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Howard Carpendale über die Schlager-Branche und seinen Rückzug

Zwar habe der Schlussstrich, den Howard Carpendale unter Plattenveröffentlichungen und Tourneen gezogen hat, nichts mit den Fehlentwicklungen im Schlagergeschäft zu tun. Aber im Exklusiv-Gespräch mit musikwoche-Redakteur Dietmar Schwenger nahm der Künstler kein Blatt vor dem Mund und kritisierte vor allem die Radiolandschaft und mediale „Inzucht“.

musikwoche: Viele Künstler – ob James Last oder Udo Jürgens – treten weiterhin auf, obwohl sie älter sind als Sie. Warum wollen Sie nun wirklich Schluss machen? Howard Carpendale: In erster Linie bin ich ein Egoist und Showman. Ich möchte einen Schluss erleben, so wie er jetzt kommt. Ich hatte es gehofft, aber nicht in meinen kühnsten Träumen damit gerechnet, dass mein Abschied die Leute in diesem Maße berührt. Ich selbst will einen Schlusspunkt setzten und niemals die Frage hören: „Singst Du noch?“. Und diese Frage ist akuter denn je, weil die ganze Medienszene sich immer stärker auf englischsprachige Musik auf der einen und Volksmusik auf der anderen Seite fokussiert. Ich wollte aber meine Berufsausübung selbst kontrollieren und bin nun an einem Höhepunkt angelangt – für mich der ideale Zeitpunkt zum Aufhören. Damit will ich verhindern, dass die Leute irgendwann sagen, ach ja, der Carpendale, der hat wunderschöne alte Hits gehabt. Denn ich sehe mich jetzt als einen aktuellen Künstler, der auch im Konzert seine neuen Lieder singen darf. Das ist für mich der richtige Moment, um zu gehen und nicht zu warten, bis ich nur noch eine Parodie meiner selbst bin. Ich habe zu viele Sportler und auch Sänger gesehen, die zu lange gewartet haben. Diese verurteile ich zwar nicht, aber ich bin jung genug, um noch etwas anderes anzufangen. Darüber will ich aber noch nicht reden, nur so viel: Ich gehe auf eine lange Abenteuerreise und will andere Dinge entdecken.

mw: Werden Sie nicht die Musik vermissen? Carpendale: Wenn man dann bei mir hier und da eine Träne sieht, und sich fragt, warum tut der sich das an, so weiß ich, dass auch diese Emotion etwas sehr Schönes ist. Es ist nämlich auch schön, etwas zu vermissen. In der Liebe gibt es einen herrlichen Satz: Liebe ich dich, weil ich dich brauche oder brauche ich dich, weil ich dich liebe. Und ich brauche diesen Beruf, weil ich ihn liebe. Ich habe ein wunderschönes Leben durch ihn erleben dürfen und möchte es nie anders kennen lernen.

mw: Gab es dabei besonders schöne Phasen? Carpendale: Wenn ich ehrlich bin, so glaube ich, dass der schönste Moment mir noch bevorsteht: Wenn ich am 13. Dezember in der ausverkauften KölnArena vor 14.000 Menschen meinen letzten Song spiele, so wird dies gleichzeitig mein glücklichster wie auch traurigster Augenblick werden.

mw: Waren Sie mit der Bezeichnung „Schlagersänger“ zufrieden? Carpendale: Nein, damit war ich nie glücklich, denn in Deutschland ist das immer abwertend gemeint. Aber ich bin sehr froh, dass ich in den letzten zehn, 15 Jahren immer wieder gelesen habe, ich sei kein Schlagersänger, sondern ein deutscher Pop-Sänger. Anderseits bin ich irgendwann an einen Punkt angekommen, an dem ich mich fragte, warum soll ich weiter dagegen ankämpfen? Denn dem Publikum ist es egal, nur manche Medien tun sich damit schwer. Aber ich habe auch gestern im Fernsehen gehört, dass Pur eine seichte Rockgruppe wäre, die man boykottieren müsste. So ein Unsinn. In Deutschland macht man sich viel zu viele Gedanken. Es gibt nur gute und schlechte Musik, das ist das einzige, was zählt.

