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Gipfel im Kanzleramt: Vergütungskompass und Taskforce sollen Streaming fair machen

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer lud am 8. Juli 2026 im Bundeskanzleramt die zentralen Akteure des deutschen Musikstreamingmarktes zu Gesprächen ein. Musiklabels, Streamingdienste, Branchenverbände und Artists kamen zusammen, um den Grundstein für die „Zukunftsagenda Musikstreaming“ zu legen. Diese beinhaltet einen Vergütungskompass sowie eine Taskforce für faires Streaming.

Mit dem neuen Aktionsplan – vollständig betitelt „Zukunftsagenda Musikstreaming – All together now“ – will Wolfram Weimer den Musikstandort Deutschland wieder nach vorn bringen. „Zukunft ist auch Herkunft“, erklärte er in der Pressekonferenz nach den Gesprächen. Dort erinnerte er seine Gäste daran, dass Deutschland über 200 Jahre lang eine marktführende Rolle in der Musik gespielt habe, von der Chor- und klassischen Musik bis hin zum Techno.

„Zukunft ist auch Herkunft.“ Wolfram Weimer.

Unter den anwesenden Musikschaffenden waren Herbert Grönemeyer sowie die Sängerin Balbina, die für die Akademie für Populäre Musik sprachen. Auch Carolin Niemczyk und Daniel Grunenberg von Glasperlenspiel sowie der Rapper Maeckes nahmen teil. Auf Unternehmensseite waren Vertretungen der Universal Music Group, von Sony Music und BMG zugegen, ebenso die Indielabels Audiolith, City Slang, Mansions And Millions und Staatsakt. Zu den weiteren Gästen zählten etwa GEMA-Chef Tobias Holzmüller, Dieter Gorny oder Gudrun Schweppe von YouTube.

Der Termin war bereits der vierte in einer Reihe von Zusammenkünften, die Weimer seit Dezember 2025 organisiert hat. Zur Erinnerung: Den Auftakt bildete am 18. Dezember ein „Pop-Gipfel“ mit Musikschaffenden, bei dem die Künstler:innen Balbina, Herbert Grönemeyer, Peter Maffay, Christopher Annen von AnnenMayKantereit und Annett Louisan zugegen waren. Es folgten am 12. März 2026 ein separates Treffen mit der Labelseite und vier Tage später ein Gespräch mit den Streamingdiensten, an dem unter anderem Amazon Music, Apple Music, Spotify, YouTube Music und Bitkom, der Branchenverband der deutschen Informations- und Telekommunikationsbranche, teilnahmen. Am Mittwoch führte der Kulturstaatsminister diese bislang getrennt geführten Gesprächsstränge nun erstmals zusammen.

Bei der anschließenden Präsentation vor der Presse – an der Vertreter:innen von der „Financial Times“ über den „rbb“ bis hin zur „Augsburger Allgemeinen“ teilnahmen – bedankte sich Weimer zum Auftakt bei allen Beteiligten für eine „konzertierte Aktion“ der Branche.

Kernstück der frisch beschlossenen Zukunftsagenda ist ein Vergütungskompass, der erstmals belastbare Daten darüber liefern soll, wie Erlöse aus dem Streaming tatsächlich in die Vergütung von Kreativen fließen. Ergänzend richtet das Bundeskanzleramt die Taskforce Musikstreaming ein, die bereits diesen August ihre Arbeit aufnehmen soll und sich in Arbeitsgruppen mit Themen wie Vergütung, Transparenz, Metadaten, KI und Streamingbetrug befasst. Ziel sei es, so Weimer, noch in diesem Jahr zu ersten konkreten Ergebnissen zu kommen. Ein weiteres Treffen zur Bewertung der Fortschritte ist für Dezember 2026 vorgesehen.

