MusikWoche: Kürzlich haben IFPI und BVMI Streaming Fraud als eines der derzeit zentralen Probleme der Musikbranche bezeichnet. Sie sagen, diese Aktivitäten finden „in großem Umfang“ statt – gibt es Zahlen oder Schätzungen, um ein klareres Bild von diesem Problem zu zeichnen?
Victoria Oakley: Es gibt zwar keine einheitlichen weltweiten Zahlen, aber eines wissen wir: Streaming-Betrug findet derzeit statt, und zwar in großem Umfang. Selbst niedrige einstellige Prozentsätze bedeuten Milliarden gefälschter Wiedergaben, wodurch echten Künstlern erhebliche Einnahmen entgehen. Und durch generative KI wird Streaming-Betrug immer kostengünstiger, schneller und industrialisierter. Das ist weder fair noch richtig.
Ein anschauliches Beispiel für Streaming-Betrug in der Praxis ist der Fall von Michael Smith. Im März leiteten die US-Behörden das erste Strafverfahren dieser Art ein und machten damit das Ausmaß des Problems deutlich. Smith nutzte automatisierte „Bots“, um gefälschte Streams für Tausende von KI-generierten Titeln zu generieren, wodurch er legitimen Künstlern und Rechteinhabern letztlich Tantiemen in Höhe von mehr als 8 Millionen Dollar entzog.
Florian Drücke: An dieser Stelle befeuert die Entwicklung das Problem. Inhalteanbieter werden durch KI generierte Erzeugnisse geflutet und entsprechend erhöht sich auch das Ausmaß nicht lizenzierter Tracks auf den Plattformen. Im Bereich Musik kennen wir die Zahlen von Deezer, denen zufolge sich die Zahl täglich hochgeladener, rein maschinell erzeugter Songs innerhalb von fünfzehn Monaten von 10.000 im Januar 2025 auf 75.000 im April 2026 versechsfacht hat und inzwischen 44 Prozent aller Uploads entspricht, Tendenz weiter steigend. Laut Deezer erkennt die Plattform 85 Prozent dieser Tracks als „fraudulent“ und entmonetarisiert sie entsprechend. Dennoch illustrieren diese Angaben die Größenordnung, über die wir sprechen.
„Es handelt sich zweifellos um ein globales Problem. Betrug beschränkt sich nicht auf einen einzelnen Markt – er nutzt Schwachstellen im gesamten Ökosystem aus.“ Victoria Oakley, IFPI.
MusikWoche: Ist Streaming Fraud ein weltweites Problem oder beschäftigen sich einige der IFPI-Landesgruppen mehr als andere damit?
Victoria Oakley: Es handelt sich zweifellos um ein globales Problem. Betrug beschränkt sich nicht auf einen einzelnen Markt – er nutzt Schwachstellen im gesamten Ökosystem aus. Die Vorgehensweisen mögen sich regional unterscheiden, doch das zugrunde liegende Problem kennt keine Grenzen. Wir haben es mit hochmobilen, organisierten Netzwerken zu tun, die sich rasch verlagern, um Schwachstellen in den Kontrollmechanismen auszunutzen, und die oft mit organisierter Kriminalität im weiteren Sinne in Verbindung stehen.
MusikWoche: Gibt es dennoch Regionen, die bei Fraud besonders weit oben auf der Liste stehen?
Victoria Oakley: Wie gesagt, dieser Betrug ist nicht auf ein bestimmtes Land beschränkt. IFPI geht gemeinsam mit den nationalen Mitgliedsverbänden rechtlich vor, wo immer wir die Betrüger identifizieren können. Bislang betrifft dies Deutschland, Frankreich, Kanada und Brasilien. Weitere Fälle sind in Vorbereitung, und wir werden weiterhin weltweit nach Zielen suchen – um sicherzustellen, dass Betrüger gestoppt werden, und um ein sehr klares Signal zu senden, dass Streaming-Betrug illegal ist.
