musikwoche.de: Wie fühlen Sie sich nach den ersten 100 Tagen im Universal-Verbund?
Franz Selb: Da Franz Koch sich dazu entschieden hatte, die Firma zu verkaufen, bin ich zufrieden, dass alles so gekommen ist, wie es jetzt ist, auch wenn eine solche Firmenübernahme natürlich immer ein schmerzhafter Prozess ist. Denn abgesehen von den wirtschaftlichen Gegebenheiten sind damit stets auch menschliche Schicksale verbunden. Aber im Hinblick auf die Zukunftssicherung der Firma erschien ein Verkauf nahezu unumgänglich. Dabei war die Übernahme durch Universal auf jeden Fall die beste Lösung.
mw: Ging es Koch denn so schlecht?
Selb: Nein, ganz bestimmt nicht. Mit der volkstümlichen Musik und dem Schlager haben wir einen Bereich besetzt, der im Vergleich mit dem Rest der Musikbranche noch geradezu ein Felsen in der Brandung ist. Und als unumstrittener Marktführer in diesem Bereich ist Koch sowieso gut aufgestellt. Aber andererseits lässt es sich leider nicht leugnen, dass die gesamte Tonträgerindustrie in einer Umbruchsituation steht – und früher oder später muss man sich auch in stabilen Marktsegmenten wie dem unseren der Frage nach dem Zukunftspotenzial eines Unternehmens stellen.
mw: Heißt das, Koch hätte alleine keine Zukunft gehabt?
Selb: Das heißt es nicht – aber die jüngste technologische Entwicklung mit Internet und Download, mit CD-Brennerei und neuen digitalen Distributionswegen stellt zumindest die Zukunft des digitalen Tonträgers in Frage. Dass die Menschen auch weiterhin Musik hören werden, vielleicht sogar mehr als je zuvor, das ist eine Binsenweisheit. Die Frage ist nur, wer sie ihnen liefert und wie sie sie bezahlen. Universal ist in dieser Hinsicht sicherlich der Konzern mit den besten Ausgangsvoraussetzungen, um solche Herausforderungen der Zukunft zu meistern. Dass es in diesem Hause unglaublich viel Kreativität gibt, davon konnte ich mich in den vergangenen Monaten überzeugen. Und man hat nicht nur Visionen, sondern setzt diese auch tatkräftig und zügig um, was nicht zuletzt der Start der Online-Distribution mit www.popfile.de zeigt. Warum muss man als zwar weltweit operierendes Unternehmen wie Koch, das aber dennoch im Vergleich mit den Majors ein Mittelständler ist, das Rad neu erfinden, wenn es Partner gibt, die damit schon fahren? Diese Einschätzung hat unter anderem sicher auch zum Verkauf geführt.
mw: Für viele Beobachter, aber auch für die meisten Mitarbeiter, kam die Transaktion dennoch überraschend. Für Sie auch?
Selb: Nein, ich wusste schon ziemlich früh, dass Franz Koch sich mit einem Firmenverkauf beschäftigt, und war darüber informiert, dass es entsprechende Verhandlungen gab.
mw: War Universal Ihr Wunschpartner?
Selb: Es ging darum, die sinnvollste und bestmögliche Weichenstellung für die Zukunft zu finden. Im Prinzip hatte sozusagen jede Major-Company die Chance, Koch zu kaufen – Universal war jedoch der Konzern, der diese Chance schnell und dennoch wohl überlegt ergriffen hat. Und das zeigt halt auch, dass Universal trotz der Größe des Unternehmens über genug Flexibilität und Entscheidungsfreudigkeit verfügt, wenn man so will über Independent-Spirit. Deshalb bin ich überzeugt, dass Koch und Universal besser als alle denkbaren Alternativen zusammenpassen. Andere potenzielle Partner haben wohl viel zu lange gezaudert und hin und her überlegt.
mw: Vielleicht weil es bei denen mehr Schwierigkeiten mit der Repertoirezuordnung gab?
Selb: Auch das ist ein Grund, warum ich über die Verbindung mit Universal froh bin. Es gab keine gravierenden Überschneidungen oder Doppelungen im Repertoire, was bei jedem anderen Partner vermutlich zu unangenehmen „Aufräumarbeiten“ geführt hätte. Mit der volkstümlichen Musik deckt Koch einen Bereich ab, der bei Universal als einziger fehlte. Zudem haben wir von Universal noch diverse deutschsprachige Künstler bekommen, die unser Repertoire hervorragend ergänzen und abrunden.
mw: Sind denn jetzt mit Pe Werner, Franz Josef Degenhardt, Karel Gott, German Tenors, Claudia Jung, Wencke Myhre und so weiter alle ehemaligen Polydor-Künstler bei Koch gelandet?
Selb: Im einen oder anderen Fall wird noch verhandelt. Aber im Großen und Ganzen haben wir jetzt den Neuordnungsprozess hinter uns.
mw: Nur Koch Classics scheint bei diesem Prozess ein wenig unter die Räder gekommen zu sein…
Selb: Ich bin dennoch davon überzeugt, dass es auch für die betroffenen Klassik-Künstler kein Nachteil ist, wenn sie jetzt von einer Weltfirma wie Universal vermarktet werden. Und für die Universal-Klassikabteilung dürften die hervorragend aufgebauten Themen von Koch Classics eine willkommene Bereicherung des Spektrums bilden.
mw: Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie einem großen Teil der Vertriebsmitarbeiter am 23. Juli die Kündigung aussprechen mussten?