Nach Weimers Vortrag gab der Staatsminister die Bühne für Herbert Grönemeyer und Balbina frei: Balbina formulierte in ihrem Statement sowohl Zustimmung als auch Vorbehalte. „Wir als Musikschaffende beobachten diesen Prozess“, kündigte sie an und betonte, es habe in der Runde „viele Widersprüche“ gegeben, die es nun in etwas Produktives umzuwandeln gelte. Inhaltlich forderte sie eine Abkehr vom reinen Klickmodell hin zu einem nutzerbasierten Vergütungssystem, das sie als „Account-Schranke“ bezeichnete: User:innen sollten künftig nur noch die Acts finanzieren, die sie tatsächlich hören – ähnlich wie beim früheren Kauf von Tonträgern. Bereits beim Auftaktgipfel im Dezember 2025 hatte Balbina als Hauptsprecherin der Akademie für Populäre Musik gefordert, dass Musikschaffende nicht nur Gegenstand kulturpolitischer Entscheidungen, sondern gleichberechtigte Verhandlungspartner:innen sein müssten.

Tagung der Musikbranche im Kanzleramt. Foto: BKM / photothek / Trutschel

Grönemeyer beschrieb die Gesprächsrunde vor dem Hintergrund der aktuell laufenden Fußball-WM als „sehr sportlich“. Er kritisierte, dass das aktuelle Streamingsystem nicht abbilde, wie viele Menschen einen Artist tatsächlich hörten, sondern lediglich, wer die meisten Klicks erziele – Klicks, die sich im Darknet käuflich erwerben ließen. Nach seiner Rechnung erhalte ein Artist für ein komplett gehörtes Album oft nur rund zwei Cent, während der überwiegende Teil eines Abobetrags in einen gemeinsamen Topf fließe, aus dem vor allem besonders klickstarke Acts profitierten. Die Altersgruppe der 30- bis 80-Jährigen werde im derzeitigen System kaum abgebildet, da diese Hörerschaft seltener, aber gezielter Musik konsumiere, was laut dem 70-jährigen Musiker nicht abgestraft werden sollte.

Verena Bößmann, Vorstandsmitglied beim Verband unabhängiger Musikunternehmer:innen (VUT), erklärte, man starte „auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner“ in den Prozess. Für die unabhängige Musikbranche sei insbesondere wichtig, dass Themen wie Marktkonzentration und ungleiche Wettbewerbsbedingungen zentraler Bestandteil der weiteren Arbeit blieben, um faire und transparente Vergütungsmodelle herzustellen und kulturelle Vielfalt zu sichern.

Gegenüber MusikWoche äußerte sich Bößmann im Anschluss an das Treffen noch zurückhaltender zur Bilanz des Tages: „Es ist gut, dass auch die Runde der Streamer mit am Tisch saß. Wir hoffen, dass der Prozess jetzt zügig aufgesetzt wird und wir wirklich belastbare Ergebnisse bekommen. Ob wir zufrieden oder nicht zufrieden sind, können wir aber noch nicht sagen, weil der eigentliche Prozess ja erst losläuft.“ Der bestmögliche Ausgang für den VUT? Den „bunten Haufen an Schieflagen“ – wie die 1000er-Schwelle im Streaming, ungerechtfertigte Strafzahlungen, Marktkonzentration und ungleiche Wettbewerbsbedingungen – „wegzuwischen“. So sollten auch unabhängige Musikunternehmen und Künstler:innen wieder von der eigenen Musik leben können.

Der VUT unterstreicht zusätzlich in einer Meldung, dass die Indies für rund 80 Prozent aller Neuveröffentlichungen in Deutschland stehen. „Angemessene Vergütung fängt nicht bei der Verteilung eines zu kleinen Kuchens an. Dafür brauchen wir nutzungsbasierte Vergütungsmodelle, Transparenzanforderungen an die Plattformen und nachvollziehbare Auskünfte gegenüber Rechteinhabern“, fordert Bößmann dort.

