Backkatalog auf Vinyl

Die gute alte Vinylscheibe, die längst totgeglaubt war, feiert ganz im Stillen ein Comeback. Kleine Independent-Firmen profitieren davon schon eine Weile, jetzt denkt man auch beim ein oder anderen Major wieder über die schwarzen Platten nach.

Das Marktsegment Vinylplatten spielt in der deutschen Musikindustrie seit vielen Jahren nur noch eine minimale Rolle. Es ist „ein eher zu vernachlässigender wirtschaftlicher Faktor“, so hat es „Rolling Stone“-Chefredakteur Bernd Gockel beobachtet. Und dennoch: In den vergangenen Jahren war die Vinyl das einzige Segment mit leichten, aber kontinuierlichen Zuwachsraten, „wenn auch in bescheidenem Maße“. 1999 wurden in Deutschland etwa 600.000 Vinyl-LPs abgesetzt, während es 1997 noch 400.000 waren. Für das vergangene Jahr liegen noch keine Zahlen vor.

Nahezu unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit hat sich ein Spezialisten-Markt entwickelt, der vor allem aus England beliefert wird. Unabhängige Firmen wie das Label Simply Vinyl, aber auch Castle/Sanctuary haben sich darauf verlegt, die Vinyl-Fans mit Nachschub zu versorgen. „Simply Vinyl hat es sich zur Aufgabe gemacht, wichtige Platten der letzten 30 Jahre neu zu veröffentlichen, und zwar so original wie nur möglich und mit einem sehr hohen Qualitätsanspruch“, berichtet Peter Brühning, zuständig für Simply Vinyl beim deutschen Vertriebspartner edel in Hamburg. Der Katalog umfasst Namen wie Aerosmith, Byrds, Janis Joplin, Patti Smith, Fleetwood Mac, Santana, Zappa, Reed, Van Morrison, aber auch neuere Acts wie Beck, Nirvana oder Marilyn Manson; und viele LPs mit Filmmusik. „Unser bislang erfolgreichstes Produkt war der Soundtrack zu ‚Pulp Fiction““, erzählt Brühning.

Zwischen 500 und 1.500 Käufer finden Neuveröffentlichungen von Simply Vinyl in Deutschland, Tendenz steigend. edel habe beispielsweise 2000 ein Wachstum von 20 Prozent verzeichnet, so Brühning. Allerdings: „In England liegen die Startauflagen fast aller Veröffentlichungen bei 5000.“ Der Grund für diese Differenz liege darin, dass in England gezielt Werbung für Vinyl-Veröffentlichungen gemacht werde.

Zu den Großen dieses Marktbereiches zählt seit einiger Zeit auch das Label Castle Music/Sanctuary Records, das neuerdings von Zomba vertrieben wird und LPs von den Kinks, Small Faces, Motörhead sowie von Funk- und Soul-Acts im Repertoire hat. „Vinyl-Fans kennen sich bestens aus und sind kritische Kunden. Sie wollen die ursprüngliche Artwork und Song-Setlist, während CD-Käufer mehr kompakte und umfassende Anthologien wollen“, sagt John Reed von Castle im Gespräch mit MusikWoche. Stolz ist Reed, der früher für das Fachmagazin „Record Collector“ gearbeitet hat, auf zwei Projekte, die Castle im vergangenen Jahr gemeinsam mit BMG verwirklichte: Das eine war das Vinyl-Paket „The Artist Of The Century“ von Elvis Presley, eine fünf Alben umfassende Box, die Ende des Jahres erschien.

Auch vom zweiten Projekt schwärmen Reed und Klaus Schmalenbach: Sämtliche von Elvis Presley beim legendären Sun-Label veröffentlichten Singles sind im 7″-Format als Box neu herausgekommen und angereichert mit einer Bonus-EP. „Dieses Paket hat eine historische Dimension, denn dabei handelt es sich um die Singles, die – neben denen der Beatles – die Pop-Geschichte maßgeblich geprägt haben“, meint Reed. „Wir beliefern Plattenläden, aber auch Mailorder-Firmen, wie jpc, Soundhouse oder Milestone, die ja spezielle Vinyl-Angebote haben“, erzählt Brühning über die Verkaufswege der schwarzen Scheiben.

Billig sind Vinyl-Angebote nicht. „Im Laden kosten sie etwa zwischen 35 und 55 Mark. Ein Dreier-LP-Set von The Clash zum Beispiel liegt bei 55 Mark – das ist natürlich teuer, aber es sind drei LPs in der entsprechenden Ver-packung“, so Brühning. „Simply Vinyl zahlt gute Lizenzen und erspart den Majors Personal- und Vorlaufkosten.“ Daher überließen viele Major Companies Simply die Parallelveröffentlichung auf Vinyl. So gehörte 2000 die Vinyl-Ausgabe von Lenny Kravitz“ „Best Of“-Album zu den erfolgreichsten Veröffentlichungen, neben dem Soundtrack von „Fight Club“ und den Tindersticks mit „Simple Pleasure“. Alle drei Veröffentlichungen lagen Brühning zufolge bei über 1.500 verkauften Exemplaren. Und auch die Vorverkaufszahlen für die Bowie-LPs – Simply Vinyl bringt den gesamten Backkatalog des Sängers neu heraus – hätten sich hervorragend angelassen. „Unsere Bowie-Vorverkaufszahlen sind klasse, sie liegen im Schnitt bei 250 Exemplaren pro Album.“

Dass das Vinyl-Geschäft sich lohnt, scheinen inzwischen auch diverse Major Companies zu realisieren. So wird Universal ab Frühjahr erneut Vinyl anbieten. „Das ist ein Markt, der wieder leichte Zuckungen hat“, erklärt Nathalie Heinrich, General Manager Catalogue Marketing. „Wir werden ab März oder April unseren Backkatalog analog remastern und ihn mit ordentlicher Verpackung wieder herausbringen.“