musikwoche.de: Wenn Sie einem Fremden kurz erklären müssten, welche Vorzüge EFA im Vergleich zu anderen Plattenfirmen hat – was würden sie aufzählen?
Ulrich Vormehr: Ich würde den Fremden erstmal mit dem EFA-Slogan „Life is too short for boring music“ konfrontieren und ihm klar machen, dass EFA ein Unternehmen ist, in dem die Mitarbeiter nicht nur ihr Geld verdienen, sondern auch Musik leben können. Auch dass EFA an musikalischen Entwicklungen teilnimmt und daher schon Inhalte in den Handel einbringt, bevor ein echter Trend entsteht.
„Bei den Majors fällt vieles durchs Raster“
mw: Rasche Personalwechsel sind bei EFA eher die Ausnahme. Haben Sie ein besseres Händchen bei der Auswahl der Mitarbeiter? Oder halten Sie einfach länger an den Kollegen fest, auch wenn mal was schief geht?
Horst Lewald: Ich glaube, dass eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit fähigen und bewährten Kräften in guten wie in schwierigen Zeiten eher ein Garant für Entwicklung und Wachstum ist als hektische Umbesetzungen mit schönen Titeln und Konzepten, die bald wieder Makulatur sind. Davon abgesehen entwickeln sich bei EFA durch das kontinuierliche Wachstum ständig neue Projekte, die eine sinnvolle Mitarbeiterförderung ermöglichen.
mw: Nach welchen inhaltlichen Gesichtspunkten will sich EFA in den kommenden Jahren ausrichten?
Vormehr: Wer EFA kennt, weiß, dass wir schon immer auf Innovation gesetzt haben und neue Trends sehr früh vorweggenommen haben. Das wird auch in Zukunft der Fall sein, denn wir sehen unsere Ausrichtung als eine produktive Auseinandersetzung mit ständig neuen Themen – nicht im Beliebigen, sondern im Überraschenden, Besonderen.
mw: Sehen Sie die Konzentrations- und Rationalisierungswelle bei den Majors als Chance für Independent-Plattenfirmen oder eher als Bedrohung?
Lewald: Sicherlich eher als Chance, da viele Dinge bei den Majors durch ein Raster fallen, die bei einer genaueren Betrachtungsweise mit angepassten Marketingstrategien von uns zum Erfolg geführt werden können. Wenn Sie so wollen, werden die verbliebenen Independents davon profitieren, denn die Konzentration und Rationalisierung entspricht einer selbstgewählten, programmatischen Begrenzung bei den Majors.
mw: Sehen Sie Ihre Arbeit bei EFA nach wie vor als Herausforderung? Oder denken Sie darüber nach, einen Partner – sei es als Person oder als finanzkräftiges Unternehmen im Hintergrund – an Bord zu holen?
Lewald: Unsere Devise lautete bisher „Aus eigener Kraft“. Wir haben immer in einer produktiven Gesellschafterstruktur gearbeitet und diese stets gemäß den Anforderungen des Geschäfts und der Belange der jeweiligen Gesellschafter weiterentwickelt. So soll es auch in Zukunft bleiben.
mw: Sie haben beide die Musikbranche von der Pike auf gelernt. Welche Zeit hat Ihnen mehr behagt – frühere Tage oder die jetzige Situation als etablierter Independent-Vertrieb?
Vormehr: Wir leben im Heute und Jetzt und spannend ist es allemal.
Lewald: Man hat viele Erinnerungen an die Vergangenheit – schöne und weniger schöne. Aber ich wollte die Zeit nicht zurückdrehen. Ich fühle mich in der Gegenwart sehr wohl. Im Übrigen muss man sich als Unternehmer stets persönlich weiterentwickeln – und das ist spannend genug.
„Traum vom Indie-Major ist vorbei“
mw: Schmerzen Verluste wie der von City Slang, oder sehen Sie den damaligen Wechsel zu Virgin eher unter sportlichen Gesichtspunkten?
Vormehr: Das ist Vergangenheit. Ein Vertriebsprogramm ist gekennzeichnet von ständigen Veränderungen. Das Ausscheiden von City Slang hat uns damals sehr leid getan, aber eine Vielzahl neuer, belebender Geschäftskontakte hat unser Programm weiterentwickelt.
mw: Werfen wir einen Blick auf die deutsche Independent-Landschaft. Erwarten Sie auch hier Konzentrationsprozesse?
Vormehr: Die derzeitigen Konzentrationsprozesse in der Branche sind rasend. Sicherlich ist der Traum eines Indie-Majors in gewissen Größenordnungen ausgeträumt. Vor allem, wenn es um große, ja globale Ansprüche geht. Natürlich können die Majors auch nicht alles machen. Das erinnert mich an den Film „Rollerball“ von Norman Jewison, einer Science-Fiction-Endzeit-Vision, in der alle Regierungen abgeschafft wurden und es nur eine Firma gibt. Aber so weit sind wir ja Gott sei Dank noch lange nicht. Schließlich kommt es auch immer noch auf das Handling an, wie man mit Künstlern umgeht und sie in den Markt einbringt.
