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Interview mit Ossy Hoppe: „Ein Veranstalter muss ein Chamäleon sein“

Ossy Hoppe zeichnet seit Januar 2002 als Geschäftsführer für die DEAG-Tochter Global Concerts verantwortlich. musikwoche.de sprach mit dem ehemaligen Mitstreiter von Marekt Lieberberg über die Pläne der DEAG nach der Umstrukturierung, über Ticketpreise und die Problemfelder der Branche.

mw: Wie geht es den Konzertveranstaltern derzeit? Ist jammern angesagt oder frohlocken?

Hoppe: Das Geschäft ist auf jeden Fall härter geworden, das Feld ist nicht mehr so leicht zu beackern wie in vergangener Zeit. Es ist heute ein knallhartes Business. Touring ist für viele Bands zum Teil zur Einnahmequelle Nummer Eins geworden, was das Abschließen der Deals nicht einfacher macht.

mw: Die Tonträgerfirmen machen als einen ihrer Hauptfeinde die CD-Brenner und Piraten aus. Was stellt das größte Problem für die Veranstalter dar?

Hoppe: In Amerika verbreiten sich immer mehr die sogenannten Radio-Shows. Auch in Australien ist diese Entwicklung zu beobachten. Radiosender veranstalten durch die Shows Konzerte und setzen als Eintritt lediglich einen minimalen Preis fest. Die Kosten fängt der Sender durch andere Einnahmen auf. Diese Einnahmen bestehen aus dem Verkauf von Werbezeiten oder Beteiligungen am CD-Verkauf, den sie selbst mit der jeweiligen Plattenfirma aushandeln. Ich hoffe nicht, dass diese Entwicklung auch nach Deutschland kommt. Denn in Amerika wird für manche dieser Radioshows beispielsweise nur fünf Dollar Eintritt genommen. Die Bands machen mit aufgrund des Drucks der Plattenfirmen, die sich dadurch mehr Airplay erhoffen. Und wenn dann plötzlich auf eine regulären Tour der Band das Ticket 20 Dollar kostet, bleiben die Zuschauer weg.

mw: Im Ausland sind es die Radioshows – was macht ihnen in Deutschland Sorgen?

Hoppe: Die Konkurrenz (lacht). Deutschland ist gerade jetzt durch den Euro ein Markt geworden, der nicht einfach ist. Die Kids sind vorsichtiger mit den Ausgaben und außerdem haben wir nicht nur die Ausländersteuer, sondern auch eine Steigerung aller anderen Kosten für Werbung, Hallen und so weiter. Diese Steigerungen können nur mit einer Anhebung der Ticketpreise aufgefangen werden. Von den Bands, die dies bei ihren Gagenforderungen berücksichtigen, sind nicht mehr viele übrig. Statt dessen wird eine Forderung aufgestellt, die der Veranstalter dann nur über den Ticketpreis einspielen kann. Leiden muss darunter der Fan.

mw: Halten Sie die Diskussion um die Ausländersteuer für überbewertet?

Hoppe: Die meisten Künstler haben sich an diese Steuer bereits gewöhnt und mit einem vernünftigen Steuerberater kann man diese Steuer im Rahmen des Doppelbesteuerungsabkommens zuhause wieder bekommen. Die Ausländersteuer ist allerdings für kleinere Bands problematisch, da macht sich das mehr bemerkbar. Probleme bereiten auch die gestiegenen Hallen- und Stadienmieten. Manche Venues berechnen die Miete an einem prozentualen Anteil an den Verkäufen und das ist in manchen Fällen extrem hoch.

mw: Hat sich die Qualität und Ausstattung der deutschen Venues in den letzten Jahren verbessert oder besteht Nachholbedarf?

Hoppe: Die Qualität ist gestiegen, wird aber immer noch nicht einem Markt, der im Live-Segment der zweitgrößte weltweit ist, gerecht. In Amerika stehen die Betreiber von Hallen in wesentlich stärkerer Konkurrenz. Eine Stadt von der Größe von München hat dort drei oder gar vier Hallen zur Auswahl, während in München letztlich nur die Olympiahalle zur Verfügung steht. Genau so ist es in Frankfurt oder Stuttgart. Mit großen Bands muss man aber in große Hallen gehen und hat so oft keine Wahl.

mw: Welche Halle führt Ihrer Meinung nach die Top Ten der besten deutschen Venues an?

Hoppe: Da ist zuerst einmal die KölnArena zu nennen, dann die Münchner Olympiahalle und die Festhalle in Frankfurt. Gut sind auch Dortmund mit der Westfalenhalle und die Schleyer-Halle in Stuttgart. In Hamburg wird demnächst die ColorLine-Arena eröffnet, die vielversprechend ist.

mw: Die Rolling Stones bieten in Amerika Tickets zu unterschiedlichsten Preisen an – vom Stehplatz bis zum Luxus-Ticket mit gemeinsamen Abendessen mit der Band. Was hältst Du von diesem Weg?