„Wir hoffen, dass der Prozess zügig aufgesetzt wird und wir wirklich belastbare Ergebnisse bekommen.“ Verena Bößmann (VUT).

Auf der anderen Seite der Diskussion äußerte der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands Musikindustrie (BVMI), Florian Drücke, vorsichtigen Optimismus zum bevorstehenden Arbeitsprozess: „Fast könnte man den Eindruck haben, wir haben schon richtig gearbeitet“, sagte er mit Blick auf die bereits erzielte Einigung. Als zentrale Themen der kommenden Monate nannte er den Umgang mit Streamingbetrug sowie generativer KI. Zugleich betonte er, gerade die Mitgliedsunternehmen des BVMI leisteten in den bestehenden Partnerschaften mit Künstler:innen „sehr viel“.

Gefragt nach dem optimalen Ausgang der Verhandlungen, kommentiert Drücke im Nachgang gegenüber MusikWoche: „Für uns ist ganz entscheidend, dass die zentrale Bedeutung des unternehmerischen Risikos und der Investitionen unserer Mitgliedsunternehmen in dem anstehenden Prozess berücksichtigt wird.“ Als Kernziele nennt er den Schutz des Urheberrechts sowie die Bekämpfung von Manipulationen: „Davon abgesehen geht es dringend um die konsequente Eindämmung von Streaming-Fraud.“ Und auch der Umgang mit KI-generierter Musik sei nicht mehr wegzudenken.

Trotz unterschiedlicher Interessen sieht Drücke keine unüberwindbaren Grenzen, sondern eine neue Dynamik: „Uns verbindet mehr als uns trennt, das muss man betonen, denn sonst wird man auch einer gemeinsamen Zukunftsagenda für einen starken deutschen Musikmarkt nicht gerecht“, beteuert er. Für ihn sei die Atmosphäre „heute offener und konstruktiver als in anderen Phasen der Debatte“ gewesen.

„Uns verbindet mehr als uns trennt.“ Florian Drücke (BVMI).

Für die Streamingdienste hob Susanne Dehmel aus der Geschäftsleitung des Verbands Bitkom die Rolle der Plattformen als Wachstumstreiber hervor. Laut einer Umfrage nutzen fast zwei Drittel Audiostreaming. Die Zukunftsagenda biete eine gute Basis für eine faktenbasierte Debatte über Transparenz, Vergütung und Fraud. Bereits im März erklärte Dehmel, dass Reportingtools die Nachvollziehbarkeit verbessert hätten, die wachsende Künstler:innenzahl die Einnahmen pro Kopf jedoch schmälere. Eine Diskussion über alternative, nutzerzentrierte Verteilungsmodelle statt des Pro-rata-Ansatzes halte sie für sinnvoll, forderte jedoch eine differenzierte Betrachtung. So hieß es bei der Pressekonferenz vonseiten der Streamingdienste, dass es nicht zwingend um mehr Geld, sondern um die Verteilung innerhalb der gesamten Wertschöpfungskette gehe.

Der Verband Pro Musik äußerte sich in einer eigenen Mitteilung kritischer. Die Vorstandsvorsitzende Nina Graf verwies darauf, dass nach wie vor der Großteil der Einnahmen nicht bei Urheber:innen und ausübenden Künstler:innen ankomme und diese Schieflage durch den Vormarsch generativer KI zusätzlich verschärft werde. Der Kulturstaatsminister dürfe nicht hinter seine eigenen Ankündigungen zurückfallen, so Graf: „Als Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien ist Wolfram Weimer qua Amt der Anwalt der Musikschaffenden und der Vielfalt unserer Kulturlandschaft.“

Auf einen Prozess, der vielleicht schon recht schnell mehr Klarheit in der Debatte schaffen könnte, verwies Balbina letztlich in der abschließenden Fragerunde: Für den 31. Juli wird ein Urteil im Rechtsstreit der GEMA gegen den KI-Musikdienst Suno erwartet.