mw: Würden Sie zustimmen, dass für Sie aber auch andere deutschsprachige Künstler wie Marianne Rosenberg oder Christian Anders die 70er Jahre das Goldene Jahrzehnt waren? Carpendale: Die 70er und 80er Jahre, ja. „Hello Again“ war 1984 der meistgespielte Titel im Funk, den es je in Deutschland gab. Dann kam 1986 eine gewaltige Änderung, als deutsch plötzlich nicht mehr als chic empfunden wurde. Es waren vor allem die Verantwortlichen in den Radiosendern, die neidisch waren auf deutsche Künstler. Die haben sich gefragt, warum soll ich bei meinem Gehalt jemanden, der deutsch singt, reich machen. Bei Michael Jackson fanden sie das ok, denn den kannten sie nicht persönlich. Mit diesem Neid-Effekt fing alles an, danach wurde die Entwicklung ein Selbstläufer und die Sender spielten immer mehr englische Titel. Ich habe mich damals gewehrt und gefragt, wie kann es sein, dass ein Land seine eigene Sprache so hasst. Denn in Italien, Spanien oder Frankreich war es genau das Gegenteil. Ich habe zwar irgendwann gemerkt, dass es nichts bringt, wenn ich meckere, aber es müsste normal sein, wenn man sagt: Kinder, das ist nicht in Ordnung. Mir hat mal ein Radioredakteur gesagt, dass sie Udo Jürgens nicht spielen werden, selbst wenn er ein Duett mit Michael Jackson aufnähme. Mit solchen Leuten zu reden, ist völlig sinnlos.

mw: War das Radio denn wirklich so entscheidend für das Ende einer ganzen Ära? Carpendale: Ohne den Funk kann man keine Hits haben – damals wie heute. Wenn ein Stück fünf bis sechs Mal im Radio läuft, fangen die Leute an zu glauben, dass es wirklich ein schönes Lied sei. Und als die Sender damals aufhörten, deutsche Musik zu spielen, ist der deutsche Markt, so wie wir ihn kannten, kaputt gegangen. Dieses ganze Revival von deutschsprachiger Musik vor ein paar Jahren hat die Sache nur schwieriger gemacht, weil alle dachten, deutschsprachige Musik sei wieder in. Nein – in Wirklichkeit haben sie nur darüber geschmunzelt, etwa auf all diesen Schlagerkult-Parties. Aber sie war nie ein aktueller Teil der Pop-Musik. Das war nur ein nostalgischer Rückblick.

mw: Bei den meisten Künstlern, die in den 70er Jahren in diesem Segment erfolgreich waren, hörten die Hits jedoch irgendwann auf. Carpendale: Da haben wir das Problem der deutschen Musik entdeckt: Die Beatles haben mit „She Loves You“ angefangen, also dem reinsten Schlagerkitsch, endeten aber als Musikgenies. Das war in Deutschland nie möglich. Wenn Sie einmal „Das schöne Mädchen von Seite 1“ oder „17 Jahr‘ blondes Haar“ gesungen haben, bleibt man für die Medien immer ein Schlagersänger. Es ist wahnsinnig schade, dass man sich nicht entwickeln darf. Denn Kunst bedeutet kreative Entwicklung. Als Künstler darf man nie fragen, was wollen die Fans, sondern immer das machen, was man fühlt.

mw: Haben Sie einmal versucht auszubrechen? Carpendale: Ich habe in den Bühnen-Shows mein Publikum erzogen. Allein auf dieser Tournee wird es Titel von Robbie Williams, Elton John oder Ronan Keating hören – also Pop-Musik. Mein Publikum ist das von mir gewohnt. Und nicht zuletzt deswegen gehören meine Live-Auftritte zu den erfolgreichsten Bühnen-Shows in Deutschland. Denn auf der Bühne kann ich unsere Zuhörer erziehen, mit Platten geht das nicht, weil der Funk nicht mitspielt.

