MUSIKWoche: Herr Dopp, was ist der Unterschied zwischen der Zeit Ihres Amtsantrittes vor zwei Jahren und heute?
Bernd Dopp: Es gab damals einige Probleme, weil sich Veröffentlichungstermine namhafter Künstler verschoben und unser Repertoire daher nicht zu dem gewünschten Zeitpunkt auf den Markt kam. Wir haben diese Zeit aber konsequent in vielerlei Hinsicht genutzt und uns in wesentlichen Bereichen personell verstärkt, zum Beispiel vorrangig in der A&R-Abteilung durch Markus Bruns und sein Team. Ebenso haben wir uns von einigen Partnern getrennt, unser Artist-Roster getrimmt, einige Label-Deals beendet und gleichzeitig unsere stilistische Bandbreite erweitert, also unsere Strategie insgesamt neu definiert.
MUSIKWoche: Welche neuen strategischen Überlegungen gab es?
Bernd Dopp: Wir wollten unsere Kapazitäten und unser Knowhow in einem stagnierenden Markt besser nutzen und die Company und ihre vielen Experten den Künstlern optimal zur Verfügung stellen. Weniger ist mehr, nach diesem Motto könnte man unsere Politik heute umschreiben. Wenn man die Veröffentlichungen sinnvoll reduziert, verfügt man über größere Budgets und Kapazitäten für die jeweiligen Projekte. Diese neuen Ansätze bei unserer täglichen Arbeit haben sich hervorragend bewährt.
MUSIKWoche: Das klingt auch ein wenig nach Kritik an der vielzitierten „Veröffentlichungsflut“.
Bernd Dopp: Ja, denn uns geht es neben dem schnellen Hitgeschäft, das aus kommerziellen Gründen nicht zu vernachlässigen ist, auch um qualitativ hochwertige Produkte. Wir haben uns eindeutig für ein exquisites Angebot zugunsten des Handels, der Medien und der Verbraucher entschieden und damit auch gegen den Marketing-Overkill, dessen Auswirkungen die potentiellen Käufer desorientiert.
MUSIKWoche: Für Sie persönlich war 1997 daher sicherlich auch ein Jahr des Umbruchs?
Bernd Dopp: Es war ein sehr schwieriges und wichtiges Jahr. Wenn alles gut läuft, ist es natürlich relativ einfach, ein Geschäftsführer zu sein. Der Charakter einer Firma und eines Teams zeigt sich aber in problematischen Zeiten sehr viel deutlicher. Diese Zeit haben wir hier alle mit erhobenen Häuptern und großem Zusammenhalt überstanden. Das Klima bei uns ist familiär, professionell und künstlerorientiert.
MUSIKWoche: In Ihrer Rede bei der letzten WEA-Vertriebstagung haben Sie darauf hingewiesen, daß heute nicht einmal mehr die Megastars automatisch hohe Umsätze garantieren können. Was bedeutet diese Erkenntnis für Ihre Arbeit?
Bernd Dopp: Diese Aussage betrifft vor allem das Klischee vom Automatismus, welches besagt, daß angeblich großen Namen stets auch große Erfolge garantieren. Natürlich sind die Veröffentlichungen unserer großen Stars in unseren Budgetserwartungen mit einer nicht gerade bescheidenen Umsatzgröße vorgegeben. Das ist auch richtig so. Wenn Madonna, Phil Collins oder Westernhagen ihre Alben bei uns veröffentlichen, dann ist man natürlich nicht mit Gold oder Platin zufrieden, dann liegt unsere Aufgabe beim Erreichen von Doppel-Platin – und das ist im heutigen Markt sehr schwer geworden. Von Selbstgängern kann in dieser Größenordnung längst keine Rede mehr sein. Hier stehen wir ganz im Gegenteil sogar erst recht unter enorm hohem Erwartungsdruck auf einem Markt, der längst keine Garantien mehr bietet. Auch bei den Megastars ist kreative und innovative Vermarktung erforderlich. Grundvoraussetzung dabei ist die Künstlerpräsenz vor Ort, die wiederum essentiell wichtig für die Promotion ist.
MUSIKWoche: Wie erfolgreich waren Sie gemessen an diesem Anspruch in den letzten zwei Jahren?
Bernd Dopp: Man sieht ja, was derartige Top-Acts in anderen Ländern verkaufen. Bei diesem Vergleich sehen wir sehr gut aus. WEA records Deutschland ist mit allen großen internationalen Veröffentlichungen der letzten Zeit die erfolgreichste Repertoire-Gesellschaft beziehungsweise der erfolgreichste Warner Affiliate weltweit gewesen, auch was Umsatz und Ertrag betrifft.
MUSIKWoche: Nun ist dennoch immer mal wieder von der Krise der Musikwirtschaft die Rede, einige Auguren prophezeihen dem Musikmarkt einen dramatischen Umsatzrückgang. Wie beurteilen Sie die allgemeine Entwicklung?
