Es ist ein Buch gewesen, das bereits vor der Veröffentlichung in der Musikindustrie für Nervosität gesorgt hat. Zwei renommierte Investigativjournalist:innen haben ein Buch über Machtmissbrauch in der Musikbranche verfasst: Lena Kampf und Daniel Drepper.
Lena Kampf ist stellvertretende Ressortleiterin im Ressort Investigative Recherche der „Süddeutschen Zeitung“ („SZ“). Zuvor war sie Investigativreporterin beim WDR in Berlin und Brüssel und Teil der Recherchekooperation aus NDR, WDR und „SZ“. Sie hat 2019 mit einer Reportage über die #MeToo-Bewegung im Europaparlament den Deutsch-Französischen Journalistenpreis gewonnen.
Daniel Drepper leitet die Recherchekooperation von NDR, WDR und „SZ“ und war zuvor Mitbegründer des gemeinnützigen Recherchezentrum Correctiv und Chefredakteur von „BuzzFeed News Deutschland“, wo sein Team unter anderem den MeToo-Skandal um Julian Reichelt aufgedeckt hat.
Also zwei absolut seriöse Autor:innen, die mit über 200 Personen gesprochen haben. Aufgrund der Informationen, die vorher aus dem Buch bekannt wurden, war es nicht verwunderlich, dass bei der Lesung zur Buchpremiere am 28. Mai 2024 in Berlin viele Corp-Comms-Mitarbeitende unter den Zuhörenden zu finden waren.
Es ist bezeichnend, dass zwei Investigativjournalist:innen der Musikbranche bereits vor „Row Zero“ ihre Recherchen begonnen haben und aufdecken, dass Machtmissbrauch und sexualisierte Übergriffe weiterhin in der Branche fest verankert sind.
Ein Beispiel: Wenn 2023 auf dem Sommerfest eines Major-Labels Mitarbeitende nicht geschützt werden bei einem offensichtlich „herausfordernden“ Line-Up (Seite 103/Part 7/Kapitel „Aus großer Kraft“) – dann ist das Buch als Brandbrief an die Branche zu verstehen, der längst überfällig ist.
Danke für das Gespräch, Lena. Über den Titel des Buches „Row Zero“ wird und wurde detailliert darauf eingegangen, hier im Interview möchte ich den Schilderungen Raum geben, die an einem eigentlich „normalen“ Arbeitstag in der Musikindustrie stattgefunden haben. Nach über einem Jahr Recherche: Wie würdest Du die Musikbranche in drei Worten beschreiben?
Es gibt eine Diskrepanz zwischen dem Bild, was die Branche nach außen hat oder auch von sich entwirft, und den tatsächlichen Bedingungen: Nach außen scheint die Branche divers und sehr progressiv. Tatsächlich ist sie ziemlich hierarchisch und patriarchal geprägt.
„Nach außen scheint die Branche divers und sehr progressiv. Tatsächlich ist sie ziemlich hierarchisch und patriarchal geprägt.“
Ist die Musikindustrie ein sicherer Ort für Frauen?
Gewalt und sexualisierte Übergriffe auf Frauen sind ein gesellschaftliches Problem, das viele Bereiche unseres Zusammenlebens durchwirkt, insbesondere die privaten Räume, Stichwort Partnerschaftsgewalt. In der Musikindustrie, insbesondere in der Livebranche, gibt es aber ein paar Bedingungen, die Übergriffe erleichtern. Die Arbeit findet nachts im Dunkeln statt, oftmals unter Alkohol- oder Drogeneinfluss. Die Grenze zwischen Job und Privatleben verschwimmt dabei und in dieser Grauzone kann es leichter passieren, dass Grenzen überschritten werden.
Was hat Dich zu dem Punkt am meisten bei der Buchrecherche überrascht?
Wie viel Angst es immer noch gibt, offen über diese Probleme zu sprechen. Daniel und ich konnten in „Row Zero“ nur einen Bruchteil dessen aufschreiben, was wir erfahren haben, weil viele unserer Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner nur unter der Bedingung der absoluten Anonymität bereit waren, uns ihre Erlebnisse zu berichten. Wenn wir ihre Geschichten verwendet hätten, wären sie selbst, aber auch Beschuldigte erkennbar gewesen, etwa Künstler oder mächtige Manager aus der Branche.