MusikWoche: Auch in Deutschland gab es in den letzten Jahren eine Reihe von Gerichtsverfahren gegen Anbieter von Streaming-Manipulation – gab es in diesem Kontext ein besonders wichtiges Urteil?
Florian Drücke: Vor acht Jahren gehörten wir zu den ersten, die auf das Thema Streaming Fraud hingewiesen haben. Seitdem haben wir bereits eine ganze Reihe erfolgreicher, schneller Gerichtsverfahren gegen Manipulationsdienste geführt. Besonders wichtig war hier sicherlich das Verfahren gegen Pimpyourfollower vor dem Landgericht Düsseldorf, denn es wurden nicht nur die Angebote der Website als wettbewerbswidrig untersagt, sondern zum ersten Mal weltweit festgestellt, dass der Betreiber eines solchen Dienstes zu Schadensersatz verpflichtet ist. Dieses Verfahren war gleichzeitig das zehnte deutsche Verfahren, in dem IFPI, BVMI und ihre Mitgliedsfirmen gegen die Anbieter von Streaming-Manipulation vorgegangen sind.
MusikWoche: Welche Maßnahmen gibt es derzeit zur Aufdeckung von Streaming Fraud?
Victoria Oakley: Von außen betrachtet ist unsere Sicht als Musiklabels auf das Geschehen begrenzt, aber bis zu einem gewissen Grad sind wir in der Lage, Fälle verdächtiger Aktivitäten zu erkennen und festzustellen, wer dahintersteckt. Auch können wir Dienste identifizieren, die Betrug kommerzialisieren, indem sie gefälschte Plays auf DSPs verkaufen.
DSPs verfügen über eine einzigartige Perspektive, da sie die Aktivitäten auf ihren jeweiligen Plattformen überblicken und diese Informationen zur Aufdeckung von Betrug nutzen können.
Der branchenübergreifende Austausch von Informationen ist von entscheidender Bedeutung, um sicherzustellen, dass böswillige Akteure sich nicht ungehindert zwischen DSPs und Distributoren bewegen können. Letztendlich sollte das Ziel eine bessere Prävention im Vorfeld sein.
Wir möchten mit allen Akteuren der Streaming-Wertschöpfungskette – DSPs, Distributoren, Aggregatoren und so weiter – zusammenarbeiten, um dieses Problem gemeinsam anzugehen.
MusikWoche: Was tun Sie, wenn Sie von konkreten Betrugsfällen erfahren? Wie gehen Sie mit solchen Fällen um?
Victoria Oakley: Wenn Betrugsfälle aufgedeckt werden, muss die Branche mit einem mehrschichtigen Ansatz reagieren. Plattformen und Distributoren müssen Maßnahmen ergreifen, um den Betrug zu unterbinden, seine Auswirkungen auf Lizenzgebühren und die Datenintegrität zu mindern und eine Wiederholung zu verhindern.
Wo immer möglich, leiten IFPI und die nationalen Verbände rechtliche Schritte ein, damit Betrüger mit Konsequenzen rechnen müssen. Grundsätzlich müssen wir als Branche den Datenaustausch und das gemeinsame Vorgehen verstärken, um dem Betrug immer einen Schritt voraus zu sein.
Florian Drücke: Allein in Deutschland haben IFPI und der BVMI in den vergangenen Jahren unter anderem erreicht, dass der deutsche Streaming-Manipulationsdienst SP-Onlinepromotion nach einer erfolgreichen Abmahnung vom Netz ging (Oktober 2023). 2021 hat das Landgericht Frankfurt am Main in einem Eilverfahren dem Betreiber der Streaming-Manipulationswebsites likeservice24.de und likeservice24.com die Erzeugung zusätzlicher Plays, Views, Likes und Abonnent:innen für Musik auf kommerziellen Online-Media-Plattformen als Dienstleistung untersagt. Vergleichbare Entscheidungen gab es außerdem vor den Landgerichten Berlin, Darmstadt, Bremen, Hamburg und Köln im August 2020, in deren Folge socialnow.de, socialgeiz.de, likergeiz.de, netlikes.de und likesandmore.de ihre Dienste einstellen mussten. Im März 2020 haben wir gemeinsam eine Unterlassungsverfügung gegen followerschmiede.de vor dem LG Berlin erwirkt. Unsere Branche arbeitet mit Regierungsbehörden und Schnittstellen in vielen Ländern zusammen, um den Betrieb illegaler Dienste zu unterbinden. Aber eines dürfen wir nicht übersehen: Das Problem muss aber natürlich letztlich vor allem an der Wurzel gepackt werden – dort wo alle Daten zusammenlaufen, bei den DSPs.
