Recorded & Publishing

Im Gespräch: Marek Lieberberg

Herbert Grönemeyer schickt sich in diesen Tagen und Wochen an, nicht nur bei den Tonträgern für neue Rekorde zu sorgen, sondern auch, was Konzerte und Tourneen angeht. Bis zum Herbst werden 1,2 Millionen Menschen ein Konzert des Sängers besuchen. musikwoche.de sprach mit Marek Lieberberg, Inhaber der gleichnamigen Konzertagentur, über die Tournee und das Erfolgsrezept des Künstlers.

mw: Wieviele Karten der Tournee sind verkauft, wie groß ist die Gesamtkapazität?

Marek Lieberberg: Im Moment haben wir 1.006.822 Tickets verkauft, die Gesamtkapazität liegt bei 1.200.000 Tickets. Darin enthalten sind aber Shows, die gerade erst angekündigt oder noch nicht im Verkauf sind.

mw: Grönemeyers Publikum war nicht nur mit der CD, sondern auch mit den bereits stattgefundenen Shows sehr zufrieden. Was ist die spezielle Stärke des Künstlers?

Lieberberg: Herbert Grönemeyer besitzt eine Offenheit gegenüber dem Publikum, er vereinnahmt und fasziniert es. Sonst habe ich das nur noch von Bruce Springsteen gesehen. Er hat eine suggestive Fähigkeit und eine positive Ausstrahlung. Die Menschen suchen so etwas in dieser Zeit. Er gibt ein Beispiel dafür, wie man mit seinen Ängsten und Problemen fertig werden kann.

mw: Sie haben Springsteen erwähnt. Fallen Ihnen weitere Entertainer dieser Qualität ein?

Lieberberg: In Deutschland gibt es in diesem Genre nur einen: Grönemeyer. Er ist eine Lichtgestalt. Danach kommt lange nichts. In anderen Sektoren sind es beispielsweise die Toten Hosen oder Xavier Naidoo.

mw: Wie beurteilen Sie die Live-Qualitäten von Westernhagen, der zumindest in den Medien immer als eine Art Gegenspieler von Grönemeyer dargestellt wird?

Lieberberg: Wenn Grönemeyer die Sonne ist, ist Westernhagen eine Sternschnuppe. Westernhagen ist flach, ängstlich, verkrampft. Er hält dem Vergleich nicht stand. Musikalisch sind sie Welten voneinander entfernt, inhaltlich Lichtjahre. Die beiden haben nichts miteinander zu tun. Wenn Sie die neue Westernhagen-Platte betrachten und dann den verzweifelten Versuch, mit einer gigantischen Medienpower ähnliche Verkäufe zu erzielen, erkennen Sie, wie schief der Vergleich liegt.

mw: Bedeutet dies, dass sie die nächste Westernhagen-Tour nicht veranstalten?

Lieberberg: Ganz bestimmt nicht. Ich habe mich überhaupt nicht an der Diskussion hierüber beteiligt. Ich würde Westernhagen empfehlen, eine Auszeit zu nehmen. Ich würde ihm raten, in sich zu gehen, das Album zu vergessen und ein neues zu machen, bevor Tourneepläne geschmiedet werden. Im Moment würde er sich eine blutige Nase holen.

mw: Wie erreicht man die im Vergleich doch sehr moderaten Ticket-Preise bei Grönemeyer?

Lieberberg: Grönemeyer legt besonderen Wert auf volkstümliche Preise. Er ist bereit, den Großteil seiner Einnahmen für die Produktion zu verwenden, ohne auf die Gewinne zu achten. Ich muss der herkömmlichen Meinung widersprechen, dass Ticketpreise von Veranstaltern festgelegt werden. Künstler dieser Größenordnung entscheiden immer bei der Gestaltung der Ticketpreise.

mw: Ist der Preis ein aktives Argument für die Ticketkäufer?

Lieberberg: Überhaupt nicht. Ich persönlich war der Meinung, dass man einen höheren Preis hätte verlangen sollen. Der Künstler hat das Sagen und anders entschieden. Die Tickets hätten jederzeit bei einem doppelten Preis ihre Abnehmer gefunden. Ich rede damit nicht hohen Preisen das Wort, sondern stelle dies nur als Hypothese in den Raum. Das Publikum entscheidet, was ihm ein Künstler wert ist. Solange die Leute mitmachen und für Konzerte auf Greenfields 80 oder 90 Euro zu zahlen, solange wird es solche Preise auch geben.

mw: Sind Konzerte wie die von Grönemeyer für Sie als Konzertveranstalter nur Umsatzbringer, oder bleibt Gewinn hängen?