Hoppe: In Deutschland wird keiner 300 Dollar oder 300 Euro für ein Ticket bezahlen. Das ist nicht machbar. Dazu ist der wirtschaftliche Rahmen zu schlecht. In Amerika werden ungeheuer viele Corporate-Deals gemacht, Firmen kaufen Kartenkontingente für ihre Mitarbeiter oder Kunden und geben diese verbilligt oder kostenlos weiter. Das ermöglicht solche Preise.

mw: Ist der deutsche Markt noch nicht bereit für Tickets deluxe?

Hoppe: Ein bestimmter elitärer Teil der Gesellschaft ist bereit dafür. Wenn ich aber Manager einer Band wäre, die beispielsweise in der Lage ist, in München die Olympiahalle auszuverkaufen, würde ich ihr von solchen Packages abraten. Der richtige Fan, der in die Läden geht, Platten kauft und Treueschwüre geleistet hat, wird von solchen Aktionen verprellt. Was nutzt es denn der Band, wenn die ersten drei Reihen eines Konzerts mit Leuten gefüllt ist, die 300 Euro für das Ticket bezahlt haben, aber die Arme nicht zum Klatschen hoch bekommen – weil sie ihr Champagnerglas festhalten müssen? Ich würde also „meiner“ Band immer davon abraten, weil sie sich damit in eine Ecke bewegen würde, in der sie nicht sein sollte. Viele große amerikanische Bands sind von den Verhältnissen in den USA verwöhnt, stellen aber paradoxerweise in Deutschland Gagenforderungen, die weit über das hinaus gehen, was sie in unserem Land wert sind und man ihnen in den USA zahlt. Was mich am meisten ärgert, wenn junge, „alternative“ Bands kommen, die niedrige Ticketpreise verlangen, aber gleichzeitig nach dem Motto „sieh zu, wie Du das wieder reinholst“ riesige Garantiezahlungen haben wollen. Und selbst wenn ein Ticket dann nur 18 Euro kostet, findet man am Merchandise-Stand dafür das T-Shirt in schlechter Qualität zu einem Preis von 35 Euro.

mw: Was treibt Ihrer Meinung nach Managements zu diesen exzessiven Forderungen?

Hoppe: Bei den Rolling Stones ist das etwas anderes. Klar kann man die Band als Vorreiter sehen, aber andere Formationen müssen erst einmal den Stellenwert erlangen, den die Rolling Stones besitzen. Die Band spielt in ihrer eigenen Liga. In Deutschland können die Stones dennoch nicht diese Eintrittspreise nehmen. Und ich denke, dass kein vernünftiger Veranstalter diese Preise erzielen will.

mw: Wie zufrieden sind Sie mit der Politik, die die beiden Veranstalter-Verbände in Deutschland machen?

Hoppe: Das berührt mich persönlich wenig. Ich oder auch Marcel Avram, der zur Zeit in der Schweiz arbeitet, gehen eher selten auf Verbandstagungen.

mw: Wer kann sich Ihrer Meinung nach die Senkung der Ausländersteuer auf die Fahnen schreiben, wenn nicht die Verbände?

Hoppe: Dass die Verbände nichts bewirkt haben, ist nicht richtig. Michael Russ hat genauso wie Jens Michow viele Gespräche in der Angelegenheit geführt und der Erfolg hat immer viele Väter. Es gibt momentan auch ein intensives Zusammenarbeiten beider Verbände, die es unter anderem geschafft haben, Erstattungen, Freistellungen sowie die stufenweise Freistellung für Einzelkünstler zu bewirken. Allerdings empfinde ich es als absolut ungerecht, die Produktionskosten der Künstlersteuer zu unterwerfen, denn dies führt zu einer ungerechtfertigten Steuerbelastung und somit zu einer enormen Wettbewerbsverzerrung zwischen aus- und inländischen Künstlern.

mw: Braucht die deutsche Veranstaltungsbranche zwei Verbände?

Hoppe: Ein Verband würde mehr Sinn machen. Nach meiner Einschätzung haben beide Verbände ihre Stärken und Schwächen.

mw: Die deutsche Landschaft ist geprägt von einer Vielzahl kleiner Veranstalter und den beiden großen Blöcken CTS und DEAG. Wem gehört die Zukunft – den Kleinen oder den Großen?