Was scheinen die Schwachstellen bei den Betrieben in der Musikwirtschaft zu sein?
Unserer Beobachtung nach ist auch die Arbeit abseits der Bühne geprägt von „Sex, Drugs & Rock’n’Roll“. Fast schon ein Klischee, aber wenn der Exzess verkauft wird, so scheint es, färbt das ein Stück weit auch auf diejenigen ab, die diese Arbeit machen. Uns haben viele berichtet, wie Grenzüberschreitungen oder Drogenmissbrauch von Künstlerinnen und Künstlern ganz selbstverständlich eingepreist wurden, ja geradezu gefördert, damit alles funktioniert und läuft.
Warum halten sie sich hartnäckig?
Lange haben viele auch davon profitiert, etwa die Entourage von Künstlern, die auch Groupies abbekommen haben. Gerade diejenigen wären aber eigentlich in der Position, Grenzen zu setzen oder Verantwortung klar zu ziehen. Mein Eindruck ist auch, dass es sehr vielen lange auch nicht möglich erschien, Dinge anders zu machen, vielleicht auch aus Sorge, damit die Kreativität zu unterbinden oder dass die Kunst zu angepasst, zu brav wird. Die Branche ist außerdem voller Abhängigkeiten, man muss sich weiterhin gut stellen mit Entscheiderinnen und Entscheidern. Den Mund aufzumachen, auszubrechen aus dem „Das haben wir doch schon immer so gemacht“, kann potenziell das Ende einer Karriere bedeuten.
„Den Mund aufzumachen, auszubrechen aus dem ‚Das haben wir doch schon immer so gemacht‘, kann potenziell das Ende einer Karriere bedeuten.“
Wird Deiner Meinung nach ausreichend dagegen gesteuert?
Es gibt in der Branche unglaublich viele Menschen, die nicht mehr so weitermachen wollen, oftmals weil sie merken, dass sie selbst dabei kaputt gehen. Wir haben den Eindruck, dass die Zwangspause während der Corona-Pandemie viele zum Nachdenken gebracht hat.
Sind wir heute weiter als vor zehn Jahren?
Die gesamte Gesellschaft ist heute viel stärker für die Auswirkungen von Machtasymmetrien sensibilisiert, insbesondere in sexuellen Beziehungen. Das ist ein Prozess, den die #MeToo-Bewegung angestoßen hat und der sich natürlich auch – oder gerade – im Showbusiness niederschlägt: Alte Gewohnheiten werden in Frage gestellt, einiges, was früher selbstverständlich war, irritiert heute.
Was braucht es, um die strukturellen Bedingungen aufzubrechen, die solch einen Machtmissbrauch erst möglich machen?
Aus unserer Sicht zunächst einmal eine Debatte darüber – und das geht nur, wenn die Fakten auf den Tisch kommen. Dazu wollen wir mit „Row Zero“ beitragen.
Wird der „Machtmissbrauch“ von Personen in der Macht überhaupt erkannt?
Viele, die heute in der Musikindustrie in Machtpositionen sind, sind nach unserem Eindruck in einer Zeit in der Branche sozialisiert, in denen einige der Dinge, die uns heute irritieren, ganz selbstverständlich waren. Möglicherweise findet da auch ein Umdenken statt, aber wirklich etwas zu ändern würde auch bedeuten, Privilegien abzugeben. Das scheint mir die größte Hürde zu sein.
„Wirklich etwas zu ändern würde auch bedeuten, Privilegien abzugeben. Das scheint mir die größte Hürde zu sein.“
Warum wird der „Machtmissbrauch“ und manchmal auch die Vorhersehbarkeit von sexuellen Übergriffen so toleriert? Warum scheint die Branche erst einzugreifen, nachdem etwas passiert ist – ist sie unfähig präventiv zu handeln?