„Es geht in diesem Kontext – wie in anderen ‚klassischen’ Piraterie-Umfeldern auch – um organisierte Kriminalität.“ Florian Drücke, BVMI
MusikWoche: In der MP3-Ära wurde Piraterie von den Nutzern betrieben. Woher scheinen die Betrüger und kriminellen Akteure heute zu kommen?
Florian Drücke: Heute spielen sicherlich ‚professionelle‘ Akteure eine sehr entscheidende Rolle, also Personen oder Personengruppen, die es bewusst darauf anlegen, in großem Stil illegal Einnahmen aus dem Pool abzuschöpfen, der den Kreativen und ihren Partnern zusteht. Wir dürfen also nicht verkennen: Es geht in diesem Kontext – wie in anderen „klassischen“ Piraterie-Umfeldern auch – um organisierte Kriminalität. Um deren Netzwerken beizukommen, bedarf es der Zusammenarbeit mit staatlichen Behörden. So haben sich zum Beispiel inzwischen glücklicherweise immer mehr Cybercrime-Stellen bei den Staatsanwaltschaften in Deutschland formiert, mit denen wir bereits in Kontakt stehen. International ist IFPI im aktiven Austausch mit Interpol, Europol, WIPO. Und noch eines: Es geht immer wieder um Koalitionen und Allianzen. Gerade deshalb legen wir auch auf solche Themen einen großen Wert.
MusikWoche: Politische Stakeholder, DSPs, Distributoren, Musiklabels, Verlage, Chart-Ersteller – an wen richtet sich Ihre Kampagne „Keep Music Sound“ in erster Linie?
Victoria Oakley: „Keep Music Sound“ richtet sich an Unternehmen an jeder Stelle der Wertschöpfungskette im Bereich Musikstreaming. Die Kampagne basiert auf unserem Ansatz „Prüfen, Verifizieren, Handeln und Teilen“, den DSPs und Distributoren anwenden müssen, um Streaming Fraud zu bekämpfen.
Kurz gesagt bedeutet das, zu wissen, wer die Inhalte bereitstellt und ob diese Inhalte lizenziert sind. Anschließend müssen alle Maßnahmen ergriffen werden, um Betrug zu unterbinden. Gleichzeitig müssen die Informationen über betrügerische Akteure mit anderen Plattformen oder Diensten geteilt werden.
MusikWoche: Was ist aus „SAD“ geworden, dem Instrument zur Fraud-Erkennung, das BVMI und GfK Entertainment 2024 vorgestellt haben – ist es im Einsatz, und wenn ja, gibt es bereits Ergebnisse?
Florian Drücke: Neben dem gerichtlichen Vorgehen haben der BVMI und GfK Entertainment zusammen mit der Wirtschaftsuniversität Wien als ergänzendes Werkzeug einen gemeinsam entwickelten Ansatz zur „Streaming Anomaly Detection“, kurz „SAD“, vorgestellt. Das Tool ermöglicht die Identifikation von Anomalien, indem zentrale Indikatoren von artist- oder songbezogenen Daten ausgewertet werden. Die Ansätze dienen nun als Impuls für den ganzheitlicheren internationalen Ansatz. Letztlich müssen wir auf allen Ebenen aktiv bleiben und zusammenarbeiten. Derzeit intensivieren wir die internationale Kooperation: Einem globalen Phänomen muss man sowohl lokal als auch international begegnen.