Lieberberg: Wir wurden fair behandelt. Wir müssen unsere Erwartungen am Umfeld der Tournee orientieren, das vom Ticketpreis bestimmt wird.

mw: Das hört sich wenig euphorisch an…

Lieberberg: Im Gegenteil, ich bin absolut zufrieden und kann mich überhaupt nicht beklagen. Ich habe die Ehre, eine der erfolgreichsten Tourneen aller Zeiten in Deutschland zu präsentieren. Am Anfang von Grönemeyers Karriere haben unglückliche Umstände dazu geführt, dass wir nicht schon damals zusammen gekommen sind. Die Mensch-Tour ist für mich eine absolute Genugtuung und eine Art Homecoming.

mw: Inwieweit waren Sie bei der Planung und Konzeption der Show beteiligt?

Lieberberg: Überhaupt nicht. Das ist Grönemeyer selbst. Der Künstler ist verantwortlich für die Ausgestaltung der Show. Wir stellen nach seinen Anforderungen den technischen Rahmen bereit. Er nimmt alle Einzelheiten sehr ernst. Es gibt kaum einen Künstler, der so nachhaltig probt und beispielsweise so viel Zeit für die Soundchecks verwendet.

mw: Was ist Ihrer Meinung nach das Erfolgsgeheimnis von Herbert Grönemeyer?

Lieberberg: Herbert Grönemeyer ist der deutsche Künstler mit der nachhaltigsten Karriere. Er hat eine Vita, die unübertrefflich ist und sich bisher keinen Fehltritt erlaubt. Er legt Wert auf eine enorme musikalische Qualität und hat Inhalte zu bieten, die die Menschen ansprechen, tief berühren und mit denen sie sich identifizieren können.

mw: Passt Grönemeyer perfekt in die gegenwärtige Phase wirtschaftlicher Rezession?

Lieberberg: Die Deutschen sind ein tiefsinniges und schwermütiges Volk. Von daher ist es nicht nur Zeitgeist, sondern etwas, was den deutschen Charakter ausmacht. Grönemeyer durchschlägt den gordischen Knoten, indem er versucht, menschliche Ansätze zu vermitteln. Er hat die Fans jedoch schon immer fasziniert. Es bedurfte nur eines Auslösers für eine nochmalige Erweiterung seiner Popularität. Wir haben für einen einzigartigen Künstler eine singuläre Kampagne geschaffen. Unsere Aktivitäten waren sozusagen die Fanfare, sie hat die Nachricht verbreitet, dass Grönemeyer auf Tournee geht und ein neues Album macht. Ich möchte aber betonen, dass die Kampagne allein nicht funktioniert hätte, wäre es um einen anderen Künstler und ein weniger herausragendes Produkt gegangen.

mw: Haben Sie vor der Veröffentlichung des Albums an den durchschlagenden Erfolg geglaubt?

Lieberberg: Meine Überlegungen haben sich zunächst einmal am allgemeinen Stellenwert von Grönemeyer orientiert. Auf der Basis seiner bisherigen Errungenschaften habe ich überlegt, wie man den Erfolg wiederholen und möglicherweise verbessern kann. Die Kraft und Stärke kommt vom Künstler. Unsere Aufgabe war es, dies mit Marketing und Promotion zu unterstützen und zu bündeln. Dies ist uns mit der Kampagne für die Konzerte gelungen. Die Grundplanung für die Indoor- und Outdoor-Tournee stand lange vor der Veröffentlichung des Albums fest. Wir sind mit dem Thema an die Öffentlichkeit gegangen, bevor wir die Single oder das Album kannten. Wir kannten lediglich die Überlegungen und die Aussagen des Künstlers. Wir sind davon ausgegangen, dass Grönemeyer immer zu besonderen Leistungen fähig ist und das Potenzial besitzt, sich selbst zu übertreffen.

mw: Welche Gedanken gingen Ihnen durch den Kopf, als sie das Album zum ersten Mal hörten?

Lieberberg: Als ich die Single „Mensch“ zum ersten Mal hörte, war ich überrascht, dass ein chansonartiger Titel, etwas, was völlig außerhalb der Strömungen der Hitformate lag, so unter die Haut gehen kann. Es hat mich tief berührt und nachdenklich gemacht. Das Lied hat meine Beziehung zu dem Künstler noch einmal intensiviert. Die Platte selbst ist kohärent, ein Gesamtkunstwerk, das man von Anfang bis zum Ende hören kann. Die Welt des Künstlers wird verständlich, man vergleicht sie mit seinem eigenen Leben. Der Erfolg des Albums widerspricht der These der Industrie, dass CDs nur noch gebrannt werden. „Mensch“ ist ein Beispiel dafür, was man erreichen kann, wenn Qualität abgeliefert wird.