Nicht per se, dazu ist die Musikindustrie in ihren unterschiedlichen Teilen auch zu divers. Mein Eindruck ist schon, dass sich in einigen Teilen sehr viel tut, man dort sehr viel bewusster mit Macht und Privilegien umgeht, auch viel bewusster als in anderen Branchen. Und selbst in großen Plattenfirmen werden heftige Diskussionen über Werte und Verantwortung geführt.
Wie erklärst Du Dir, dass Künstler, die offenbar sexuell übergriffig wurden und sexuelle Übergriffe auch heroisieren, aktuell etwa auf Fan-Festen am Brandenburger Tor als Headliner auftreten – welche unter anderem vom Berliner Senat gefördert werden? Wie viele Instanzen versagen hier Deiner Meinung nach?
Ganz grundsätzlich und unabhängig von individuellen Vorwürfen haben wir in unseren Recherchen festgestellt, dass eine klassische Cancel Culture in der Musikindustrie so gut wie gar nicht existiert. Im Gegenteil sind einige Künstler in der Vergangenheit immer wieder noch erfolgreicher geworden, wenn ihnen in der Öffentlichkeit Vorwürfe gemacht wurden. Gerade Rapper unterliegen oft einem sogenannten Authentizitätsgebot, aber das gilt auch für andere Genres, für Rock etwa oder auch Pop.
„Einige Künstler sind in der Vergangenheit immer wieder noch erfolgreicher geworden, wenn ihnen in der Öffentlichkeit Vorwürfe gemacht wurden.“
Ist das ein Paradebeispiel eines Musikindustrie-Mechanismus: „Was interessiert mich, was gestern in der Zeitung stand“?
Erfolg fokussiert sich in der Musik sehr stark auf einzelne Personen beziehungsweise Bands. Sehr viele Menschen hängen von diesen wenigen Stars ab. Wenn jemand erfolgreich ist, wird dieser Hype von vielen Seiten befördert, weil viele davon profitieren. Sich dort dagegen zu stellen ist für einzelne Personen natürlich schwierig.
Hast Du eine Prognose, wie es weitergehen wird?
Als Journalist:innen hoffen wir natürlich darauf, dass immer mehr Menschen den Mut finden, über ihre Erlebnisse zu sprechen. Denn nur so können wir der Wahrheit möglichst nahekommen, sowohl in unserer Recherche, als auch in den Diskussionen innerhalb der Branche selbst. Es ist immer schwierig, über konkrete Vorwürfe und Erlebnisse zu sprechen, aber sowohl der Fall Rammstein als auch unser Buch öffnen jetzt hoffentlich Räume für mehr und intensivere Diskussionen.
Was wünscht Du der Branche?
Gute Gespräche und dass man denjenigen zuhört, die den Mut haben zu sprechen.
Was macht Dich dahingehend hoffnungsvoll?
Wir haben während der Recherche mit mehr als 200 Personen aus der Musikbranche gesprochen und dabei unglaublich viele extrem kluge, kreative und kompetente Menschen kennengelernt, die uns mit ihrer Entschlossenheit sehr beeindruckt haben. Wir haben auch erlebt, dass Betroffene untereinander solidarisch waren und sich gegenseitig dabei unterstützt haben, damit ihre Erlebnisse in „Row Zero“ stattfinden und öffentlich werden können.
zur Person
Stefanie Kim wurde 1977 in Westfalen geboren. In Köln betreute sie Brand Partnerships unter anderem für N*Sync und kam darüber zu NBC Giga. 2000 ging sie für Edel Records nach Hamburg, nur knapp ein Jahr später nach Köln zur EMI. 2005 wechselte Kim vom Major nach Berlin, wo sie bei einer Agentur Bands wie Die Toten Hosen und Fettes Brot mitbetreute. Ein Jahr später berief EMI sie als Head Of TV Promotion für Labels/Virgin/Mute. 2010 gründete sie KimKom. Neben Künstler:innen und Brands finden sich auch Bundesministerien im Kommunikationsalltag der Agentur. Stefanie Kim ist darüber hinaus als Speakerin für die Themen Women Empowerment und Diversity tätig. Nach einer Station bei Warner Music Central Europe als Director Corporate Communications, Diversity, Equity & Inclusion widmet sich Steffi Kim inzwischen wieder ganz ihrer Agentur KimKom.