Bernd Dopp: Von irgendwelchen Katastrophenszenarien halte ich gar nichts. Wer auch immer diese Negativaussagen von sich gibt – die Realität ist anders. Es gibt einschneidende Veränderungen, wie die starke Konzentration auf der Handels- und Industrieseite, die wir bereits heute erleben. Gleichzeitig aber bleibt – ob nun physisch angeliefert oder nicht – das Grundbedürfnis nach musikalischer Ware, die weiterhin als wertvolles Kulturgut gefunden, hergestellt, promotet, vermarktet und vertrieben werden muß, überall bestehen. Neue Technologien kreisen doch nicht zwangsläufig wie ein Damoklesschwert über uns, neue Technologien gehörten immer schon zur Entwicklung des Musikmarktes dazu und haben diesem Markt sehr häufig wichtige Impulse gegeben. Es ist eher so, daß die Musikindustrie derzeit eine Phase der Konsolidierung erlebt, die noch zwei bis drei Jahre andauern wird. Das Internet bietet uns dabei beste Zukunftsaussichten. Stichworte sind: Direkt Marketing, Kostenmanagement oder E-Commerce. Über die neuen Technologien können wir infrastrukturelle Probleme so leicht wie nie zuvor überwinden, allerdings ist die Wahrung der Rechte von Künstlern und der Musikindustrie dabei voraus zu setzen – den Schulhof-Bootleggern muß Einhalt geboten werden.
MUSIKWoche: Statt Krise also das Prinzip Hoffnung?
Bernd Dopp: Nein, lieber konkrete Pläne statt diffuser Hoffnungen. Es gibt noch große Potentiale im Markt, die wir freisetzen können, über neue Ansprachen an den Endverbraucher und über den nonphysischen Vertrieb. Jetzt können auch schwerer erreichbare Konsumenten endlich direkt angesprochen werden. Wenn die rechtlichen Grundlagen für die Verbreitung im Internet wasserdicht stehen, dann erwachsen uns doch gewaltige Absatzpotentiale und Chancen.
MUSIKWoche: Sie glauben also an eine baldige akzeptable Regelung in dieser Hinsicht?
Bernd Dopp: Natürlich muß man weiterhin vor urheberrechtlichem Mißbrauch warnen und diesen entschieden auch durch die Entwicklung effektiver Kopierschutztechniken bekämpfen. Ich bin aber optimistisch und glaube daran, daß der Gesetzgeber in Brüssel unsere Stimme erhört. Wenn das der Fall ist, dann beginnt für die Musikindustrie eine spannende Zeit.
MUSIKWoche: Wie würden Sie die noch zu erschließenden Kundenpotentiale beschreiben?
Bernd Dopp: Die Mehrheit der konsumorientierten Bevölkerung ist mit Rock und Pop aufgewachsen. Viele waren im Anschluß an ihre Jugend mit dem Aufbau ihrer Karriere beschäftigt, diese Menschen haben heute Zeit und Geld, sind aber keine typischen Fans oder Szenegänger mehr. Dieses riesige Kundenpotential wird vom Handel nicht konsequent genug angesprochen. Hier geht es nicht um den Preis, hier erwarten moderne Zeitgenossen individuellen Service, der Einkauf muß ein Erlebnis sein. Standort, Ambiente, Kompetenz und Niveau sind dabei Stichworte für den Handel der Zukunft.
MUSIKWoche: Welche Ziele verfolgt WEA records mittelfristig?
Bernd Dopp: Wir versuchen ein ähnlich gutes Betriebsergebnis wie 1998 zu erreichen. Seit dem vergangenen 1. Dezember befinden wir uns bereits im neuen Geschäftsjahr, und da dieses der erfolgreichste Dezember aller Zeiten für unser Haus war, blicken wir dem Rest des Jahres natürlich sehr motiviert entgegen. Unsere Performance auf dem Markt und in den Charts ist ausgezeichnet.
MUSIKWoche: Wie wollen Sie die Erfolge auf dem Markt wiederholen?
Bernd Dopp: Vor uns liegen diverse hochkarätige Veröffentlichungen. Außerdem gehört zu unserer Strategie seit geraumer Zeit, daß wir uns noch intensiver um die Durchsetzung des Repertoires aus anderen europäischen Warner-Gesellschaften kümmern wollen, beispielsweise um Lhasa aus Frankeich, Alejandro Sanz aus Spanien und Ilse de Lange aus Holland. Ein weiterer Schwerpunkt liegt bei uns im lokalen Bereich. Bei den Singles sind wir momentan mit Der Verfall und Warmduscher sehr erfolgreich. Mit Sasha haben wir einen der bedeutendsten Newcomer des letzten Jahres und werden sein Album in Richtung Platin bringen. Als weltweiter Schwerpunkt wird er jetzt in Amerika auf dem Traditionslabel Reprise Records veröffentlicht, worauf wir sehr stolz sind. Daneben blicken wir auf weitere erfolgversprechende Newcomer wie Walkin‘ Large, Zelfa, DJ Tonka oder Cultured Pearls. Bei uns passiert also sehr viel.