mw: Wie erklären Sie sich, dass Sie und viele Ihrer Kollegen sehr viele Songs geschaffen haben, die heute Evergreens sind, die dazugehörigen Alben aber in Vergessenheit geraten sind? Carpendale: Meine Alben waren erfolgreicher als meine Singles. Wir haben für eine lange Zeit jeweils zwischen 400.000 und 800.000 Einheiten von den Alben verkauft. Deswegen kann ich mich nicht beklagen, auch heute nicht. Denn Alben verkauft man über die Konzerte, nur mit den Single-Hits ist es wegen des Umbruchs in der Radiolandschaft schwieriger geworden. Die Industrie ist dann als Bittsteller zu den Sendern gegangen, anstelle zu fordern: „Ihr wollt die Beatles? Dann spielt auch unsere deutschen Produkte.“ Denn die Plattenfirmen sind die Chefs, nicht umgekehrt. Heute steckt die Branche in einer Riesen-Krise, aber sie hat sich das selbst eingebrockt.

mw: Inwiefern? Carpendale: Die meisten Plattenfirmen in Deutschland hätten mehr Erfolg, wenn sie Autos verkaufen würden. Denn sie verstehen viel zu wenig von dieser Branche. Als ich anfing, kannte ich etwa kaum einen, der bereit war, Forschung zu machen, um mal herauszufinden, wer eigentlich unsere Klientel ist. Ich habe nur sehr wenige Leute kennen gelernt, die etwas von dieser Branche verstehen. An vorderster Stelle möchte ich da meinen Manager Dieter Weidenfeld und auch Manfred Zumkeller nennen, mit dem ich damals bei der EMI zusammengearbeitet habe. Das war ein Großer. Mit Manfred habe ich Gespräche über diese Branche geführt wie mit keinem anderen.

mw: Was hat sich in den Firmen verändert in all den Jahren? Carpendale: Das ist vor allem eine Budget-Frage. Ich habe gewisse Bedingungen an eine Plattenfirma, die dann auch erfüllt werden müssen. Und inzwischen ist es viel schwieriger geworden, entsprechende Budgets für Marketing und Promotion zu bekommen. Das hatte allerdings keinen Einfluss auf die Produktion im Studio. Da habe ich mir nie reinreden lassen. Sicherlich muss man immer kompromissbereit sein. Und ich war jederzeit bereit, mir die Vorschläge der Firmen anzuhören, um dann zu überlegen, ob es das gleiche ist, was ich will.

mw: Und stimmte dies immer überein? Carpendale: Ich denke da zurück an den Beginn der 90er Jahre, als es hieß, wir müssten zurück zum Schlager. Da war es sehr schwer, sie überzeugen, dass dies der falsche Weg war – und das ist es heute noch. mw: Man hörte immer wieder, dass viele Künstler, die bei der Umstrukturierung bei Koch Universal von Polydor zu Koch wechselten, damit unzufrieden gewesen seien. Wie lautet Ihr Fazit? Carpendale: Ich bin lieber bei einer Firma, die motiviert ist und das deutsche Produkt für etwas sehr Wichtiges hält, als bei einer Firma, die nur als Vertrieb für auswärtige Produkte dient. Denn davon habe ich nichts. Ich würde mir zwar ein anderes Image für Koch wünschen, aber das dauert noch eine Weile. Und mit dem Team von Koch arbeite ich sehr gern zusammen. Die sind voller Begeisterung und Energie, während man bei anderen Firmen überhaupt keine Flamme mehr zum Brennen bringen kann.

