Recorded & Publishing

Nachgefragt bei Prof. Dr. Reinhold Kreile, Vorstandsvorsitzender der GEMA

Am 25. und 26. Juni 2002 findet die diesjährige Jahreshauptversammlung der GEMA in Berlin statt, bei der der Vorstand unter anderem den Geschäftsbericht 2001 vorlegt. Für musikwoche.de erläuterte Prof. Dr. Reinhold Kreile vorab einige Eckpfeiler der GEMA-Arbeit.

musikwoche.de: Welche Ergebnisse brachte das Geschäftsjahr 2001 für die Mitglieder der GEMA?

Reinhold Kreile: Das Geschäftsjahr 2001 brachte für die GEMA-Mitglieder und die Rechteinhaber in aller Welt eine Steigerung des Inkassos: Die Gesamterträge erhöhten sich von 2000 auf 2001 insgesamt um 9,117 Millionen Euro (1,14 Prozent). Die Gesamtertragssumme für das 68. Geschäftsjahr 2001 beläuft sich auf 810,537 Millionen Euro gegenüber 801,420 Millionen im Jahre 2000.

mw: Wie sehen die Eckdaten der Bilanz aus?

Kreile: Sie machen deutlich, dass die GEMA vor allem im Kerngeschäft der Lizenzierung von öffentlichen Aufführungen und Wiedergaben weitere Steigerungen verzeichnen kann. So stieg das Aufkommen aus den Aufführungs- und Senderechten auf 351,494 Millionen Euro im Jahr 2001 gegenüber 341,870 Millionen in 2000. Dies bedeutet eine Erhöhung von 9,624 Millionen Euro (um 2,82 Prozent). Entsprechend der Marktentwicklung wurde im Bereich Tonträger-Vervielfältigungsrechte gegenüber dem Ergebnis des Vorjahrs (2000: 283,641 Millionen Euro) ein Rückgang um 3,43 Prozent auf 273,923 Millionen Euro verzeichnet. Ursache waren vor allem rückläufige Erträge aus der Tonträgerlizenzierung im Inlandsmarkt.

Gleichwohl hat sich in Folge der Zuwächse bei Inkassomandaten und sonstigen Erträgen die Verteilungssumme, die an die Rechteinhaber in aller Welt ausgeschüttet wird, erhöht: Sie liegt um 8,115 Millionen Euro, also um 1,19 Prozent, über dem Vorjahr und erreicht damit den Ausschüttungsbetrag von 692,621 Millionen Euro. Zu diesem guten Verteilungsergebnis hat auch eine stabile Entwicklung der Kosten bei der GEMA beigetragen, die sich in der leichten Reduzierung des Kostensatzes auf 14,5 Prozent (Vorjahr: 14,6 Prozent) widerspiegelt. Insgesamt also ist es der GEMA in diesem schwierigen Geschäftsjahr gelungen, das auch im internationalen Vergleich hohe Ertragsniveau zu erhalten und teilweise auszubauen und damit die Ausschüttungssumme erneut zu steigern. Die GEMA wird alle Anstrengungen unternehmen, auch im Geschäftsjahr 2002 – trotz des nicht einfacher werdenden Umfelds – wiederum ein zufrieden stellendes Ergebnis für die Rechteinhaber zu erarbeiten.

mw: Kennzeichnend für die zurückliegenden Geschäftsjahre der GEMA war eine beständige Intensivierung der internationalen Kooperation. Konnte dieser erfolgreiche Prozess fortgeführt werden?

Kreile: Im abgelaufenen Geschäftsjahr war in dieser Hinsicht der Start der Globalen Repertoire-Datenbank in der technischen Allianz Fast Track – die sich den neuen Namen The Digital Copyright Network gegeben hat – ein wichtiger Schritt zur Effizienzsteigerung bei den beteiligten Partnergesellschaften. Fast Track wurde unter maßgeblicher Beteiligung der GEMA von führenden Verwertungsgesellschaften – BMI (USA), GEMA (Deutschland), SACEM (Frankreich), SGAE (Spanien), SIAE (Italien) – ins Leben gerufen und hat im vergangenen Jahr als neue Mitglieder die AKM und Austro-Mechana (Österreich), SUISA (Schweiz) sowie SABAM (Belgien) gewinnen können. Das dezentrale Fast-Track-System soll den Zugriff auf die Dokumentations-Datenbanken der beteiligten Gesellschaften ermöglichen.

Ein dezentrales System wird also gleichsam zur virtuellen Zentraldatenbank, ein wesentlicher Fortschritt für Lizenzierung und für rationelle Abrechnung. Und weiterhin verfolgt die GEMA im Rahmen der CISAC, der weltweiten Dachorganisation der Urheber, die für die Rechtewahrnehmung unerlässliche technische Zusammenarbeit. Diesen Weg mit seinen Investitionen in moderne Technologien in Hard- und Software, aber auch in Manpower wird die GEMA in den kommenden Jahren fortsetzen, um damit die zukunftsweisenden Projekte Online-Lizenzierung, Online-Werkregistrierung und Dokumentation weiter voranzutreiben.

mw: Sie haben stets deutlich gemacht, dass die GEMA, namentlich in enger Partnerschaft mit der französischen Schwestergesellschaft SACEM, eine gesamteuropäische Verantwortung hat. Insbesondere als Präsident des Dachverbandes Europäischer Autorengesellschaften GESAC haben Sie sich für die Ausgestaltung urheberrechtlicher Rahmenbedingungen in einem gemeinsamen europäischen Kultur- und Wirtschaftsraum eingesetzt. Was waren hier die wichtigsten Herausforderungen?