„Wir können langfristig planen“
mw: Viele Majors machen derzeit Verluste – EFA dagegen ein Umsatzplus. Gibt es ein Geheimrezept oder etwas, was Sie den Majors mit auf den Weg ins Plus geben können?
Lewald: Wir sind nicht dem Diktat von Börsenkursen unterworfen. Durch unsere Gesellschafterstruktur können wir langfristig planen und müssen unser Firmenmanagement nicht an Quartalsergebnissen ausrichten. Die Majors agieren primär in Konzernstrukturen mit der Anforderung einer börsennotierten Finanzpolitik. Uns steht es nicht zu, Empfehlungen oder Ratschläge für derartige Organisationsstrukturen in unserer Branche zu erteilen.
mw: Planen Sie auch internationale Expansionsschritte?
Lewald: Unsere Mehrheitsbeteiligungen mit RecRec und Ixthuluh haben sich bewährt. Wir haben uns damit die Vertriebswege im GSA-Gebiet gesichert. Zwischenzeitlich haben wir in New York ein kleines Büro eröffnet. Dort wird unser Inhouse-Label ESC künftig seine Produkte auf dem amerikanischen Markt veröffentlichen. Und dann haben wir noch unseren Garo Kuyumcuovic: eine typische EFA-Karriere. Viele in der Branche kennen ihn noch aus seiner Zeit als EFA-Außendienstmitarbeiter. Er ist jetzt unser Partner in Los Angeles. EFA-Produkte werden auch in den USA von unserer Partnerfirma Rooftop promotet.
mw: Wird EFA an der dezentralen Struktur in Deutschland festhalten? Oder gibt es Pläne, einige Departments zusammenzulegen?
Vormehr: Wir haben nicht vor, unsere Standortstruktur zu verändern. Warum auch? Die dezentrale Struktur hat sich auch im Alltagsgeschäft bewährt. Durch unsere moderne Infrastruktur wird dieses Modell noch gestärkt. Zum Beispiel sind alle Niederlassungen mit Standleitungen untereinander vernetzt. Alle Mitarbeiter haben Zugriff auf die relevanten Geschäftsdaten. Durch die technologische Entwicklung ist die Standortfrage kein Thema mehr.
mw: Welche Pläne hat EFA im Internet? Ist auch der Traum einer gemeinsamen Indie-Plattform im Internet ausgeträumt?
Lewald: www.efa-medien.de ist eine feste Größe im Internet. Kontinuierlich steigende Zugriffszahlen auf unsere Webangebote und die außergewöhnlichen Informationsmöglichkeiten unserer Seiten bestätigen unsere Politik. Ausgehend von der Vielfalt und der breiten Fächerung des Vertriebsprogramms von EFA Medien bauen wir unsere Aktivitäten sukzessive aus, um den Service und die Kommunikation zu unseren Zielgruppen Handel, Presse und Endkonsumenten kontinuierlich zu optimieren.
Vormehr: Wir arbeiten ebenso an Kooperationen und strategischen Allianzen mit Internet-Vertriebsplattformen, die in für uns akzeptablen Konzepten den physischen und digitalen Vertrieb von Tonträgern miteinander verknüpfen. Lassen Sie sich überraschen.
20 Jahre EFA Als Ende der 70er Jahre die Independent-Kultur zunehmend an Bedeutung gewann, entwickelten sich aus dieser Szene heraus neue Firmen, die sich als Alternativen zu bestehenden und traditionellen Vertriebsstrukturen etablieren wollten. Darunter auch eine Unternehmung mit dem Kürzel EFA – Energie Für Alle! Was im Sommer 1981 als lose Kontaktaufnahme verschiedener unabhängiger Plattenvertriebe in mehreren deutschen Städten begann, führte Anfang 1982 zur Gründung von EFA Medien. Einer der ersten großen Namen im EFA-Programm war die Band Ton, Steine, Scherben. Heute finden sich rund 5000 lieferbare Titel im Katalog. Darunter illustre Namen wie King Britt, Carl Craig, Fischerspooner, Bebel Gilberto, Joe Zawinul, Bill Evans, Belle & Sebastian, 22 Pistepirkko oder Terry Callier.
Die fünf Niederlassungen in Deutschland beschäftigen 95 Mitarbeiter. Der größte Standort mit 2.500 Quadratmetern Fläche ist Hamburg, wo sich das Zentrallager und die Abteilungen Vertrieb, Verkauf, Marketing, Einkauf und Export befinden. Die Büros in Frankfurt/M., Berlin, Köln und Friedland kümmern sich um die Bereiche Labelarbeit, Promotion & PR und Verwaltung. Die Abteilung Tonträger-Herstellung in Frankfurt fertigt jährlich nicht nur 1,5 Millionen CDs, auch CD-ROMs, DVDs und immerhin 300.000 Vinylplatten gehören zur Produktpalette. Trotz aller Professionalisierung, die EFA in den letzten 20 Jahren erfuhr, gilt für Co-Geschäftsführer Horst Lewald immer noch „die unmittelbare Verbundenheit mit der Szene“.






