund der hohen Streuverluste nicht im Sinne der Musikindustrie sein. Die erwähnten Aktivitäten des Ausschusses der letzten Zeit zielen darauf hin, die Sender, die junge und konsumorientierte Zielgruppen ansprechen, zu unterstützen. In diesem Zusammenhang sprechen wir von der Qualität der Reichweite. Dieser Ansatz wird auch von der werbetreibenden Industrie mittlerweile immer häufiger nachvollzogen.
MW: Mit welchen Veränderungen der Singles-Charts rechnen Sie?
Dopp: Die Tests, die Media Control im Auftrag des Ausschusses über mehrere Wochen durchgeführt hat, belegen, dass die Charts speziell im unteren Drittel schneller werden. Repertoirespezifisch gibt es Vorteile zugunsten von HipHop und Dance, außerdem für Titel aus alternativen, szenischen Umfeldern.
Es ist davon auszugehen, das es eine weitere Fokussierung auf Sender geben wird, die einen hohen Neuheitenanteil ausweisen. Mittelfristig wird das Internetradio an Bedeutung gewinnen und für die Industrie interessante Alternativen bieten.