Kreile: Die größte öffentliche Aufmerksamkeit hat wohl die Auseinandersetzung der GESAC mit der amerikanischen Regierung über die Kompensation für die Nutzung urheberrechtlicher Leistungen von europäischen Rechteinhabern hervorgerufen. Bereits im Juli 2000 hat die WTO, also die Welthandelsorganisation, festgestellt, dass die gesetzliche Regelung der USA, keine Vergütung für die Musiknutzung in Bars, Restaurants und Geschäften zu gewähren, wenn sie aus Radio oder Fernsehen kommt, gegen internationale urheberrechtliche Standards verstößt. Der von der europäischen Dachorganisation GESAC geführte Kampf gegen dieses Unrecht war deswegen so bedeutsam, weil es darum ging, eine massive Benachteiligung der Autoren in den USA zu bekämpfen, die letztlich auch das europäische Urheberrecht in seinem Kern bedroht. Wenngleich die von der Schiedskommission nun festgelegte pauschale finanzielle Kompensation in unseren Augen eine lächerlich geringe Summe gegenüber den tatsächlich vorenthaltenen Lizenzvergütungen darstellt, so ist der erreichte Kompromiss dennoch ein weltweites Signal, dass urheberrechtlich geschützte Leistungen nirgendwo zum Nulltarif zu haben sind.

Die GESAC wird alles daran setzen, im Wirtschaftsraum der USA ein gerechteres Entgelt für die von ihr vertretenen europäischen Rechteinhaber zu erreichen. Ein wichtiger Schritt für dieses Ziel wird die Etablierung eines europäischen Autorenforums sein, das alle Beteiligten zusammenführt und dessen Aktivitäten das Bewusstsein für einen effektiven internationalen Urheberschutz schärfen. Eine weitere Hauptaufgabe war die Harmonisierung und die Rechtsfortbildung der Urheberrechtsgesetze in den europäischen Staaten, vornehmlich unter dem Gesichtswinkel der Informationsgesellschaft. Dieses Ziel sollte durch die EU-Richtlinie zum Urheberschutz in der digitalen Informationsgesellschaft erreicht werden. Dieser von der GESAC auf allen Ebenen vorangetriebene Prozess war und ist von entscheidender strategischer Bedeutung für die Erhaltung und den Ausbau des bisher erreichten hohen Schutzniveaus; es gilt auch, dass die bewährte kollektive Rechtewahrnehmung in Europa erhalten bleibt. Deswegen waren die Weichen zu stellen für den umfassenden Schutz schöpferischer Leistungen auch in der Zukunft, vornehmlich in der digitalen Welt. Hier ist es nunmehr europaweit gelungen, die neuen Distributionsformen der digitalen Technologie mit den unverrückbaren Grundpositionen des Urheberschutzes zu verbinden.

mw: Im kommenden Jahr feiert die GEMA ihr 100-jähriges Jubiläum. Was ist auf der Grundlage der erfolgreichen Jahresbilanz 2001 Ihre Botschaft für den Urheberschutz im 21. Jahrhundert?

Kreile: Im Vorjahr ihres 100-jährigen Bestehens im Jahr 2003 präsentiert sich die traditionsreiche musikalische Verwertungsgesellschaft GEMA nicht nur als erfolgreiche Treuhänderin der in ihr zusammengeschlossenen Komponisten, Textdichter und Musikverleger, sondern in gleichem Maße als entschlossene Kämpferin für Weiterentwicklung und Anpassung der technischen und administratorischen, der politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für ein hohes urheberrechtliches Schutzniveau. Denn nur durch unermüdliches Eintreten für den umfassenden Schutz urheberrechtlicher Leistungen wird sich auch in Zukunft der wirtschaftliche Erfolg der GEMA einstellen, der seine Grundlage im Erfolg der kreativen Musikurheber im Musikmarkt hat.

Die diesjährige Mitgliederversammlung in Berlin wird den Weg in die zweiten hundert Jahre des erfolgreichen musikalischen Urheberschutzes in Deutschland bereiten, einen Weg, der die GEMA im europäischen Binnenmarkt in weit stärkerem Maß, als das bisher der Fall war, über die nationalen Grenzen hinaus führen wird. Ich hege keinen Zweifel, dass die GEMA auch im weiteren Verlauf des 21. Jahrhunderts auf nationaler wie internationaler Ebene ihre erfolgreiche Rolle als Anwältin des Urheberschutzes und dessen wirtschaftliche Durchsetzung spielen wird.