Hoppe: Ich denke die Diskussion um groß oder klein wird überbewertet. Die Großen können zwar bei umfangreichen Tourneen glaubhaft mitbieten und Gelder zahlen. Gemessen wird man aber immer am Erfolg. Wer die Stones veranstaltet, erhält Beifall von allen Seiten. Wer aber die kommenden Stones veranstaltet, erntet Naserümpfen und Misstrauen. Ich unterscheide nicht zwischen groß und klein, sondern zwischen guten und schlechten Veranstaltern. Große Veranstalter müssen im Vergleich zu den kleinen wesentlich mehr Veranstaltungen durchführen, um Gewinne zu erzielen, weil ihr Overhead, also ihre Betriebskosten, viel größer ist. Vieles relativiert sich also.

mw: Was zeichnet einen guten Veranstalter aus?

Hoppe: Er muss in erster Linie eine gute Nase für Musik haben und darf sich nicht vom eigenen Geschmack leiten lassen. Meine Lieblingsbands beispielsweise haben vermutlich nur drei CDs verkauft und die stehen alle in meinem Schrank. Ein Veranstalter muss ein Gefühl für den Markt haben. Dass Westernhagen, die Stones und Grönemeyer gut laufen werden, wissen wir alle. Aber es ist schwierig, eine Einschätzung für eine unbekannte Band zu geben und in Hallen der richtigen Größe zu gehen. Ein Veranstalter muss ein Chamäleon sein. Ein reiner Kaufmann ist kein Veranstalter, Verständnis zur Musik, Historie und Fangruppe ist unerlässlich.

mw: Werfen wir einen Blick auf die DEAG. Wer leitet Global Concerts nach dem Ausscheiden von Dietmar Glodde?

Hoppe: Die Geschäftsführer von Global sind Astrid Messerschmitt und ich. Global Concerts ist eine hundertprozentige Tochter von Entertainment One, eine in der Schweiz ansässige Gesellschaft. Deren Direktor ist Marcel Avram. Alle anderen Veranstalter-Firmen sind direkte Töchter der DEAG.

mw: Bist Du zeitgleich Geschäftsführer von Coco Tours?

Hoppe: Nein, ich bin Geschäftsführer von Global Concerts. Wir haben jetzt eine Zweiteilung der Geschäfte in Global und in Millenium Concerts. Carlos Fleischmann, bislang Abteilungsleiter bei Coco, wird sich gemeinsam mit Peter Prochnow und Chris Brosch um Millenium kümmern. Zusätzlich gibt es noch die DEAG-Tochter Balou Konzerte, die sich hauptsächlich um André Rieu kümmert. Schließlich gibt es noch Concert Concept, das als örtlicher Veranstalter in Berlin für uns und auch andere Veranstalter lokal tätig ist.

mw: Welche Aufgaben hat Marcel Avram?

Hoppe: Avram ist als Direktor der Entertainment One mit seinem Büro in der Schweiz angesiedelt. Er ist international orientiert und zuständig für die internationale Akquise unter anderem für die DEAG-Gruppe.

mw: Finden regelmäßige Meetings mit der Konzernspitze der DEAG statt?

Hoppe: Wir reden sehr viel miteinander und halten regelmäßige Treffen ab.

mw: Welche Richtlinien gibt dabei der Vorstandsvorsitzende Peter Schwenkow vor?

Hoppe: Peter hat seit neuestem auch wieder die Leitung des Live-Entertainment-Bereichs der DEAG und kommt auch selber aus der Veranstalterbranche. Ich denke, dass er dieses tägliche Geschäft etwas vermisst und wieder mitmischen will. Peter hält die Truppen bei Laune und war immer federführend, was beispielsweise die Verhandlungen mit den Rolling Stones angeht.

mw: Aktuelle Verhandlungen?

Hoppe: Zu den aktuellen Verhandlungen von Peter Schwenkow nehme ich nicht Stellung.

mw: Der Aktienkurs der DEAG hat in den vergangenen Monaten bis dato unbekannte Kellerregionen erreicht. Haben Sie Angst, dass der Konzernmutter demnächst das Taschengeld ausgeht?

Hoppe: Meine Mutter heißt Entertainment One und an der hält die DEAG 70 Prozent der Anteile. Nachdem die Verhandlungen mit den Banken abgeschlossen sind, ist die Zukunft der DEAG definitiv gesichert. Natürlich hätte die DEAG gerne einen besseren Kurs, aber der ganze neue Markt liegt danieder. Die DEAG ist in der Vergangenheit von Schwenkow ordentlich geführt worden. Im Rahmen der generellen Entwicklung des Markts wird die DEAG sich verbessern.

mw: Beunruhigen Dich Nachrichten wie das Ende der DEAG-Projekte Stella oder Qivive?

Hoppe: Definitiv nicht, nachdem die Restrukturierung mit Begleitung der Banken positiv abgeschlossen ist. Wir haben Mitte September ein großes Geschäftsführer-Meeting in Berlin gehabt und die Ampel steht auf dunkelgrün.

mw: Wie haben die Ehen von etablierten Konzertveranstaltern und börsennotierten Unternehmen die Landschaft ihrer Meinung nach verändert?