mw: Sehen Sie eine Chance, dass sich die Situation bei den Plattenfirmen ändert? Carpendale: Wir haben einen Weg eingeschlagen und sind ihn schon zu weit gegangen. Es wäre utopisch zu hoffen, dass sich wir die Lage noch einmal umdrehen können. Die Fehler sind bereits in den 70er Jahren gemacht worden. Musik, wie wir sie noch kennen, ist dabei, sich selbst zu ruinieren. Stars in der alten Form wird es nicht mehr geben. Diesen Prozess habe ich auch in den USA beobachten müssen. Denn mit diesen Casting-Shows betreten wir eine ganz neue Ära. Die Medien sind alles andere als bereit, mit den Plattenfirmen mitzuspielen, um einen Künstler langfristig zu unterstützen. Das funktioniert nur noch, wenn entsprechende Deals geschlossen sind. Und das ist nicht meine Welt.

mw: Wie beurteilen Sie den Medienrummel um Shows wie „Deutschland sucht den Superstar“? Carpendale: Das ist eine große und sehr mächtige Inzucht zwischen RTL, der „Bild“ und BMG. Anders als in den USA, wo die Sieger bei „American Idol“ ihren Weg allein gehen müssen, berichten hier die RTL-News andauernd über ihre eigenen Künstler. Die Zuschauer sind dadurch gleichsam gezwungen, diese Künstler anzunehmen, um dann recht schnell zu merken, dass sie nichts taugen. Das ist eine völlig neue Situation. Ich betrachte das nur aus der Ferne und denke mir, das ist unendlich schade für die Musikindustrie, dass es so gekommen ist.

mw: Können Sie den Casting-Shows auch etwas Gutes abgewinnen? Carpendale: Grönemeyer, Carpendale, Lindenberg – die wären alle durchgefallen. Irgendetwas stimmt da nicht. Denn schöne Stimmen reichen nicht. Es geht um Glaubwürdigkeit oder Charisma. Dennoch will diese Sendungen, die ich mir ja auch gern ansehe, nicht verurteilen. Mir geht es um die Wichtigkeit, die man nun diesen Shows oder auch Bohlen beimisst. Er hat Millionen mit diesem Quatsch verdient. Aber wenn ich etwas sage, heißt es gleich wieder, ich sei eifersüchtig.

mw: Wie beurteilen Sie die Lage für neue, junge Künstler? Carpendale: Die werden es sehr schwer haben. Die Zeiten, die ich damals erlebt habe, sind unwiederbringbar vorbei. Aber ich möchte nicht zu schwarz sehen. Neben Ben könnte vor allem aus Yvonne Catterfeld etwas werden – sie muss nur von Bohlen weg. Denn der versteht zwar etwas vom Erfolg, aber nicht, wie man eine Personality aufbaut. Das weiß ich aus meiner eigenen Erfahrung, als ich bei ihm Studio war. Wir haben keinen Draht zueinander bekommen und er hat überhaupt nicht verstanden, wo ich hin wollte. Bohlen ist der Mann für schnelle Erfolge, nicht für langfristige Aufbauarbeit.

mw: Wo gäbe sonst noch Möglichkeiten für konkrete Verbesserungen? Carpendale: Musik muss wieder eine Community werden. Die Regelung, dass jede Musik ihre eigene Sparte hat, führt zu der Feindschaft untereinander. Ich muss bereit sein, mit einem Volksmusik-Künstler zu singen genau wie mit einem Rock-Sänger. Und auch die Medien müssten dies mitmachen. Ich hoffe, dass irgendwann ein Sender auf der Bildfläche erscheint und einfach gute Musik spielt. Ich verstehe ja, dass ich nicht neben Alien Ant Farm laufen soll, aber man sollte mehr stilistische Kategorien zusammenfassen, um diese Engstirnigkeit aufzubrechen.

mw: Etwa wie damals bei Ilja Richters „disco“, als in einer Sendung Deep Purple, Bob Dylan und Heino gespielt wurden?

Carpendale: Genau so. Aber ich sehe keinen am Horizont, der eine Vision für so ein Konzept hätte. Stefan Raab ist mit „tv total“ vielleicht noch am nächsten dran an so einer Idee, weil er genreübergreifend Musik vorstellt. Und die Leute honorieren das. Ein Sender, der Künstler zusammenbringt und so auch die Feindschaften in der Szene beendigt, würde mit Sicherheit ein großer Erfolg werden.