Selb: Das war der schwärzeste Tag meines Lebens, weil ich mit all diesen Mitarbeitern über lange Zeit gut und erfolgreich zusammengearbeitet habe. Aber solche Entscheidungen trifft ja niemand aus schierer Willkür, sondern weil es eben nicht mehr anders geht. Es ist doch grundsätzlich immer so: Wenn man sich in einem rückläufigen Markt bewegt, darf man nicht die Augen schließen und so tun, als wenn uns das nicht betrifft. Und natürlich liegt ein Sinn der Zusammenlegung zweier Firmen auch darin, durch die Bündelung der Kräfte Kosten einzusparen und Synergien zu nutzen. Aber glauben Sie mir: Die Gefühle der betroffenen Mitarbeiter haben mich nicht kalt gelassen. Doch ich habe auch von vornherein gesagt: Wenn es schon sein muss, dann will ich es den Leuten selber beibringen und mich nicht vor der unangeneh-men Aufgabe drücken. Außerdem haben wir, so denke ich, sehr faire Überbrückungslösungen gefunden. Und eins möchte ich noch betonen: Wir haben nicht einfach 14 von 20 Mitarbeitern verloren, wie es musikwoche.de berichtet hat – wir haben vielmehr über 100 neue, höchst engagierte und professionelle Kollegen vom Universal-Vertrieb hinzugewonnen.
mw: Und wann ziehen Sie um?
Selb: Nach Berlin? Da müssen Sie noch lange warten. Wir wären schlecht beraten, wenn wir unseren Standortvorteil hier in Planegg bei München aufgeben würden. Viele unserer Künstler kommen auch aus dem Süden Deutschlands beziehungsweise aus Österreich, Südtirol und der Schweiz und wissen es zu schätzen, dass wir sozusagen vor ihrer Haustür residieren. Daran sollten wir tunlichst nichts ändern.
mw: Und immerhin hat Koch ja auch die entsprechende Infrastruktur in München und im Alpenraum geschaffen. Werden zum Beispiel die Tonstudios fortbestehen?
Selb: Unser großer Vorteil war und ist es in der Tat, dass wir mit Land und Leuten in Süddeutschland und im Alpenraum verankert sind. Universal hat deshalb sinnvoller Weise auch die Tonstudios in Lienz in Osttirol und in Elbigenalp übernommen. Aber auch unser Studio in München in der Nähe der Theresienwiese gehört weiterhin zur Familie.
mw: Noch erfolgt die Auslieferung der Ware vom Koch-Distributionszentrum in Höfen aus. Ab dem 1. Oktober soll dann alles über Universal in Langenhagen laufen. Wäre damit die Trennung von den alten Koch-Strukturen komplett?
Selb: Das ist in der Tat einer der letzten Schritte. Und ich bin sicher, dass wir den auch noch reibungslos hinkriegen, obwohl es natürlich eine große Herausforderung ist, alle Datenstämme unseres doch ziemlich umfangreichen Katalogs so zu ändern, dass es keine Probleme bei der Lieferfähigkeit gibt. Zurzeit gehen wir den gesamten Katalog durch – auch um da, wo es nötig ist, zu streichen.
mw: Bald kommt das neue Album der Kastelruther Spatzen. Bedeutet das dann die Feuerprobe für Vertrieb und Auslieferung?
Selb: In der Tat. Das ist unsere wichtigste Veröffentlichung in diesem Herbst, und wir wollen damit natürlich wieder Gold erreichen. Deshalb muss im Oktober auch vertrieblich alles integriert sein und problemlos laufen.
mw: Entwickelt Koch Universal nach dem abgeschlossenen Wechsel für die Künstler eine neue Attraktivität?
Selb: Das stellen wir ansatzweise schon seit geraumer Zeit fest. Durch die Übernahme vieler Polydor-Künstler hat sich die Bandbreite unseres Repertoires ja durchaus sinnvoll erweitert, und wir werden selbstverständlich in Zukunft darauf bedacht sein, unsere Position des Marktführers, die wir im Bereich der volkstümlichen Musik schon lange innehaben, auch beim Schlager und poppigen Schlager noch mehr auszubauen. Und die neue Ausrichtung sowie das damit verbundene Potenzial werden draußen auch wahrgenommen. Wir haben bereits diverse neue Projekte auf dem Tisch, die wir prüfen und gegebenenfalls umsetzen wollen.
mw: Wie lange sind Sie schon bei Koch dabei?
Selb: Franz Koch hat die Firma vor 27 Jahren gegründet, ich bin vor 19 Jahren dazu gestoßen.
mw: Was haben Sie vorher gemacht?
Selb: Ich war im Bankgewerbe. mw: Könnten Sie sich vorstellen, wieder in dieses Metier zurückzukehren?
Selb: Nein, sicher nicht. Dazu bin ich inzwischen viel zu sehr mit der Musik verbandelt.
mw: Und was machen Sie in Ihrer Freizeit, wenn Sie mal nicht für Koch Universal unterwegs sind?
Selb: Ich versuche, wann immer es geht, in die Berge zu gehen. In meiner knappen Freizeit brauche ich die Weite der Berge, um wieder Kraft zu schöpfen.