Hoppe: Neuen Dingen sollte man sich nie verschließen. SFX hat diese Entwicklung ins Rollen gebracht. Und dann gab es noch Macher wie Peter Schwenkow, der seine Vision verwirklicht hat und aus dem Nichts eine Firmengruppe geschaffen hat. Sein Traum war, als erster in Deutschland so eine Konstellation zu schaffen und das ist ihm geglückt.

mw: Waren diese Ehen richtig oder wäre es besser gewesen, aus der Branche heraus Aktiengesellschaften zu gründen?

Hoppe: Klar hätte ich damals mit meinem Partner Marek Lieberberg den selben Weg gehen können. Aber das hätte einen unglaublichen Zeitaufwand bedeutet, so eine Konstellation zu verwirklichen. Ich denke, dass unser eigentliches Geschäft, das Veranstalten von Konzerten, darunter massiv gelitten hätte. Man sollte auch nicht undankbar sein über die Entwicklung der vergangenen Jahre, wir alle haben hochdotierte Verträge.

mw: Hat die Entwicklung geholfen, den Veranstaltern wieder ein etwas seriöseres Image zurückzugeben?

Hoppe: Mit Sicherheit. Als Veranstalter war man immer als Drogenabhängiger oder Alkoholiker oder Rock’n’Roller verschrien. Der erste, der Seriosität verkörperte, war unser „Papa“ Fritz Rau, mit dem sich sehr viele Leute identifizieren konnten und heute noch können. Ich persönlich war nie jemand, für den es wichtig war, nach vorne zu gehen, sondern arbeite lieber im Hintergrund.

mw: Stand die Gründung einer Ossy Hoppe Konzertdirektion je in Erwägung?

Hoppe: Nicht wirklich. Ich bin ein Teamplayer. Für den einen ist das wichtig, für den anderen nicht. Ich hatte das Glück, zehn Jahre mit Marek Lieberberg zusammenzuarbeiten und jetzt mit Marcel Avram und Fritz Rau.

mw: Was kommt im nächsten Sommer? Die Festivals „Off Limits“ waren gedacht als Gegenpart zur marktbeherrschenden Stellung der CTS-Festivals. Wird es im kommenden Jahr einen neuerlichen Angriff auf diese Position geben?

Hoppe: Auf jeden Fall. Wir greifen immer wieder an. Es ist aber schwierig gegen etablierte Festivals anzugehen, was auch nie meine Intention mit „Off Limits“ war. Mein Genre ist der Rock und die logische Konsequenz war für mich, dieses Segment mit Festivals wieder nach vorne zu bringen. Ich hatte damals die „Monsters Of Rock“ kreiert, da will ich wieder hin.

mw: Nächstes Jahr werden im Sommer unter anderem mit Santana, Metallica, Rolling Stones, Springsteen, Bon Jovi, R.E.M., Robbie Williams und Grönemeyer sehr viele Hochkaräter die Stadien und Greenfields zu füllen versuchen. Schadet das große Angebot?

Hoppe: Natürlich nehmen zu viele Veranstaltungen die Kaufkraft aus dem Markt. Aber jede gute Band belebt diesen mit ihren Konzerten. Letztendlich entscheidet immer der Fan, wohin er gehen möchte und die Anzahl der Tourneen und Künstler ist von dem Veranstalter so und so nicht beeinflussbar.

zur person

Ossy Hoppe Geschäftsführer Global Concerts

geboren am 28. April 1950 in München, verheiratet, ein Sohn

Ossy Hoppe betrat bereits im Alter von fünf Jahren eine Bühne: Der Sohn einer berühmten Zirkusfamilie stand als jüngster Elefantendompteur der Welt im Rampenlicht. Während seines Jura-Studiums traf er 1973 auf Deep Purple und arbeitete sich im Umfeld der Formation vom Roadie bis zum Tourmanager empor. Vor seinem Eintritt in die Marek Lieberberg Konzertagentur war Hoppe als Geschäftsführer der Frankfurter Agentur Shooter Promotions tätig, die durch umfangreiche Tourneen im Hardrockbereich und durch die „Monsters Of Rock“-Festivals bekannt wurde. Gemeinsam mit Marek Lieberberg organisierte Hoppe unter anderem Tourneen von Bon Jovi, Guns N’Roses, Madonna, Metallica, R.E.M. und U2. Gemeinsam mit den Scorpions und Peter Maffay gründete der Veranstalter 1992 die Nordoff/Robbins-Stiftung, deren karitative Arbeit er seither unterstützt. 1998 wechselte Hoppe zur Deutschen Entertainment AG (DEAG), wo er für internationale Akquise, Künstlerbetreuung und Tourneeplaung zuständig war. Hoppe ist seit Janaur 2002 Geschäftsführer der DEAG-Tochter Global Concerts.